Genau wie seine Bewohner weist dieser Ort eine Vielzahl von Identitäten auf: Island ist vermutlich der letzte Ort in Europa, der besiedelt wurde. Das Land war eine vernachlässigte Kolonie unter Fremdherrschaft, deren Bevölkerung durch Naturkatastrophen fast ausgerottet wurde. Nach den beiden Weltkriegen wandelte Island sich zu einer fortschrittlichen nordischen Demokratie und entwickelte sich schließlich von einem der ärmsten Mitglieder der Europäischen Zentralbank zu einem globalen Finanzakteur, um nur wenig später, 2008, einen spektakulären Staatsbankrott zu erleiden. Island ist heute eines der beliebtesten Reiseziele der Welt und das Interesse an seinen Kulturerzeugnissen ungebrochen. Die faszinierende Insel im Nordmeer ist außerdem vor allem eines: ein Paradies für Buchliebhaber und Geschichtenerzähler. Die Autoren der Insel schreiben sowohl über aktuelle gesellschaftliche Missstände als auch historische Ereignisse, verfassen spannende Krimis, aber auch absurd-komische Werke mit einem Hang zum Grotesken und schaffen es dabei immer, literarische Stile und Themen der Vergangenheit und Gegenwart geschickt miteinander zu verbinden.
In den folgenden Kapiteln gehe ich anhand der historischen Entwicklung der isländischen Literatur der Frage nach, warum Bücher auf dieser kalten, vom Atlantik umbrandeteten und von Winterstürmen gepeitschten Insel seit jeher derart beliebt sind und warum die Literatur für Island überlebensnotwendig ist, stelle die wichtigsten Schriftsteller der Vergangenheit und Gegenwart und ihre Werke vor und zeige, wie die Verbindung von Geschichte, Natur und Sprache die Literatur zur wichtigsten Kunstform gemacht hat. Wie keine andere ist sie in der isländischen Gesellschaft verbreitet und demokratisch verankert.
2. Berichte aus dem Nordmeer
Hass und Hinterlist
des Althing, Lügen und Weiber,
Frieden genannte Erschöpfung,
Erinnern, gefärbt von vergossnem Blut.
Seamus Heaney
Lange bevor die ersten Menschen die Insel im Nordmeer bewohnten, übte das außergewöhnliche Landschaftsbild mit seinen feuerspeienden Vulkanen und riesigen Gletschern eine unendliche Faszination auf europäische Autoren der Antike und des frühen Mittelalters aus. Die spärlichen Berichte der ersten Entdecker ließen die Fantasie nur so sprießen – und zogen andere Seeleute an, so sehr, dass diese sich ebenfalls auf Expedition in das eisige Nordmeer begaben. Die ersten Siedler nahmen dann nicht nur die Insel in Beschlag, sondern hielten als begabte PR-Manager ihre eigenen Legenden in der Skaldendichtung fest. Sie verbreiteten sich in ganz Skandinavien und bildeten schließlich die Grundlage für die Sagas und die gesamte Literatur der Insel. Werfen wir einen Blick auf diese Geschichtenerzähler.
Das Boot wird von den Wellen auf- und abgeworfen. Die Männer in seinem dünnen Rumpf aus Stöcken und Rindsleder rudern um ihr Leben, in der verzweifelten Hoffnung, die kleine Bucht zu erreichen, die sie hinter den Wellenkämmen sehen können. Links und rechts der Bucht donnern die Wellen weißgischtig gegen Steilklippen, und über alldem thronen dunkle, feindselig aussehende Berge. Ist das jenes neue Land, das zu erreichen sie zu Gott gebetet hatten? Eine neue Insel nördlich all der Orte, auf denen sie bisher ihre Klöster gebaut und das Loblied des Herren gesungen hatten?
Der irische Bootstyp Curragh sieht nicht besonders hochseetüchtig oder vertrauenserweckend aus. Die kleinen Boote werden seit der Steinzeit auf irischen Flüssen, Seen und dem Meer benutzt und sind bis heute im Einsatz. Mit Eichenrinde gehärtete Tierhäute werden über ein Skelett aus Holz gespannt, oft leichtes, aber dünnes Material wie Haselnuss, und die Nähte mit Teer versiegelt. In der Mitte des Schiffs kann ein Mast mit Segel aufgestellt werden, und je nach Größe können in einem Curragh bis zu 30 Personen befördert werden.
Stellen Sie sich Folgendes vor: Sie sitzen in einem offenen Boot, das von den Wellen an der Mündung eines natürlichen Hafens am westlichen Rand Irlands herumgeworfen wird und von Regen und Brandung durchnässt ist. Das Einzige, was Sie vor dem Ertrinken schützt, ist die dünne aufgespannte Haut einer toten Kuh. Niemand, der bei klarem Verstand ist, würde ein solches Boot benutzen, um sich auf hohe See zu wagen. Aber die verrückten Iren praktizierten es damals, als man zum ersten Mal von »Thule« hörte, schon jahrhundertelang.
Ein Curragh ist klein und von geringem Gewicht, mit außergewöhnlichem Auftrieb in der Brandung und leicht zu flicken, wenn es auf Felsen geschleudert wird. Diese Boote sind für Küstengewässer perfekt geeignet: ein Schiff, das sich durch seine günstige Herstellung und Austauschbarkeit auszeichnet. Auf Reisen nach Norden sind es eben diese Schiffe, die einen regen Handel mit den schottischen Inseln und den Färöern ermöglichten – und wahrscheinlich auch nach Island segelten. Ein Text des römischen Dichters Rufus Avenius aus dem 4. Jahrhundert, Ora Maritima , beschreibt irische Seeleute, deren »Boote frei auf der rauen Meeresfläche segeln«. »Erstaunlicherweise«, fährt Avenius fort, »bauen sie ihre Schiffe, indem sie Häute zusammennähen und mit offenem Leder das Meer überqueren.« Es scheint also gut möglich, dass sich in solchen Booten im 6. Jahrhundert Mönche aus Irland aufmachten und als erste Menschen den Boden der vulkanischen Insel im Nordmeer betraten, die bis dahin bei einigen Gelehrten und Entdeckern als »Thule« bekannt war.
Vor 2000 Jahren tauchen die ersten Beschreibungen einer Insel im Nordmeer auf. In jener Zeit segelte ein griechischer Entdecker namens Pytheas (um 380 – 310 v. Chr.) von seiner Heimat in der damals griechischen Kolonie Massalia (dem heutigen Marseille) bis zu den britischen Inseln und in den Nordatlantik. Er veröffentlichte um 322 v. Chr. einen Reisebericht, dessen Titel vermutlich Über den Ozean (Περὶ τοῦ ᾿Ωκεανοῦ, Perì toũ Okeanoũ ) lautete, und beschreibt hier Fjorde, Eisberge und rund um die Uhr anhaltendes Tageslicht. Ob Pytheas tatsächlich bis Island segelte, ist unklar, doch der von ihm gewählte Name Thule wurde bis ins frühe Mittelalter hinein für die Insel verwendet. Pytheas’ Bericht ging verloren, die wenigen Fragmente seines Textes wurden unter anderem von Eratosthenes (276–194 v. Chr.) und Plinius dem Älteren (23/34–79) überliefert, die Pytheas in ihren Werken allerdings auch als Lügner bezeichneten, weil sie seine Reisen für unmöglich hielten oder sich selbst als Kenner der Materie profilieren wollten. Der im 1. Jahrhundert schreibende Gelehrte Geminos verfasste eine Abhandlung über die Phänomene der Astronomie, in der die Lage Thules südlich des Polarkreises erwähnt wird und die das einzige wörtlich bekannte Zitat des Pytheas enthält:
Für die noch nördlicher von der Propontis (Marmarameer) wohnenden Menschen hat der längste Tag 16 Äquinoktialstunden und für die noch weiter nördlich wohnenden 17 und 18. In diesen Gegenden scheint auch Pytheas von Marseille gewesen zu sein. Er sagt jedenfalls in seinem Werk Über das Weltmeer : »Die Barbaren zeigten uns, wo sich die Sonne schlafen legt.« Denn es traf zu, dass in diesen Gegenden die Nacht nur kurz ist, für die einen zwei, für die anderen drei Stunden, so dass die Sonne nach ihrem Untergang nach einer kurzen Zwischenzeit gleich wieder aufgeht.
Wohin auch immer es Pytheas verschlagen hatte, die nächsten Berichte aus dem Nordmeer lassen fast 700 Jahre auf sich warten. Und dazu brauchte es einen irischen Heiligen. Irland war im 6. Jahrhundert n. Chr. das Zentrum einer lebendigen christlichen Kultur mit zahlreichen Klöstern und angeschlossener Infrastruktur wie Schreibstuben, Brauereien und Bauernhöfen, und diese haben durch Lehren und vor allem die Verbreitung von Handschriften die christliche Zivilisation in Nordeuropa nach dem Niedergang des Römischen Reichs zu einem großen Teil bewahrt. Während dieser Zeit wagten sich irische Mönche auf spiritueller Mission oder auf der Suche nach neuen Orten für Klostergründungen in den Nordatlantik und segelten zu den Hebriden, den Orkney- und Shetlandinseln und den Färöern – und auch weiter nach Norden. Einer der bekanntesten Reisenden dieser Zeit ist die halbmythologische Figur des Heiligen Brendan.
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