Die großen Ferien mußten gut ausgenutzt werden, wenn in sechs Wochen alles fertig sein sollte, hatte Mami gesagt. Und deshalb mußte er, klein Mäxchen, die ganzen Ferien über brav in seinem Zimmer bleiben und Windeln tragen, hatte sie gesagt! Die Wut stieg in ihm hoch, als er das dicke Windelpolster rund um seine Hüften betastete. Windeln tragen! Er, ein stolzer Erst-, ja fast schon Zweitkläßler!
Beschämt ließ er den Kopf sinken; seine frohe Stimmung war verflogen. Wenn das seine Klassenkameraden sehen könnten – vor allem die beiden doofen Jungs aus dem Nachbarhaus! Lebenslanger Spott wäre ihm sicher. – Solange Bad und Klo hier im Haus eine einzige Baustelle waren, mußten alle in der Familie über die Straße zu einem freundlichen Nachbarn gehen, einem viel netteren als dem mit den beiden spottlustigen Rotzbuben, und dort die Toilette aufsuchen. Für ihn, klein Rudi, allerdings sei es viel zu gefährlich, allein die verkehrsreiche Straße zu überqueren, da mußte er von einem Erwachsenen begleitet werden, und die waren alle bei den Renovierungsarbeiten unabkömmlich, jedenfalls vor fünf Uhr nachmittags. Oh ja, er kannte schon die Uhr! Er wußte, wie lange das dauerte, bis der kleine Zeiger auf fünf stand und der große auf zwölf! Den Kalender kannte er auch schon: Er wußte, wie lang die großen Ferien waren. – »Am besten ist’s, du bleibst den ganzen Tag hier drin im Zimmer und trägst eine Windel – und abends führen wir dich nach drüben, baden dich und machen uns einen richtig gemütlichen Abend, hm, was meinst du?« hatte Mami fröhlich gemeint; doch was von ihr als Freundlichkeit und als bedeutendes Zugeständnis gedacht war, hatte bei ihm nur einen Trotz- und Wutanfall ausgelöst. Windeln tragen! Die ganzen Sommerferien lang! Im Zimmer bleiben! Für war eine Welt untergegangen. Immer wieder hatte er genörgelt und geschrien, geklagt und geweint in den vergangenen zwei Ferientagen, weil er sich nicht damit abfinden wollte. Vergeblich. Er hatte es lediglich geschafft, wenigstens sein »großes Geschäft« bis abends zurückzuhalten und nicht in die Hose gehen zu lassen. Wenigstens das. Magenkrämpfe hatte es gekostet, aber die Windel war unbeschmutzt geblieben. Naß und schwer, aber unbeschmutzt. Er war stolz.
Vor seiner Tür wurden Stimmen hörbar, und wenig später wurde sie aufgerissen. Rudi blieb der Mund offen stehen. »Was machst du denn hier, Tante Michaela?« rief er überrascht.
»Ja, da staunst du!« entgegnete die Angesprochene. »Deine Mama hat mich hergerufen, weil sie mit den Renovierungsarbeiten nicht allein fertig wird – und mit dir erst recht nicht!« Ihre Stimme wurde lauter. Drohend baute sie sich mit resolut vor der Brust verschränkten Armen vor ihm und seinem Bett auf. So bekamen sie sicher auch viele ihrer kleinen Patienten zu Gesicht, wenn sie renitent und widerborstig waren und den Betrieb aufhielten. Das war schließlich ihr Job als Kinderkrankenschwester im Kreiskrankenhaus, da Ordnung zu halten. Nett zu sein zu den Folgsamen und streng zu den Widerborstigen.
»Was glaubst du eigentlich, was du hier in den letzten Tagen angerichtet hast?« herrschte sie ihn vorwurfsvoll an. »Du undankbarer kleiner Fratz – das ist doch alles zu deinem Besten, die schöne Hausrenovierung hier! Du bekommst ein schönes, neu hergerichtetes Zimmer, und alles, was du tust, ist, deiner schwer arbeitenden Mutter das Leben noch zusätzlich schwer zu machen?!«
»Aber das ist so ekelhaft und nur für kleine Kinder, was Mami mit mir …«, murmelte Rudi verschüchtert, machte Michaela damit aber nur noch wütender.
»Du bekommst doch gerade ein neu eingerichtetes Zimmer, weil du jetzt ein größerer Junge wirst!« korrigierte Michaela unwirsch. »Und nur weil du mal ein paar Wochen in Windeln verbringen mußt, machst du hier so ein Riesentheater! Deine Mutter hat es nicht mehr ausgehalten, die hat mich zu Hilfe gerufen – und bevor ich ihr jetzt bei der Arbeit helfen werde, werde ich dich erst einmal gehörig zur Räson bringen – das kannst du mir glauben!«
»Will dieses Zeug nicht tragen!« klagte Rudi weinerlich und war kurz davor, in Tränen auszubrechen.
»Papperlapapp!« wischte Michaela alle Einwände beiseite. »Ein wirklich großer und vernünftiger Junge würde einsehen, daß das alles sein muß; der würde nicht so einen Aufstand und solche Schwierigkeiten machen, sondern das alles durchstehen wie ein Mann!«
»Richtige Männer tragen auch keine Windeln!« Rudi war im Bett aufgesprungen und wollte vor Wut auf die Matratze trampeln.
»Natürlich tragen die auch Windeln!« erwiderte Michaela überraschend ruhig. »Du kleiner Stöpsel hast eben einfach keine Ahnung! Wenn strikte Bettruhe vorgeschrieben ist, werden auch die Erwachsenen im Krankenhaus oft einfach an die Betten gebunden. Die können dann nicht mehr aufs Klo und bekommen Windeln an den Popo.«
Völlig perplex starrte Rudi sie an.
»Es gibt also überhaupt keinen Grund, sich zu schämen. Was glaubst du denn, wie oft ich zehnjährigen Bübchen im Krankenhaus Windeln anlegen muß, weil der Arzt ihnen strenge Bettruhe verordnet hat? Und wie oft man sie dann festmachen muß mit so einem Brustgeschirr für Babies, weil sie sich schämen und trotz Verbot aufstehen und aufs Klo gehen wollen?«
»Zehnjährige Jungen? Das muß doch furchtbar für die sein!« rief Rudi entsetzt aus.
»Ach was, das ist überhaupt nicht schlimm!« sagte Michaela resolut und raschelte mit einem Paket, das Rudi erst jetzt wahrnahm. Ein großes Paket voller Windeln, registrierte er erschrocken. Sein Herz klopfte immer heftiger. Michaela fuhr ungerührt mit ihrem Tun fort. »Zuerst heulen sie natürlich, plärren und klagen, aber wenn wir ihnen dann gezeigt haben, wo’s langgeht und daß es auf keinen Fall anders geht, ist Ruhe im Karton, und das geht so ganz nebenbei!«
»Was geht so nebenbei?« fragte Rudi verwirrt.
»Na, das In-die-Hose-machen natürlich!« antwortete Michaela in einem Tonfall, als wäre es das Natürlichste auf der Welt bei zehnjährigen Buben oder gar bei erwachsenen Männern – und für Michaela war es das wohl auch.
Raschelnd hatte sie eine große, dicke Windel aus dem riesigen Karton gefingert. «Nach ein paar Tagen pupsen die Jungs ganz normal und selbstverständlich ins Höschen, ob die Schwestern nun gerade da sind oder nicht, ob grad viel Betrieb ist im Zimmer oder nicht. Und wenn diese großen Jungs das können, dann kann es so ein kleiner Stöpsel wie du erst recht!«
Rudi empfand diese Worte als Beleidigung und erstarrte vor Ekel und innerer Ablehnung, als Michaela sich ihm mit der aufgefalteten Windel in der Hand näherte. Das riesige Stück Zellstoff kam ihm wie eine Drohung vor.
»Beine breit! Windelwechsel!«
Rudi schüttelte stumm den Kopf, schluckte trocken und preßte ängstlich die Beine zusammen.
Michaela ließ die Windel sinken. »Bitte, wie du willst. Dann bleibt die alte eben bis heute abend dran!«
Erschrocken machte Rudi augenblicklich die Beine breit. Michaelas kurzes, trockenes Auflachen hätte ihn fast wieder verschreckt, aber da war sie schon bei ihm mit ihren großen, gewandten Händen, gegen die Widerstand einfach albern und sinnlos war. In wenigen Sekunden hatte sie ihn auf ein rasch ausgebreitetes Gummilaken gesetzt, ihn von der Nachtwindel befreit und befühlte seinen Hintern. »Nur naß – nicht voll!« stellte sie nüchtern fest, als hätte sie nichts anderes erwartet. »Weißt du eigentlich, daß du damit deiner Mutter noch zusätzlich Ärger machst?« wandte sie sich nun betont resolut an ihren neuen Zögling und stemmte energisch die Hände in die Hüften.
»Zusätzlich Ärger?« Rudis Gesicht war ein einziges Fragezeichen.
»Ja klar – oder glaubst du, wir haben das nicht gemerkt, daß du in deinem albernen Stolz dein großes Geschäft krampfhaft bis zum Abend zurückhältst, bis zum Besuch auf der anderen Straßenseite?«
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