Die isländischen Buchhandlungen spielen nicht nur eine wichtige Rolle bei der Literaturvermittlung durch klassische Formate wie Lesungen, öffentliche Diskussionsrunden oder Signierstunden, sondern sind Kulturzentren im Sinne des Wortes. Was die Kunst in Island auszeichnet, ist das kaum vorhandene Schubladendenken. Schriftsteller arbeiten häufiger und ohne Scheuklappen mit Musikern, Filmemachern und Theaterleuten zusammen als vielleicht sonst irgendwo in Europa. Und so ist es kein Wunder, dass es in den Buchhandlungen auch Kammerkonzerte, Unplugged-Rockshows oder DJ-Sets zu sehen und hören gibt.
Auch die Verlagslandschaft ist in Island außergewöhnlich. Es gibt fast 30 unabhängige Verlage, häufig Familienbetriebe, die seit vielen Jahrzehnten existieren – und das in einem Land, das weniger Einwohner als Bochum zählt! Die meisten Verlage in Island haben ihren Sitz in Reykjavík, und heute ist das Verlagswesen zu einer boomenden Branche geworden. Die außergewöhnliche Bücherliebe der Isländer erlaubt es auch Nischenverlagen mit eher abseitigen Programmen, solide zu wirtschaften, so zum Beispiel dem Kunstbuchverlag Crymogea, der sich auf Naturbücher spezialisiert hat, oder dem Verlag/Kunstprojekt Tunglið, der immer nur 69 Exemplare eines Buchs pro Jahr druckt (und das auch nur bei Vollmond). Das Weihnachtsgeschäft hat überdies Einfluss auf die Planung von Veröffentlichungen, die sehr schnell vom ersten Manuskript zum fertigen Buchprodukt verarbeitet werden: Traditionell schicken die Autoren ihre Manuskripte im September, damit die Verlage schon Anfang Dezember die Bücher in die Läden bringen können. Das größte isländische Verlagshaus ist Forlagið, wurde 2007 gegründet und hat einen Anteil von 50 Prozent am allgemeinen Verlagsmarkt in Island, viermal mehr als der zweitgrößte Verlag, Bjartur & Veröld. Forlagið ist auch der erste isländische Verlag, der von einem ausländischen Unternehmen aufgekauft wurde: Seit 2020 gehören dem schwedischen Hörbuchverlag Storytel 70 Prozent des Unternehmens, eine absolute Novität auf dem isländischen Buchmarkt. Viele Autoren fragen sich, was aus ihren Urheberrechten und zukünftigen Veröffentlichungen wird, und die Geschäftsführerin des isländischen Schriftstellerverbandes Ragnheiður Tryggvadóttir merkte dazu an:
Die Leute sind geschockt, dass ein derart großer Anteil eines isländischen Verlages jetzt einem ausländischen Unternehmen gehört. Weil wir uns fraglos als Wahrer der isländischen Sprache sehen, und die isländische Sprache ist die Basis unserer nationalen Kultur. Unsere erste Reaktion war, dass das überhaupt keinen Sinn hat.
Das ist wenig verwunderlich: Bis heute liegt der gesamte Produktionsablauf isländischer Bücher alleine auf der Insel: Zwei Druckereien in Reykjavík drucken 70 Prozent aller veröffentlichten Bücher, und vom Lektorat bis zur Kasse im Buchhandel liegt alles in isländischer Hand. Das gilt auch für den Lizenzhandel: Neben Einzelauftritten isländischer Verlage auf den großen Buchmessen in London, Frankfurt oder Leipzig wird dieser zentral vom Miðstöð íslenskra bókmennta , dem isländischen Literaturzentrum mit Sitz in der Innenstadt von Reykjavík, angestoßen. Diese vom Staat finanzierte Institution hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Bewusstsein für die isländische Literatur sowohl im Inland als auch im Ausland zu schärfen und ihre Verbreitung zu fördern, und veröffentlicht zweimal pro Jahr eine Übersicht der neuesten Bücher der Insel für ausländische Verlage. Bei Interesse an einer Übersetzung vermittelt sie direkt an den jeweiligen isländischen Verlag. Ausländische Verleger isländischer Bücher können beim Zentrum Zuschüsse für Übersetzungen beantragen (die meisten deutschen Übersetzungen, die in diesem Buch erwähnt werden, haben davon profitiert), und Autoren, Verleger und Organisatoren können sich um finanzielle Unterstützung für Auslandsreisen und entsprechende Literaturveranstaltungen bewerben.
Wie beliebt Bücher in Island sind, zeigt sich nicht zuletzt auch in der Geschäftigkeit der öffentlichen Bibliotheken: Die moderne Stadtbibliothek in Reykjavík zum Beispiel, seit dem Jahr 2000 in einem großen Gebäude in Downtown untergebracht, ist die größte öffentliche Bibliothek Islands mit über 700 000 Besuchern im Jahr – und das in einer Stadt mit 200 000 Einwohnern. Pro Jahr werden alleine hier 1,2 Millionen Bücher ausgeliehen. Insgesamt gibt es in Island 78 öffentliche Bibliotheken, so dass jede der 75 Gemeinden des Landes mindestens eine Bibliothek besitzt, und diese haben einen Buchbestand von über zwei Millionen Exemplaren – also sechs Bücher für jeden einzelnen Einwohner der Insel. Und wie die Buchhandlungen sind auch die öffentlichen Bibliotheken wahrhaftige Kulturzentren und bieten zahlreiche Aktivitäten wie Vorträge, Schreibworkshops oder Vorlesestunden für Kinder an. Die Stadtbibliothek in Reykjavík organisiert im Sommer literarische Stadttouren durch die Nachbarschaft. Außerdem hat sie ein Büchermobil mit dem Namen ›Der Chef‹ ( bókabíllinn Höfðingi ) und ein Geschichtenmobil mit dem Namen ›Der Narr‹ ( Æringi ). Das Büchermobil, übrigens das einzige auf Island und mit einer dicken Couch im Heck, besucht unter der Woche fast 40 Orte in ganz Reykjavík und das Geschichtenmobil zur selben Zeit Vor- und Nachschulkindergärten. Überhaupt sind öffentliche Bibliotheken in ganz Island besondere Orte: In der Hafenstadt Akranes im Westen der Insel zum Beispiel liegt die Bibliothek direkt neben der örtlichen Filiale von Eymundsson, ohne dass man sich Konkurrenz macht. Menschen kaufen Bücher, die sie vorher in der Bibliothek gelesen haben, oder sie leihen sich Bücher aus, die sie dann als Geschenke in der Buchhandlung kaufen. Die Bibliothek von Ísafjörður in den Westfjorden ist Teil des Kulturhauses Eyrartuni, das im ehemaligen städtischen Krankenhaus von 1925 untergebracht ist und auch eine Ausstellung zur Geschichte des Hauses und ein Archiv beherbergt. Die älteste und kleinste öffentliche Bibliothek Islands findet man in einem kleinen Holzhaus auf der Insel Flatey im Breiðafjörður, erbaut 1864 und einst Aufbewahrungsort der wichtigen mittelalterlichen Chronik und Sagasammlung Flateyjarbók . Die außergewöhnlichste Bibliothek Islands ist allerdings keine städtische: In Stykkishólmur auf der Snæfellsnes-Halbinsel befindet sich die faszinierende ›Bibliothek des Wassers‹ ( Vatnasafn ). Dieses 2007 ins Leben gerufene Projekt wurde von der amerikanischen Künstlerin Roni Horn (*1955) initiiert und ist in der ehemaligen öffentlichen Bibliothek untergebracht, allerdings ohne viele Bücher. Die Sammlungen bestehen aus 24 Glassäulen mit Wasser aus Eis von den wichtigsten isländischen Gletschern, und in einem Nebenraum können die Besucher in Roni Horns fortlaufender Buchreihe über Island stöbern. Das untere Stockwerk der Wasserbibliothek ist ein privates Atelier, in das jedes Jahr Schriftsteller zu einem Arbeitsaufenthalt eingeladen werden. Die Residenzen werden abwechselnd von in Island ansässigen und ausländischen Schriftstellern genutzt, darunter die isländische Schriftstellerin Guðrún Eva Mínervudóttir (*1976), die amerikanische Autorin Rebecca Solnit (*1961) sowie die kanadische Dichterin Anne Carson (*1950).
Neben den größten Buchhandlungen des Landes, schrulligen Antiquariaten, der Zentralbibliothek und fast allen wichtigen Literaturinstitutionen des Landes gibt es in Reykjavík das Alþjóðlega bókmenntahátíðin , das Internationale Literaturfestival, das seit 1985 alle zwei Jahre stattfindet. In der Vergangenheit haben weltbekannte Autoren wie Günter Grass (1927–2015), Isabel Allende (*1942), J. M. Coetzee (*1940), Margaret Atwood (*1939), Paul Auster (*1947) und Swetlana Alexijewitsch (*1948) daran teilgenommen. Es gibt das Mýrin Bókmenntahátíð , das Internationale Kinderliteraturfestival, das seit 2001 alle zwei Jahre stattfindet, und Literatur ist immer auch wichtiger Teil des Programms des Reykjavík Arts Festival, das ebenfalls im Zweijahresrhythmus stattfindet. Da ein großer Teil der Künstler in Island multidisziplinär und kollaborativ arbeitet, ist das jährliche Iceland-Airwaves-Musikfestival ein ebenso wichtiges Event im Kulturkalender, bei dem Musiker gemeinsam mit Schriftstellern auftreten.
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