Vor Überraschung verschlug es Rudi die Sprache, was nicht oft vorkam.
Michaela weidete sich an seiner Sprachlosigkeit.
»Ja, da bist du baff, was?« Sie grinste, bückte sich und fischte nach kurzem Suchen zwei kleine Gegenstände aus dem Karton. »Und damit dieser erfreuliche Zustand so bleibt …« Blitzschnell hatte sie ihm einen Schnuller in den Mund gestopft. Wie eine riesige Pflaume fühlte sich der an – waren Schnuller für kleine Kinder wirklich so groß? Es fiel ihm schwer zu sprechen.
»Der bleibt drin, wenn du nicht willst, daß ich wirklich böse werde!« drohte ihm Michaela an. Rasch riß sie ein paar Blätter von der Zewa-Küchenrolle ab und tupfte Rudi routiniert zwischen den Beinen und am Po trocken. Mit einem resoluten »So!« schloß sie ihre Arbeit schon wieder ab. »Richtig gewaschen wirst du heute abend, fürs erste muß es mit Trockentupfen gehen!«
Vorwurfsvoll starrte Rudi sie an. Sie bemerkte es und entgegnete: »Schau mich nicht so an wie ein waidwundes Reh! Mami und wir Helfer haben es alle viiieeel schwerer als du, du kannst die Sommerferien hier bequem verbringen und wirst uns nicht weiter stören bei unserer anstrengenden Arbeit – haben wir uns verstanden?«
Resigniert wandte Rudi den Blick ab, sah dabei zufällig in die Zimmerecke neben die Tür. »Warum ist denn da die Tür von meinem Kleiderschrank mit so viel gelbem Klebeband verklebt?« fragte er erstaunt.
»Na weil der Schrank auch ’raus muß, wenn wir anfangen, das Zimmer hier zu renovieren.« Michaela schien erstaunt, daß Rudi nicht von selbst draufkam. »Den Kasten schleppen wir mit Inhalt ins Nachbarzimmer, und damit dabei die Türen nicht aufspringen und die ganzen Klamotten ’rausfliegen, haben wir die Türen nicht nur abgeschlossen, sondern auch noch mit gaaanz viel stabilem Klebeband zugeklebt. Da siehst, was hier alles für dich getan wird, du undankbarer, plärrender kleiner Stöpsel!« In einer Mischung aus Indignation und Belustigung zerstrubbelte Michaela Rudi das Haar, aber der entzog sich mit mürrischem Gesicht. »Aber wie komm ich denn dann an meine Sachen ’ran, wenn das alles zugeklebt ist?« fragte er beunruhigt.
Michaela lachte genüßlich. »Ach Junge, die Sachen brauchst du doch in den nächsten Wochen gar nicht.« Als ob damit alles gesagt sei, veranlaßte sie ihn durch einen Klaps auf den Po, den Hintern anzuheben. Als er ihn wieder sinken ließ, spürte er das dicke Vlies der Windel, in der er die nächsten Stunden verbringen würde, wahrscheinlich sogar den ganzen Tag. Doch anstatt die Windel über seinen Hüften zu schließen, griff sie zu dem zweiten kleinen Gegenstand, den sie aus dem großen Paket gekramt hatte: einem schmalen, silberglänzenden Streifen mit kleinen länglichen Ausbuchtungen. Rudi konnte sich keinen Reim darauf machen.
»Soooo, mein kleiner ungezogener Rudi, nun woll’n wir mal sicherstellen, daß du nicht mehr so einen ungesunden Unfug treibst, nicht wahr?« Mit sichtlichem Genuß tauchte Michaela ihre Finger in die rasch geöffnete Nivea-Cremedose, pulte knisternd etwas Längliches aus dem Silberpapier, nahm es in ihre dick cremeverschmierten Finger und legte diese an Rudis Po. Rudi machte eine reflexartige Abwehrbewegung. »Kschsch! Gaaanz ruhig bleiben!« ermahnte sie ihn mit drohend erhobenem Zeigefinger. Rudi hielt erschrocken inne und spürte, wie sein Poloch eingecremt wurde und wenig später etwas in ihn eindrang. »Was machst du da?« fragte er seine Tante ängstlich. »Ich bin doch nicht krank!«
»Aber du wirst bald krank werden, wenn du dein A-a weiter so krampfhaft bis zum Abend zurückhältst!«
Rudi spürte, wie tief unten in seinem Darm etwas langsam schmolz und alles anfing zu rumoren – noch langsam, aber unaufhaltsam.
Michaela mußte lächeln angesichts seiner Leichenbittermiene.
»Nun guck doch nicht so böse! Ich mach das doch nicht, um dich zu quälen, sondern weil du wirklich nur Schaden anrichtest mit deinem Eigensinn – für dich und uns!« Wieder zerstrubbelte sie ihm das Haar, aber ihr etwas hintergründiges Lächeln verriet, daß es bei ihr jenseits der Verantwortung für ihn doch auch so etwas wie eine gewisse Lust am Bevormunden und Schurigeln gab …
Im Handumdrehen hatte sie die neue Windel straff um seine Hüften geschlungen und mit den seitlichen Klebestreifen verschlossen. »So – und weil’s hier in den nächsten paar Tagen ganz schön turbulent zugehen wird, müssen wir dich mal eben umquartieren.« Sie streckte Rudi ihre Rechte entgegen.
Rudi erstarrte. Sein Herz machte einen Sprung. »Aber ich kann doch nicht so ’rausgehen! Dann sehen mich doch die Handwerker so! Die werden mich doch alle auslachen, wenn sie mich in der Windel sehen!«
»Im Moment sind sie gerade in der Frühstückspause. Die sind ja auch nicht solche Schlafmützen wie du; die werden schon das erste Mal müde, wenn du dich noch verschlafen von einer Seite auf die andere drehst!« Sie nickte bekräftigend und steckte ihm den riesigen Schnuller wieder in den Mund, der ihm herausgefallen war. »Und jetzt auf! Keine Zicken mehr, wenn ich bitten darf!«
Ihr Tonfall war jetzt so entschieden, daß Rudi es für ratsam hielt, folgsam ihre ihm erneut entgegengestreckte Rechte zu ergreifen. Mit festem Griff zog sie ihn aus dem Zimmer, die Stiege herunter und in ein kleines Zimmer im Erdgeschoß: das ehemalige Kleinkindzimmer seiner großen Schwester, das jetzt zu einem kleinen Gästezimmer umgebaut werden sollte.
»Warum sind denn da die Gardinen weg?« schrie er entsetzt beim Eintreten, und wieder rutschte ihm sein Schnuller aus dem Mund und fiel zu Boden. Michaela hob ihn auf, und KLATSCH! hatte er eine Ohrfeige weg. Erschrocken starrte er sie an, während sie ihm das pflaumenförmige, riesige Ding wieder in sein Mündchen stopfte und ihm die ersten Tränen in die Augen schossen. Sie zwang ihn, ihr ins Gesicht zu schauen, das er durch einen leichten Tränenschleier wahrnahm. »Wenn das noch ein einziges Mal vorkommt«, ermahnte sie ihn mit drohend erhobenem Zeigefinger, »dann ist was mit dem Kochlöffel fällig – klar!?« Erschrocken nickte Rudi und ließ sich gehorsam von Michaela in das alte, große Gitterbett seiner großen Schwester führen, die im Augenblick zum Glück zwei Wochen bei Verwandten verbrachte, welche aber leider nur ein Kind bei sich aufnehmen konnten. Die hätte ihn schön ausgelacht!
Ängstlich war er bemüht, nicht in die Nähe des Fensters zu geraten. Michaela lachte unverschämt. »Warum sind die Gardinen da weg?« fragte er sie noch einmal, diesmal aber deutlich sanfter; schließlich wollte er nicht noch einmal den Schnuller verlieren! Michaela registrierte es mit sichtlicher Genugtuung.
»Nun, diese Gardinen müssen auch endlich einmal gewaschen werden; das war schon längst einmal überfällig!« Als wäre damit alles erklärt, wandte sie sich dem Kleiderschrank zu, in dem die längst nicht mehr benutzten Kleinmädchensachen seiner mittlerweile zwölf Jahre alten Schwester hingen. Nach einigem Suchen rief sie erfreut: »Das wäre doch das Richtige, solange deine andere Klamotten unbenutzbar sind, oder nicht?« Strahlend hob sie ein altes Sonntagskleidchen von Rudis großer Schwester in die Höhe, ein rüschenbesetztes, altmodisches, weit geschnittenes »Hängerchen«, das sie wohl im Alter von vier, fünf Jahren für Sonntagsbesuche getragen haben mochte – süß, mädchenhaft und niedlich. Aber er war doch kein Mädchen! Vor Empörung spürte er einen Kloß in der Kehle, und sein Tränenfluß verstärkte sich. »Du willst mich doch nicht im Ernst in dieses Ding da stecken?« mummelte er halb erstickt und leise, bemüht, seinen Schnuller nicht zu verlieren.
»Warum denn nicht? Ist doch süß, das Kleidchen, nicht?« Sie lachte gemein. Dann wurde sie wieder ernst. »Nein, aber mal im Ernst: Irgendwie müssen wir ja sichergehen, daß wir ungestört arbeiten können – und dein Schlafzimmer muß ja wirklich ausgeräumt werden. Und nackt und nur in Windeln kannst und willst du ja nicht ’rumlaufen – also kriegst du die nächsten Wochen die alten Sachen deiner Schwester an. Ist doch eigentlich ganz logisch, oder?«
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