1 ...6 7 8 10 11 12 ...23 Der Mann war auf der Fläche zwischen seinen wässrigen Augen und den schartigen Fingernägeln auf Mitteilsamkeit gepolt. Ich ließ ihn gerne gewähren, solange sich außer seinen feuchten Lippen auch seine Hände bewegten, die meinen Einkauf herrichteten. Konzentrierte Salzsäure sei nichts im Vergleich zu den chemischen Kampfstoffen, die dem winzigen Bombardierkäfer zur Verfügung stünden, der bei Bedrohung aus seinem Hinterteil bis zu hundert Grad heißen, mit ätzenden Substanzen angereicherten Wasserdampf verschießen könne – und das mit bis zu fünfhundert Dampfstrahlen pro Sekunde, dozierte der Verkäufer.
Meine Bedienung schmatzte anerkennend mit den Lippen. Auf der Halbglatze des Mannes hatten sich Schweißperlen gebildet, die offensichtlich auf die überwältigende Erregung zurückzuführen waren, die die Schilderung dieses Wunders der Bionik bei ihm auslöste. Für einen Moment stellte ich mir vor, wie Horden von ein Millimeter großen Käfern mit aufgestellten Hinterteilen die Weltherrschaft an sich rissen. So hatte ich die Sache noch nie betrachtet. Ich nickte und zahlte und bekam so nicht mehr ganz mit, welche Verdauungssäfte in dem Magen eines unschuldig reizenden Rotkehlchens tobten, das aus Samen, Fliegen und Würmern eine mehrfarbige Fäkalie braute, die sich durch Autolacke fressen konnte. Dennoch würden Vögel nie die Weltherrschaft erobern, weil sie es einfach nicht darauf anlegten. Bei mir verhielt sich das anders.
Aber die machbaren Dinge zuerst. Ich hatte nicht gedacht, dass es so aufregend sein könnte, ein Fahrzeug zu stehlen. Gut, es war nicht ein Fahrzeug im eigentlichen Sinne und der Vorgang des Eindringens beschränkte sich auf einen kurzen Einsatz des Bolzenschneiders, den ich zuvor im Baumarkt organisiert hatte. Aber immerhin. Einige Seitenblicke und eine schnelle Anstrengung später hatte ich mein Fahrrad. Es war ein veritables Retro-Modell, ein Kaltblüter unter den Fahrrädern mit stabilen Verstrebungen und einem Gepäckträger, der die Säureflasche und den Bolzenschneider in der Wolldecke mit seinem Drahtmaul festhielt. Wenn man einen Entschluss gefasst hat, macht man sich keine Gedanken um Äußerlichkeiten und so radelte ich auf asthmatisch pfeifenden Reifen durch den Nieselregen hinaus zum Stadtpark. Ich war ein seit Kurzem volljähriger Start-up-Unternehmer mit einer Mission.
Eine knappe halbe Stunde später war ich froh, dass Anoraks nie so richtig passten. Der meine war definitiv für einen anderen Mann geschnitten und schlang sich um mich wie eine Schlingpflanze. Die Kapuze verdeckte das halbe Gesicht und schränkte meinen Horizont so weit ein, dass ich ständig auf meine Beine starrte, die in den unendlichen Weiten des olivgrünen Textils strampelten wie gehorsame Kolben. Der gefütterte Sattel hatte mit meinen Hoden einen Nichtangriffspakt geschlossen und das bisschen Regen konnte mich nicht aus der Fassung bringen. Der Tag war zu einem fahlen, schwefligen Schein reduziert, als ich das Fahrrad in eine dichte Buschlandschaft schob, die in immergrüner, verschwenderischer Pracht über eine erkleckliche Ansammlung von Abfällen und tierischen Ausscheidungen wachte.
Mit klammen Händen packte ich die handliche Flasche mit dem Symbol für ätzende Flüssigkeiten aus und wog sie in der Hand. Sie war glatt und beruhigend. Die farblose Flüssigkeit schaute sich gemeinsam mit mir die Umgebung an. Nicht viel los heute und die wenigen Menschen, die unterwegs waren, hatten sich in Mäntel und Schals gewickelt und begegneten dem Regen mit aufgespannten Regenschirmen und unterdrückten Verwünschungen. Ich war viel zu früh, weil ich es kaum abwarten konnte, die Aufmerksamkeit der wichtigsten Frau in meinem Leben zu gewinnen. Erst dann würde ich wieder ruhig schlafen können.
Der schlammige Rasen saugte mit einem satten Geräusch an meinen Boots und die Gehwege ertranken in wild verstreuten Wasserlöchern. Die blauen Nylonseile eines Klettergartens weinten mit dem Regen um die Wette und die Obdachlosen, die die Parkbänke unter sich verteilten, waren schon längst zu trockenen Plätzen aufgebrochen. Übrig blieben die unvermeidlichen Pendler, die Salzsäure und ich. Bald würde noch ein weiterer Akteur hinzukommen, aber der würde mich nicht sehen. Korrekt ausgedrückt würde er mich am Anfang nicht sehen und wenn er mich am Schluss überhaupt noch sehen konnte, würde er verdammtes Glück gehabt haben. Eine 37-prozentige Lösung von Chlorwasserstoff in Wasser kann auf der Haut und in den Augen verheerende Schäden anrichten. Dies gilt natürlich auch für den Schlund und die Atemwege, wenn man die stark stechend riechenden Dämpfe einatmet oder die rauchende Flüssigkeit schluckt.
Es war beruhigend, dass es so viele Möglichkeiten gab. Mit etwas Glück konnte ich zu einer klitzekleinen Modifikation der Statistik beitragen, dass die meisten Unfälle im Haushalt passieren. Einen Unfall konnte man sehr wohl auch im Stadtpark erleiden, dort am fernen Ende des Parks, neben dem Grillplatz und dem Kiosk, die nach der Sommersaison geschlossen wurden. Ich schaute hinüber und die bizarr verwinkelten Äste der Rosskastanien nickten als Zeichen des Wiedererkennens zurück.
Ich hatte mich einige Male in der Gegend aufgehalten, um den Mann zu beobachten, der das Objekt meiner Begierde war. Er war eines der bedauernswerten Geschöpfe, die dem Joggen verfallen waren. Mit hängendem Kopf und schlurfenden Schrittes zog er seine Bahnen wie an der Schnur gezogen. Er tat es zu jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter und immer in den scheußlichsten Trainingsanzügen, die es für Geld zu kaufen gab. Nach exakt vier großen Runden kehrte er zu seinem Wagen zurück, den er unweit des Kiosks parkte, und kasteite sich mit einer Serie bandscheibengefährdender Gymnastikübungen, die so ziemlich alles an seinem Körper dehnten, außer seinem Verstand.
Langsam wurde ich unruhig. Ein ungnädig aussehender Rottweiler zog eine ältliche Dame an mir vorbei und führte sie Gassi. Der Dauerregen hatte mich in ein faltiges, tropfendes Gebilde verwandelt, das in Selbstauflösung begriffen war. Ich war bereit damit anzufangen, mir leidzutun. Dann kam er. Präzise gesagt, er fuhr vor. Die Scheinwerfer schnitten schräg über die Rasenfläche bis hinunter zum See, der in Wirklichkeit ein dekorativ überwucherter Tümpel war, in dem die Enten zuerst großflächige Rodungen vornehmen mussten, um zum Wasser zu gelangen. Ich hatte es nicht eilig. Ein Lichtpunkt entfernte sich vom Grillplatz in Richtung des Minigolfplatzes, der im Sommer Heerscharen von Kindern anlockte. Es gelang mir, die Taschenlampe des Läufers im Auge zu behalten, während ich rutschend und fluchend einen sanften Abhang hinunter glitt, um mich an der Uferböschung entlang in Richtung Kiosk zu tasten. Ich stieß mit den Füßen an eine Wurzel und fiel auf die Knie. Der Anorak war ein nasser, schwerer Lumpen und behinderte mich beim Gehen. Ich tastete nach der Flasche und fand sie unversehrt. Brackiges Wasser sickerte in meine Jeans. Meine Füße waren kalte Blöcke in feuchten Socken. Das Licht bewegte sich in meinem Rücken im Gegenuhrzeigersinn. Noch war alles gut. Es war sogar bestens. In der Dunkelheit fühlte sich der Regen kälter an und die Konturen des Kiosks verschwammen im Blauschwarz des Himmels.
Wahrscheinlich hätte ich frieren sollen, aber ich schwitzte. Es war die Jagd, die mich auf Trab hielt. Die Jagd mit einer bauchigen Flasche konzentrierter Salzsäure. Auf der Haut ruft sie Rötung, Blasen und brennende Schmerzen hervor. Vergessen Sie James Bond und die Säurebäder der Filmbösewichte. So schnell löst sich kein Mensch auf. Und in meinem Fall wünschte ich mir einen Zeitlupenablauf. Ich hätte keinen Moment später an dem Kiosk ankommen dürfen. Auf den Jogger hatte das unangenehme Wetter offenbar eine beschleunigende Wirkung. Ich wusste, dass er kurz nach rechts leuchten würde, um sich zu vergewissern, dass sein Auto noch am Platz stand. Der von mir ausgewählte Platz, an dem ich ihn erwarten würde, lag schräg hinter der Hütte auf dem Scheitel des Abhangs. Ich sah, wie sich der Lichtkegel der Taschenlampe bei jedem Schritt aufbäumte und glaubte das Keuchen des Läufers über dem gleichmäßigen Rauschen des Regens zu hören, während sich die schiefe Ebene des grasigen Abhangs nach mir ausstreckte, meine Schuhe verschluckte und sich so unnachgiebig seifig gab, dass an einen eleganten Aufwärtssprint nicht zu denken war.
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