Mit halb abgewandtem Gesicht sprühte ich Benedikt, dem Fleischer, eine gehörige Portion Pfefferspray in die Augen. Sicher, ich folgte nicht korrekt der Gebrauchsanweisung und hielt den empfohlenen Abstand nicht ein. Der Zweck heiligt die Mittel, konstatiert ein viel gebrauchtes Sprichwort und hebt dabei auf die Effizienz einer Aktion als primäres Beurteilungskriterium ab. Sie können raten, wessen Lieblingssprichwort das ist. Wurde es besonders gerne von Mahatma Gandhi oder von Bert, dem zu Grillkohle verbrannten Boxtrainer, im Mund geführt? Genau wie Sie tendiere ich zu Bert. Es war das Klügste, was er je von sich gegeben hatte.
Die Wirkung war enorm. Der Kopf zuckte zurück, als sei er von einer Keule getroffen worden und gleichzeitig mit dem Einsetzen eines anschwellenden Heultons spreizten sich die Hände in dem vergeblichen Versuch, sich loszureißen und den geblendeten Augen zu Hilfe zu kommen. Selbst meine Augen begannen leicht zu tränen und fast hätte ich den Moment verpasst, mir wie ein lauerndes Raubtier den besagten Mittelfinger zu greifen und mit alle Kraft nach hinten zu drücken. Dass bei solchen Brachialakten Sehnen reißen und Knochen brechen können, ist selbstredend. Ich hatte vorher keine Ahnung, dass Finger bei gehöriger Überdehnung so merkwürdig entwurzelt über den Handrücken baumeln können. Im Prinzip betrachtete ich es als Arbeitserleichterung, denn erstens war ich nicht derjenige, der mit dem ganzen Widerstandsmist angefangen hatte und zweitens hatte ich mehr als genug damit zu tun, dass Schokopenis wie ein Irrwisch samt Stuhl in der Gegend herumschleuderte und sich wahrscheinlich noch aus dem Fenster torpediert hätte, wenn ich mich nicht mit vollem Körpereinsatz auf ihn geworfen hätte.
Schwer atmend und einigermaßen angewidert hatte ich mir einen ordentlichen Kopfstoß und Schokoladenflecke auf der Lederjacke eingehandelt. Ich muss sagen, dass ich nicht schlecht Lust hatte, dem opponierenden Fleischer in die Weichteile zu treten. Ich sah aus zwei Gründen davon ab. Zum einen, weil Rachegefühle kein guter Ratgeber sind und man gut daran tut, im Moment der höchsten Erregung Milde walten zu lassen, zum anderen, weil ich dann mit Sicherheit die Schokoflecke auch an den Schuhen gehabt hätte. Stattdessen hüllte ich mich in ein Ersatzlaken aus dem Schrank und begann ihm den Finger zu amputieren.
Glauben Sie nicht, dass ich einfach blindlings darauf lossäbelte wie ein Anfänger. Ich hatte mich im Praxislexikon über das Thema „Amputationen von Gliedmaßen“ mit dem Untertitel „Finger“ kundig gemacht und wusste die Basics über die richtigen Einschnitte, das Zurückziehen des Muskels und das Durchtrennen der Knochen am Knorpelgewebe. Als Zugabe konnte man mit einer Aderpresse die Blutung kontrollieren und den offenen Stumpf so verbinden, dass keine Infektion drohte und der Abfluss von Flüssigkeiten gewährleistet blieb. Soweit die Theorie.
Sicher kennen Sie auch diese Filme, in denen sich japanische Yakuza in einer Ergebenheitsgeste gegenüber ihrem Anführer ein Fingerglied abtrennen und anschließend mit steinerner Miene und im Schneidersitz einer Ansprache folgen. Schon in ganz normalen B-Movies aus der Rockerszene verlieren Bandenmitglieder haufenweise Finger bei allen Sorten von Messerspielen. Sie tun dies zwar mit schmerzverzerrtem Gesicht, aber irgendwie beiläufig, als sei der Verlust eines Fingers lediglich die Ouvertüre zum großen Finale, das man nicht mit allzu viel Theatralik belasten will. Alles Lug und Trug. Lassen Sie es sich gesagt sein. Das Praxislexikon hatte ja so recht, dass es über jedem medizinischen Rat mit fetten Lettern mahnte: Diese Informationen ersetzen keinen Arzt!
Ich war kein Arzt und ich war unersetzbar. Ich schnitt und kerbte und alles war eine riesige Sauerei. Fast wäre mir bei dem Versuch schlecht geworden, den Mittelfinger aus seiner Position zu schälen. Ich muss ganz klar sagen, das Versagen lag auf meiner Seite. Das Messer tat, was es konnte und gemeinsam schafften wir es dann.
Der Finger sah in seiner blutenden Losgelöstheit unschuldiger aus, als ich vermutet hatte. Er war dick, kräftig und kurz mit spatenförmigen Fingernägeln und einer pelzartigen Behaarung. Er würde so bald keine verbotenen Spiele mehr spielen, die seinen Herrn in Verlegenheit und dessen Frau in Verzweiflung stürzen würde. Alles in allem eine vielleicht alttestamentarisch drakonisch erscheinende Maßnahme und doch ein zukunftsweisender Fingerzeig, der dem Sünder Platz für tätige Reue ließ. Sie sagen, dass ich unnütz und geschwollen daherrede? Sie haben recht. Mir war kotzübel und das Blut schoss aus der zerfransten Wunde, als habe es all sein Leben auf diese Fluchtmöglichkeit gewartet. Ich schlang das gesamte in Streifen zerrissene Betttuch mit Nachdruck um Wunde, die übrigen Finger und Hand, bis ich einen unförmigen Wäscheklumpen vor mir hatte, der begann, zähes Blut in Stößen auszuschwitzen, obwohl ich ein Fläschchen blutstillende Tinktur über die ganze Masse ausgekippt hatte.
Auch wenn ich ein kompletter medizinischer Laie war, hatte ich mir doch das Kapitel über Reflexbeziehungen zwischen bestimmten Nervenbahnen und Muskelsträngen angeschaut und wunderte mich daher über die Metamorphose des Nikolaus nicht. Sie können mir sicher nicht verdenken, dass ich recht wenig auf sein Wohlbefinden geachtet hatte, während ich versuchte, ihn möglichst schonend von seinem übeltäterischen Mittelfinger zu befreien. Ich muss halb auf dem Mann gekniet haben und es grenzt an ein Wunder, das wir nicht mit dem Stuhl zur Seite gekippt waren. Ich hatte das Gefühl, dass ich nach Benedikt stank, nach seinem widerwärtigen Schweiß, seinem ordinären Parfüm und Resten erkalteter Schokolade. Um mit dem Unangenehmsten anzufangen – ich stank objektiv gesehen nach seinem Urin, denn als sein Widerstand erschlaffte, tat dies auch seine Blase. Soviel zu den Reflexbeziehungen unseres Körpers. Ich veranschlagte einen großzügigen Betrag aus seiner Börse für die Reinigungskosten meiner Kleidung.
Ansonsten hing er verdreht und schlaff in seinem Kostüm. Alles, was vom Hals aus abwärts an nackter, bewaldeter Haut zu sehen war, erschien unnatürlich bleich, während die Kopfpartie in einem Rotstich glühte, der vermuten ließ, die letzten Blutreserven hätten sich ohne Rücksicht auf die Gesetzmäßigkeiten des Kreislaufsystems in ein hoch gelegenes Depot geflüchtet, um dort Asyl zu beantragen. Ich nahm an, dass über diese Art der Ohnmacht auch etwas im Praxislexikon zu finden war. Das richtige Stichwort wäre „Tod durch Herzinfarkt“ gewesen.
Es war ruhig im Zimmer und jeder zufällige Zuhörer unseres kleinen Hörspiels musste annehmen, dass die Akteure nach dem Erreichen diverser Höhepunkte nun in eine Phase der erschöpften Abkühlung übergegangen waren. Im Prinzip hatten sie recht, denn das Einzige, was mir noch zu tun verblieb, erledigte ich mit Akribie und ohne die Verhinderungstaktiken des ausgeknockten Nikolaus. Mit Nadel und Faden konnte ich recht gut umgehen, wenn man bedenkt, dass ich mir schon seit Jahren Knöpfe an Hemden annähte, weil meine Mutter die meiste Zeit zwar willens, aber außerstande war, derartige Dienstleistungen zu erbringen. Ihre Qualitäten lagen eindeutig im erotischen Nahkampf.
Zugegeben, der abgetrennte Mittelfinger baumelte vom Ballen der anderen Hand, als ob er nicht dazugehöre. Anatomisch gesehen tat er es auch nicht. Als mahnende Nachricht erfüllte er seinen Zweck. Es war schwierig genug, das glitschige, unansehnliche Ding mit einer Serie von Stichen einigermaßen zu befestigen. Ich erspare Ihnen besser die Details meiner Fehlversuche und weise nur pauschal darauf hin, dass das Vernähen einer Wunde augenscheinlich wesentlich einfacher zu bewerkstelligen ist, als das Annähen eines Fingers an eine Stelle, die auf ein solches Vorhaben nicht vorbereitet ist.
Danach räumte ich auf und verstaute meine Utensilien. Die Maske konnte ich gefahrlos abnehmen, denn Goldlocke und Schokopenis hatten auf der Zielgeraden versagt. Ein bisschen Schwund ist immer. Herzinfarkt und Ersticken. Welch eine Kombination. Tröstlich, dass sie beide gemeinsam gegangen waren. Ich hatte Durst auf eine Fanta und brauchte ein Bad. Der Nebel hatte sich gelichtet. Ich benutzte den Notausgang und beschloss ein Stück zu laufen, um abzukühlen.
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