1 ...7 8 9 11 12 13 ...23 Das hüpfende Licht kroch um die letzte Kehre und riss helle Löcher in meine Umgebung. Ich umarmte die Erde mit einer hingebungsvollen Anbetungsgeste und vergrub mich in schleimigen Grassoden und reichlich Matsch. Einen Augenblick war ich mir nicht sicher, ob mein Herz so laut hämmerte oder ob sich der Schritt des Läufers verlangsamt hatte. Ich versuchte ruhig zu atmen und bemerkte, dass ich im wahrsten Sinne des Wortes ins Gras gebissen hatte. Dann war es vorbei und die Schritte entfernten sich mit einem fetten Schmatzen und nahmen das Licht mit. Ich hob den Kopf und spuckte aus. Der geparkte Wagen hatte sich das Ganze von seinem Logenplatz aus angesehen. Er wirkte weder amüsiert noch beunruhigt.
Als sich endlich die magersüchtige Mondsichel bequemte, in meine Richtung zu schauen, spiegelte sich das schemenhafte Äußere des Monsters aus der Lagune in der Seitenscheibe des Wagens. Hätte ich ein halbes Dutzend blickdichter Nylonstrümpfe über meinen Schädel gezwängt, wäre ich weniger gut getarnt gewesen als mit der breiig teigigen Schmutzmasse, die aus einem aufstrebenden Jungunternehmer einen wild blickenden Ureinwohner Papua Neuguineas machte. Der Ureinwohner fror erbärmlich.
Die dritte Laufrunde wollte nicht enden und als sie endlich zu Ende war, musste ich zwei Anläufe unternehmen, um mit meinen klappernden Kiefern meinen Spruch aufzusagen. Ich hatte den Text selbst geschrieben und gut behalten. Er lautete: „Hallo Bert“.
Ich weiß wirklich nicht, was mich an Bert mehr störte. War es sein überhebliches Grinsen oder die Art, wie er mit seiner fetten Zunge geräuschvoll Essensreste aus den Zähnen pulte oder aber sein ewiges Gelaber über Disziplin, Respekt und seine großartigen Geschäfte mit den Drahtziehern im Hintergrund, das mit jedem weiteren Schluck Alkohol in ein verwaschenes, aggressives Krakeelen überging? Ich konnte es einfach nicht auf den Punkt bringen. Wahrscheinlich störte mich alles an ihm.
Es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, dass ich ihm einen enormen Schrecken eingejagt hatte. Sein Sweatshirt klebte an seiner bulligen Figur und schrie mich mit roten Glitzerbuchstaben an. „Karate King“, sagte es und löste nicht gerade Ehrfurcht in mir aus. Der Strahl der Taschenlampe erfasste mein mit Dreck verkrustetes Erscheinungsbild. Auf der nach oben offenen Besudelungsskala wäre ich mühelos bei einem Wert zwischen elf und zwölf gelandet. Wir standen uns im Abstand von vielleicht zwei Metern gegenüber. Ich war in seinem Rücken aufgetaucht und hatte die präzise berechnete Position eingenommen. Keine Panne an dieser Stelle.
„Hau ab, du Penner“, sagte Bert und machte Anstalten, seine Rumpfbeugen wieder aufzunehmen. Ich habe keine Ahnung, was mit dem Mann los war. Müdigkeit, Gleichgültigkeit, übersteigertes Selbstbewusstsein? Ich hätte mir gewünscht, dass er die Atmosphäre latenter Bedrohung wahrgenommen und sich drehbuchgemäß verhalten hätte. Zumindest der Gebrauch seines Namens hätte ihn hellhörig machen müssen. Stattdessen senkte er die Taschenlampe, kurz bevor der Strahl die Flasche in meiner Hand erfasste, ab und schüttelte sich eine Kaskade von Wassertropfen aus den Haaren wie ein Hund. Er hatte mich nicht erkannt.
Es ist schwer die Gedanken eines Mannes zu erraten, dessen Gehirnströme kaum messbar sind, aber ich versuchte mein Bestes. „Nimm das“, brüllte ich mit meiner besten Wutstimme und riss den Wurfarm nach oben. Sicher, Sie mögen meinen, dass die Inszenierung ein wenig zu martialisch war, aber mir lag sehr daran, Bert zu beunruhigen, bevor ich ihn verstümmelte, und „Nimm das“ ist ein klassischer Text. Außerdem verzichtete ich auf den Zusatz „du Schurke“, um eine unzeitgemäße Melodramatik zu vermeiden. Bert schrak tatsächlich zusammen und machte instinktiv eine abwehrende Handbewegung. Wohl tausend Mal hatte ich mir vorgestellt, wie ich den Wurf aus der Schulter ansetzte und ihm die Flasche ins Gesicht schmetterte, nachdem ich den Verschluss gelockert hatte. Den Rest können Sie sich vorstellen.
Der Mensch denkt und Gott lenkt, pflegte meine alte Mathematiklehrerin zu sagen und so ist es auch. Ein tief hängender Ast neidete mir die flüssig vorgetragene Aktion und prellte mir die Flasche mit unnachgiebig passivem Widerstand aus der Hand.
Ich hörte das Klirren der Flasche, die am Stamm der Kastanie zerschellte. Der stechende Geruch der Säure verbreitete sich augenblicklich. Ich war viel zu sehr mit dem Schmerz in meinem Handgelenk und dem Astteil beschäftigt, das ich in meinem Übereifer vom Baum geholt hatte. Bert jedenfalls schien jetzt ernsthaft beunruhigt zu sein. Sein Kopf drehte sich mehrfach vom Baum zum Auto und er umkrampfte die Taschenlampe, als habe er einen Entschluss gefasst. Ich verfluchte meine Nachlässigkeit. Mit der Rohrzange in der Hand wäre mein Problem gelöst gewesen. So aber kuschelte das unnütze Ding zusammen mit dem Fahrrad im Buschwerk. Ich bückte mich und tastete nach dem Aststück. Was ich aus dem nassen Laub grub, war ein mächtiger Holzprügel, den meine Handschuhe kaum halten konnten. Bert hatte sich ohne ein Wort auf den Weg gemacht. Sein Sweatshirt glitzerte sich aus meiner Reichweite. Sein Träger keuchte in Richtung seines Wagens, der die Aufforderung des Schlüsselsignals mit einem lauten Fiepen und einem Feuerwerk grellen Lichts beantwortete.
Mein improvisierter Knüppel traf die Waden des Enteilenden mit einem satten Geräusch. Bert stürzte durch das Scheinwerferlicht. Er stöhnte. Der Wehlaut beflügelte mich und der nächste Hieb saß zwischen den Schulterblättern. Ich hatte ihn mit voller Wucht geführt, konnte aber mit dem Ergebnis nicht zufrieden sein. Noch agierte ich zu unkoordiniert und überhastet. In Ermangelung einer präzise ausleuchtenden Lichtquelle überschlug ich hastig, wo bei dem sich windenden Bündel der Kopf sitzen musste und unternahm einen weiteren Versuch. Korrekt ausgedrückt unternahm ich noch eine Reihe weiterer Versuche, die immer besser gelangen. Dies mochte daran gelegen haben, dass ich mich mit gesteigertem Selbstbewusstsein warm prügelte oder daran, dass ich in einen Prügelrausch verfiel oder daran, dass der Dialog mit dem Liegenden, der aus angestrengten Grunzlauten meinerseits und wimmernden Schmerzensbekundungen seinerseits bestand, sich nach einer Weile zu meinen Gunsten zu einem einseitigen Monolog entwickelte.
Mein Prügel war der Erste, der aufgab. Er brach an mehreren Stellen auseinander und verabschiedete sich in ein morsches Rentnerdasein. Mir fällt es schwer, mich mit den Ergebnissen von Gewalt auseinanderzusetzen, auch wenn sie von mir ausgeht. Meine Genstruktur hat mich mit einem schwachen Magen gestraft und so stellte ich aus einer gewissen Entfernung lediglich fest, dass ich den halben Oberkörper meines Sparringspartners in den aufgeweichten Boden gestampft hatte. Trotz seiner eigenwilligen Ruheposition wirkte er friedlich und ausgeglichen. Das war der Zustand, in dem ich ihn am liebsten sah. Mittlerweile schwitzte ich zur Abwechslung wieder. Ich würde eine dicke Erkältung bekommen. Das war wieder so eine Sache, mit der sich Bert in Zukunft nicht mehr auseinandersetzen musste.
Die ungewohnte Anstrengung hatte mich vollkommen erschöpft und ich dankte Gott auf den Knien, dass ich den Beruf eines feinsinnigen Privatiers gewählt hatte und nicht als Malocher im Straßenbau fast täglich solchen widrigen Verhältnissen ausgesetzt war. Die Wagenschlüssel blinkten mir entgegen und enthoben mich der Sorge, was ich mit dem stummen Bert anfangen sollte. Dummerweise hatte ich nicht wirklich einen Plan B. Ursprünglich wollte ich mich nach dem erfolgreichen Wurf der Säureflasche unerkannt aus dem Staub machen, ohne mich mit weiteren Szenarien zu belasten. Jetzt erschien mir diese Vorgehensweise zu wenig ausgereift. Ich öffnete den Kofferraum des Geländewagens, der überraschend aufgeräumt und neuwertig wirkte. Er enthielt im Wesentlichen eine angebrochene Dose Autolack, zwei dicht verschweißte Pakete Banknoten und diverse Kleinigkeiten.
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