Außerdem hatte Elfriede noch Geld in den Opferstock gelegt. Zugegebenermaßen nicht viel Geld, aber sie hatte in ihrem Herzen beschlossen, weit mehr zu opfern, wenn die erste Gabe nicht ausreichen würde, weil die an den Himmel gerichteten Wünsche in Zeiten des Krieges inflationär waren und einer deftigeren finanziellen Grundlage bedurften, um zu den richtigen Himmelshelfern vorzudringen. Wer wusste das schon. Im Krieg war alles anders. Elfriede war sich sicher, dass der Himmel ihre guten Beweggründe erkennen und honorieren würde. Zu guter Letzt hatte sie noch die Manneskraft des Bäckers gegen die zart schmelzende, aber seitensprungneutrale Buttercremetorte eingetauscht. Elfriede war moralisch gerüstet.
Und dann rief eine schwache, gedehnte Stimme ihren Namen. Es war ein zitternder Laut, vorwurfsvoll und sehnsüchtig. Er schlang sich die hölzerne Stiege empor, tastete an den Wänden entlang und brach sich in den Winkeln des oberen Stockwerks. Nichts anderes war zu hören. Elfriede erschauerte und tastete nach dem Beil, das sie aus Vorsicht nach der Nacht der ersten Erscheinung neben ihrem Bett deponierte hatte, falls die Heiligen überarbeitet und zu ihren Gebeten noch nicht vorgedrungen waren.
Dann wieder dieses Scharren, das das Rufen vor sich hertrieb. Elfriede glaubte sich an den Schritt zu erinnern. Es war der Tritt des Steinbruchbesitzers, der Schritt ihres Josephs, verhalten und schlurfend zwar, wie es sich für einen in Russland erfrorenen und ausgemergelten Leichnam gehörte, aber unverwechselbar. Elfriede presste das Beil gegen ihren Busen. Man hatte so manches von Geistern gehört. Man hatte gehört, dass sie an den Ort kamen, der ihnen am meisten vertraut war. Man hatte gehört, dass sie arme Seelen waren, die nur ihren Frieden fanden, wenn man ihrem Willen entsprach. Man hatte so vieles gehört. Elfriede gelang es nicht, das Rauschen ihres Blutes zu besänftigen und zu einem klaren Gedanken zu kommen. Sie hörte das Rufen, das beständig näher kam. Sie spürte die Seelenlosigkeit in der zitternden Stimme, die für einen lebendigen Mann zu hoch, für ein Gespenst jedoch gerade richtig zu sein schien.
Elfriede war eine temperamentvolle Frau von aufbrausendem Gemüt. Sie hatte für Joseph getan, was möglich war. Sie hatte ihn sogar den Himmelsmächten anempfohlen. Er gehörte nicht mehr in dieses Haus. Nicht in diesem Zustand. Elfriede hob das Beil.
Was weiter geschah, kann nur bruchstückhaft rekonstruiert werden. Am wahrscheinlichsten stand der Besucher auf den untersten Treppenstufen. Ein alter Armeemantel war um seine zwergenhaft kleine Gestalt geschlungen. Die genagelten Stiefel schlurften über den Boden. Ein unförmig ballonartiger Kopf ruhte auf schmalen Schultern. Er war eine krude ockerfarbene Maske mit geschnitzten Gesichtszügen. Aus dem Kopf loderte eine Flamme. Die Hirnschale war abgehoben. Der Besucher grinste.„Elfriede“, rief eine zittrige Stimme. Arme ohne Hände tasteten das Geländer entlang.
Wir müssen annehmen, dass es um Elfriede zu diesem Zeitpunkt bereits geschehen war. Ihre geistige Gesundheit war in jenen Momenten auf dem Weg, sich von ihr zu verabschieden. Es muss der Zeitpunkt gewesen sein, in dem Elfriede mit einer berserkerhaften Anstrengung ihr Nachtgewand zerriss und ihrer Fleischesfülle die volle Freiheit gewährte, bevor sie sich auf das Wesen stürzte, das einmal ihr geliebter Mann gewesen war. Wir wissen nicht, was sie rief, aber wir können sicher sein, dass sie nicht lautlos über den gespannten Draht stürzte und dabei mit einem unabsichtlichen Hieb den Kopf des Besuchers spaltete.
Was wir wissen, ist, dass sich eine zähe orange Masse aus dem Schädel löste und auf den aufgedunsenen Leib der Gestürzten fiel. Dann schrie Elfriede. Sie schrie, während der Besucher mit dem zerstörten Schädel weiter nach ihr rief. Sie schrie wegen des Schmerzes, den ihre gebrochene Hüfte ihr verursachte. Sie schrie, als das Wesen den Stolperdraht löste und sie betastete, um sich zu vergewissern, wo sich ihre Ohren befanden. Sie schrie wegen der Botschaft, die ihr der Besucher in die Ohren flüsterte.
Als man sie fand, schrie sie noch immer, doch ihre Augen waren erloschen. Wie Glasmurmeln irrten sie in ihren Höhlen herum. Die Nackte war mit Kürbisfleisch besudelt. Ein Beil lag in der Nähe. Den Kürbis konnte man nicht finden. Alles war rätselhaft und skandalös. Man versuchte noch den Verstand von Elfriede zurückzuholen, als man ihr den Feldpostbrief ihres Mannes vorlas, in dem er ankündigte, überlebt zu haben und bald auf Fronturlaub zurückzukommen. Elfriede stierte nur mit ihren Glasmurmelaugen und leierte Unzusammenhängendes heraus. Dann lieferte man sie in eine Anstalt ein.
Viktor besuchte Elfriede. Er war nicht nachtragend, nachdem er seine Arbeit gemacht hatte. Einmal brachte er Elfriede ein aus Pappe gestanztes Quartett mit. Es war ein Häschenquartett. Die Schwestern fanden, dass dies eine nette Geste sei. Elfriede aber schrie. Vielleicht hatten sie die Karten an etwas erinnert.
Viktor zuckte die Schultern. Er wollte noch nach Hedwig sehen. Für sie hatte er ein lebendes Kaninchen ausgesucht.
Das Wohnstift hatte eine Eigenwahrnehmung, die sich von der Zeit der Planung bis zur Fertigstellung immer mehr von der Wirklichkeit entfernte. Bei der Ausschachtung des Fundaments wäre es noch damit einverstanden gewesen, als konfessionelles Altenheim bezeichnet zu werden. Das Gießen von Fundamenten war keine glamouröse Tätigkeit. Nackter Beton und rostige Eisenfinger in einem schmierigen Erdloch berechtigten nicht zu hochfliegenden Plänen. Noch konnte es sich nicht vorstellen, dass sich zu den kahlen Wänden und den roh verlegten Kabelschächten ein dauerhafter Glanz gesellen könnte.
Eine erste Sinnesänderung erfuhr das Wohnstift mit der Fertigstellung des Rohbaus. Nicht, dass die über sechs Etagen nach oben verlängerte Tristesse Anlass zu einem beginnenden Standesdünkel gegeben hätte. Leer klaffende Fensterhöhlen, nachlässig eingepasste Bautüren und ungeschlachter Putz ließen keine unmittelbare Besserung der Situation erwarten.
Was die Erwartungshaltung des Wohnstiftes änderte, war die sachte einsetzende Werbekampagne. In der Lokalpresse erschienen Anzeigen. Es war von der Fertigstellung erstklassiger Altersruhesitze die Rede. „Erstklassig“ klang vielversprechend. Es war eine Vokabel, die sich nicht gut mit „Altersheim“ kombinieren ließ. „Ruhesitz“ hingegen war die geadelte Variante. Sie bürgte für glattgesichtige, frisch frisierte und vitale Bewohner, für aktive Senioren in der Blüte der Zerfallsphase. Sie ließ den Bodensatz der Desorientierten und Gramgebeugten hinter sich zurück. „Ruhesitz“ war der Aufstieg in die gehobene Liga. „Leben mit Genuss“ war das Motto. Krankheit und Sterben rückten aus dem Fokus. Das Stift begann freier zu atmen.
Im nächsten Schritt streifte man die alten Gewänder vollends ab. Die konfessionelle Ausprägung des Stiftes wurde zugunsten einer kantenlosen, zukunftsorientierten Betreibergesellschaft aufgegeben und dem Stift übergestülpt. Soziale und kirchliche Verantwortung für den Nächsten wichen einer Managementidee vom renditestarken Wohnen in der genussorientierten zweiten Lebenshälfte. Aus dem immer noch schlichten „Altersruhesitz“ wurde eine in großen Lettern angepriesene „Seniorenresidenz am Stadtpark“.
Das Stift war an der Spitze angekommen. Der Stadtpark war einige Blocks entfernt und hatte seinen Namen nicht verdient. Aus den oberen Stockwerken des Stiftes konnte man vereinzelte Blicke auf dichte Baumkronen erhaschen, aber die Magie der Werbetrommeln tat ein Übriges und machte die Erwartung auf verschlungene Spazierpfade, auf Vogelgezwitscher und eine zahme Eichhörnchenpopulation lebendig. Der Stadtpark selbst war eine eher überschaubare und blasse Angelegenheit. Ebereschen und Eichen verteilten sich über ein buckliges Areal. Drei Pfade wanden sich an Parkbänken vorbei und die aufgestellten Mülleimer quollen zu jeder Zeit vor Verpackungsmüll über, ehe sich die Stadtreinigung nach langem Zögern dazu bequemte, ihnen vorübergehende Erleichterung zu verschaffen.
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