Ich kann mich nicht erinnern, mich jemals mit anderen Textarbeiterinnen und -arbeitern darüber unterhalten zu haben. Aber was heißt das schon.
Einmal im Monat brauche ich das, ich wische den Bildschirm, ich reinige die Tastatur, räume den Schreibtisch auf und danach fühle ich mich besser.
Bei mir ist das typisch Sonntag Nachmittag, ich höre mir die Jazzplatten an, die ich sonst nie höre, ein Glas Wein, das ist richtig schön, aber nur wenn es regnet.
Ich mach das, ach Scheiße, einmal im Jahr vielleicht und dann geht’s mir aber ziemlich dreckig, dann hört aber der Arsch unter mir meine Zähne klappern.
Wenn die Tastatur nicht sauber ist, das macht mich wahnsinnig, ich weiß, das ist total bescheuert, trotzdem, ich muss das auch gar nicht groß diskutieren, es ist mir egal, wie das die anderen machen, bei mir ist das einmal die Woche, inklusive Stifte spitzen und alles, was irgendwie damit zu tun hat, jawohl.
Ich kratz da immer mit den Fingernägeln, wenn mir das richtige Wort nicht einfällt, und dann hast du plötzlich tierisch viele ooooooooooo auf dem Schirm, Attacke vom Mars, Hilfe, Hilfe, jetzt sauf ich aber wirklich mal weniger.
Ich seh’s einmal anders herum, morgen Nacht nehm ich einen Typen mit heim und der schaut sich dann meine Tastatur an, also ich weiß nicht, aber wenn der meint, er muss sich da einmischen, dann kann er aber schon gleich wieder gehen.
Du wirst es nicht glauben, aber es gibt eine spezielle Reinigungslösung dafür, es gibt sogar so was wie diese Erfrischungstücher, wo sind eigentlich die Erfrischungstücher geblieben, waren das die Sechziger eigentlich, oder doch Siebziger und Achtziger, ich glaube in den Neunzigern nicht mehr so, das war sicher auch so ein spezielles Ostding, ich muss mir das im Netz jetzt mal genauer ansehen, Erfrischungstücher, Raststätten, Reiseschreibmaschinen und der Knirps, pass mal auf, Pulswärmer sind auch wieder da.
So könnte man sich wohl stundenlang darüber unterhalten.
Bei meinen alten Schreibmaschinen habe ich die Typen öfter geputzt. Dazu benutzte ich Stecknadel, Stofftaschentuch und Feuerzeugbenzin. Mir gefiel die Tätigkeit, und auf dem Papier konnte man dann sehen, dass sie einen Sinn hatte. Ich vermisse meine alten Maschinen, genauer gesagt die Geräusche, die sie bei der Arbeit machen. Es ist kein gutes Gefühl zu wissen, dass ich sie wohl nur noch selten aus der Ecke holen werde, um einen Text in die Maschine zu hämmern. Vor einigen Monaten war ich, aus einer diffusen Stimmung heraus, bereit, immerhin meine elektrische Schreibmaschine nach langer Zeit wieder zu benutzen. Und dann war das Farbband nach wenigen Zeilen verbraucht und schon war aus einer angenehm verträumten eine schlechte Stimmung geworden. Es war die schmutzige Tastatur eines Keyboards, die mich bald milder stimmte.
Die Sonne spendet nun kein Licht mehr, in meinem Fenster ist kein Blau mehr, kein Grün. Doch verstummt sind endlich die Schreie.
Die Textbausteine, die Worte, Sätze und Fragen hatten dann in der Wildnis der ihnen fremden Sprachfelder so lange gebrüllt, bis ich nicht mehr anders konnte, als ihnen zu helfen. Ich habe die hoffnungslosen, ängstlichen Einzelgänger zu einer Gruppe verbunden, die nun überlebensfähig zu sein scheint. Zuletzt erklärte ich ihnen, warum ich glaubte, dass es nichts Gutes bedeutete, dass ich mit dem Putzen aufgehört hatte und sie nicht allein und ihrem Schicksal überlassen, sondern sie zu einer immerhin 7542 Zeichen starken Einheit formiert hatte. Obwohl ich da schon wusste, die verstanden nichts von dem, was ich ihnen sagen wollte.
Ich bin nur ein Mann, der seine Arbeit tun will, aber ich habe ein Herz, das mir sagt, wann ich helfen muss. Dann habe ich das Gerät ausgeschaltet und gehofft, morgen wäre auch noch ein Tag.
Manchmal frage ich mich, wie viel Zeit meines Lebens ich in Lokalen verbracht habe. Und wie es aussehen würde, wenn man alle Gläser, die ich hatte, in Reihe stellt. Nur so. Und wie viel Moos ich wohl dort gelassen habe? Das weiß ich ziemlich genau. Wenn man alle Münzen und Scheine in einen Sack füllen würde, der mir von der Decke auf den Kopf fällt, dann wäre ich tot. Aber wenn ich’s nicht getan hätte, wäre ich sicher schon lange tot.
Seit fünf Jahren lebe ich in einer außergewöhnlichen Situation, und fast alle Leute, die uns zum ersten Mal besuchen, sind begeistert. Ihr habt ja eine Kneipe gleich im Haus! Als hätte man das Ziel gehabt und es damit endlich, endlich erreicht, nie wieder raus zu müssen. Und so einen schönen kleinen Biergarten! Dann die entscheidende Frage, ist es denn gut da?
Das ist es ja, dass es gut da ist, täglich von zehn bis ein Uhr im Hektor, und deshalb ist es ein nicht ungefährlicher Ort, an dem ich lebe. Du hast eines der angenehmsten Lokale der Stadt im Haus. Das fördert den Hang zur Faulheit und den Amüsiertrieb und ist ein gutes Fressen für den Pleitegeier. Du hast den ganzen Tag Buchstaben aus dem Alphabet geschlagen oder sonst was, die Sonne ist untergegangen, und diese gewisse innere Stimme sagt, du willst noch unter Menschen sein, aber weiter als bis ins Erdgeschoß würdest du jetzt auf keinen Fall gehen, nein, heute nicht, du bleibst zu Hause. Eine andere Standardsituation ist der abends leere oder völlig falsch gefüllte Kühlschrank. Eine unaufgeregte Stimme sagt, gehn wir runter? Und dann gehen wir nur mal schnell runter.
Das Hektor ist mit seinen etwa siebzig Sitzplätzen und einer langen und einer kurzen Theke weniger eine Kneipe, sondern, wie’s auch draußen heißt, mit »Café-Bar« treffender beschrieben. Denn es ist schon ganz schön elegant (im Gegensatz zum schon ganz schön runtergekommenen vierstöckigen, hundert Jahre alten Haus, das Postbräu gehört), ohne dabei irgendwie fein oder schnöselig zu sein oder zu tun. Die Regisseure und Bedienungen sind immer schnell und freundlich, ohne servil zu sein oder den Eindruck zu erwecken, man könnte ihnen dumm kommen. Leute, denen ihre Arbeit grundsätzlich Spaß zu machen scheint und die was davon verstehen, die hat man gern in seiner Nähe. Und wenn im Gespräch die Frage auftaucht, was denn der fünfte Film von Scorsese war, wendet man sich an Herrn Hü.
Die italienverliebte Speisekarte steht täglich neu an der Tafel und man braucht keine zwei Stunden, um sie zu studieren. Die Gerichte sind sehr gut und sehen auch so aus auf dem Teller und man kann großen Hunger haben und bekommt sogar Hilfe bei Problemen mit Kindern. In vergleichbaren Lokalen wird dafür anders hingelangt. Dass die Gaststätte auch eine Bar ist, zeigt das Angebot an Drinks und ihre Zubereitung. Womit ich nicht gesagt habe, dass das Helle von Postbräu nicht verbessert gehört. Zumindest möchten wir jetzt endlich einmal unser Bad renoviert bekommen.
Oft bin ich sogar unten, um einfach nur Musik zu hören. Da laufen nicht immer die gleichen Kassetten, da laufen keine Deppen, da kann ich mir manchmal Curtis Mayfield wünschen, da stehen auch zwei Plattenspieler. Eine kritische Stimme, die der von unser aller Plattenhändler verdammt ähnlich klingt, der seine Frau jeden Samstagabend in der Küche schuften lässt, meint, es würde zu viel »Bumsmucke für BWL-Studenten« laufen. Damit meint er Triphop und so, und er hat natürlich recht mit seiner Beobachtung, dass dies nicht der Ort ist, wenn mal wieder der große gute Krach im Getümmel gebraucht wird, aber ehrlich, diesen Ort möchte ich auch nicht ständig im Haus haben.
Und wer kommt überhaupt rein? Die ominöse bunte Mischung. Mit hoher Frauenquote, selten paar Dumpfmeistern, zu wenig Alten, manchmal zu vielen Studenten, die bei mir den Eindruck erwecken, FDP zu wählen und Westerwelle für wenigstens irgendwie nicht so verschnarcht zu halten. Aber man muss sich nicht groß um Leute kümmern, die von Alex dem Tiefseetaucher mit einem Blick kalt gestellt werden können und sollte sich auch daran erinnern, dass er manchmal täuscht, der Eindruck. Angenehm finde ich, dass es keins von diesen Stammgäste-Lokalen ist und also auch nicht dieses Sich-wie-daheim-Fühlen ausstrahlt. Bei großen Fußball-Turnieren wird »das Studio« eingerichtet. Auf die nur stufenhohe Bühne am Ende des langen schmalen Raums, wo ein großer Tisch steht, den man wie ein Theaterstück betrachten kann, kommen dann Fernseher, Kunstrasen und Bierbänke und -tische. Wenn nötig, werden die Öffnungs- den Spielzeiten angepasst. Man ist nicht in Gefahr, wenn man gegen Deutschland ist.
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