Das gnadenlose Zusammenspiel von Feuer und Eis im Inneren der Insel bedeutet aber auch, dass Ackerbau und Viehzucht nur an den Küsten und Flussmündungen möglich sind, wo sich fruchtbarer Boden einigermaßen halten kann. Aufgrund des Golfstroms ist das Klima hier zwar milder als in vergleichbaren Regionen derselben Breitengrade, aber der Boden einer konstanten Wind- und Wassererosion ausgesetzt. Auch deswegen hat es hier vor der Ankunft der ersten Siedler (s. Kap. 3) kaum größere einheimische Säugetiere gegeben, und das größte »Raubtier« der Insel ist der kleine Polarfuchs. Bis heute leben auf Island Vögel in großer Vielfalt, besonders Seevögel wie Papageientaucher und Küstenseeschwalben, und große Fisch- und Robbenbestände. Mit dem Menschen kamen Haus- und Nutztiere, vor allem Schafe und Pferde. Und all diese Geschöpfe klammern sich an die Küsten, denn das innere Hochland der Insel ist eine zwar spektakuläre, aber menschen- und tierfeindliche »Wüste«, in die sich nur Verbannte und Geister verirren.
Bald würden sich die nächsten Menschen um das knappe Ackerland an den Küsten streiten, die nach den irischen Mönchen Island erreichten. Aber zuallererst segelt ein Mann mit zwei Raben an Bord durch das Nordmeer …
Wieder liegt ein Boot vor der Küste Islands. Doch diesmal ist es kein Curragh mit Lederrumpf, sondern ein Drachenboot aus Holz. Der Drachenkopf jedoch fehlt, und stattdessen hängt ein Schild am Mast, das Zeichen für eine friedliche Fahrt. Vier Männer, gekleidet in rau gesponnene Wolle und Fell, stehen an der Reling, jeweils zwei halten einen fein geschnitzten Holzpfeiler über das Wasser. Hinter ihnen sitzen weitere Männer und Frauen auf ihren Seekisten an den Rudern und schauen auf den in feinere Stoffe gekleideten Mann am Steuer, eine große Gestalt mit vielen Goldringen an den Armen. Er wiederum blickt auf die Frau im grünen Kleid neben sich. Sie betrachtet die nahe Insel, den Dampf, der aus den Felsen in der Bucht aufsteigt und nickt. Der Mann dreht sich zu den vier Männern an der Reling und hebt die Hand. Die beiden Holzsäulen gleiten rumpelnd über Bord, doch es bleibt still auf dem Drachenboot, als die Hölzer langsam mit der Brandung auf die Insel zutreiben.
Auch bei der Besiedlung Islands durch die Nordmänner und -frauen spielen Bücher eine bedeutende Rolle. Zwei sind besonders wichtig: das Íslendigabók ( Buch der Isländer ) und das Landnámabók ( Buch der Landnahme ). Beide stammen wahrscheinlich vom ersten Historiker der Insel. Für die Isländer sind sie identitätsstiftend: Hier finden sich die Namen und Genealogien der Oberschichtfamilien, die von Norwegen aus die Insel besiedelten und deren Nachkommen bis heute auf der Insel leben.
Islands erster Historiker Ari Þorgilsson inn fróði wurde in eine adelige Familie auf der Snæfellsnes-Halbinsel geboren, als Urenkel von Guðrún Ósvífsdóttir (10./11. Jahrhundert), der Heldin der Laxdœla-Saga (s. Kap. 4). Im Alter von sieben Jahren kam er nach Haukadalur im Südwesten der Insel zu dem Skalden Hallr Þórarinsson, bei dem er eine geistliche Ausbildung erhielt. Von dort zog er später nach Staður auf die Südseite der Snæfellsnes-Halbinsel, wo er zum Priester geweiht wurde und für den Rest seines Lebens seine akribischen Forschungen betrieb. Mit seinen Werken hat er wesentlich dazu beigetragen, dass die isländische Frühgeschichte der Nachwelt überliefert werden konnte. Er inspirierte auch viele nachfolgende isländische Autoren wie den Universalgelehrten Snorri Sturluson (s. Kap. 3), der an sein Wirken anknüpfte und seine Geschichte der norwegischen Könige Heimskringla ( Weltkreis )Ari widmete.
Das Íslendigabók ist die älteste schriftliche Quelle erzählender Prosa in ganz Skandinavien und wurde 1125 von Ari auf Isländisch geschrieben. Das Buch erzählt die Geschichte Islands von der Landnahme durch norwegische Siedler von 874 bis 1118, mit einem Schwerpunkt auf der Entwicklung der Kirche und des Althings ( Alþingi ), Parlament und gesetzgebende Versammlung der Ortsvorsteher oder Goden ( goði ). Die Originalfassung von Aris Buch existiert nicht mehr: Die älteste erhaltene Version des Textes wurde von dem Priester Jón Erlendsson für den Bischof von Skálholt im 17. Jahrhundert erstellt und aus einem angeblich von Ari selbst revidierten Manuskript aus dem 12. Jahrhundert kopiert, das allerdings bald darauf verloren ging.
Heute ist das Íslendingabók übrigens auch der Name einer modernen DNA-Datenbank der isländischen Firma deCODE genetics, die mit Hilfe des originalen Íslendingabók , Kirchenregistern und anderen Quellen versucht, ein genealogisches Verzeichnis aller Isländer zu erstellen, die jemals gelebt haben. Die Íslendinga-App ist eine Dating-App, in der Isländer bei einem Date ihre Stammbäume miteinander vergleichen können, um sicherzustellen, nicht versehentlich mit einem Cousin oder einer Cousine anzubandeln.
Ein Kommentar im Landnámabók deutet darauf hin, dass Ari möglicherweise auch bei der Zusammenstellung dieses Werks mitgewirkt hat, zusammen mit dem Gelehrten Kolskeggur Ásbjarnarson. Das Landnámabók wurde im 11. Jahrhundert verfasst und listet 400 skandinavische Siedler auf, die sich auf Island zwischen 870 und 930 niederließen. Der Hauptteil des Buchs ist eine Genealogie der Siedler aus Norwegen sowie eine geografische Gliederung ihrer Ländereien. So werden die territorialen Grenzen der jeweiligen Siedlungen verzeichnet, Kurzbiografien der ansässigen Siedler dargeboten und deren Nachkommen bis ins 11. Jahrhundert aufgeführt. Auch die Originalversion des Landnámabók blieb nicht erhalten. Die älteste Version ist das Sturlubók ( Buch des Sturla ) des Schriftstellers und Skalden Sturla Þórðarson (1214–1284), entstanden vermutlich zwischen 1275 und 1280.
Die Wikinger – Eine Begriffserklärung
Als Wikinger gelten heute Teile der nordischen Völker des Nord- und Ostseeraumes aus der Gegend des heutigen Dänemark und Norwegens, die während der sogenannten Wikingerzeit (um 790–1070 n. Chr.) als Siedler, Seeräuber und Plünderer in ganz Europa anzutreffen waren – von Island bis Konstantinopel. Der Begriff Wikinger bezeichnet allerdings nur einen kleinen Teil der skandinavischen Bevölkerung, und zwar diejenigen jungen Männer und Frauen, die aufbrachen, um Reichtum in Übersee zu finden und diesen, oft zum Vorteil der eigenen Siedlung, mit nach Hause brachten. Diese Fahrten waren entweder private Plünderungsunternehmen von Wikingern eines Ortes, oder aber man schloss sich zu organisierten Verbänden und Heeren zusammen, um mehr Ertrag zu erzielen. Aber die Fahrten waren nicht immer notwendig mit Raub verbunden, sondern Wikinger dienten dabei auch als Vorauskommandos ungeplanter Siedlungsbewegungen. Nachdem sie erfolgreich auf Beutezug gegangen waren, brachten sie bei der nächsten Fahrt häufig die ganze Familie mit und blieben einfach vor Ort. In fruchtbareren Regionen, in denen sie durch ihre überlegenen Militärtechnologien wie dem Drachenboot leicht die lokalen Herrscher besiegen und Tribut von ihnen fordern konnten, ließen sie sich dauerhaft nieder. Zum Beispiel in Irland, wo sie die Städte Dublin und Waterford gründeten, auf den Färöer-Inseln oder im Nordosten Englands, wo das Danelag genannte Siedlungsgebiet für 50 Jahre komplett unter ihrer Kontrolle stand – dort benannten sie die Stadt Eoforwic in Jórvík um, einen Namen, den die Stadt bis heute behalten hat: York.
Wikinger ist also keine ethnische Bezeichnung, was auch bedeutet, dass im Zuge der Landnahme Island nicht ausschließlich von Wikingern besiedelt wurde. Und auch nach der Besiedlung gingen junge Männer und Frauen von hier aus auf víking , zum Beispiel die Saga-Helden Egill Skallagrímsson und Grettir der Starke (s. Kap. 4).
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