Dundalk, April 2021
1. Buchverrückt – Islands Liebe zum gedruckten Wort
Blindur er Bóklaus Maður.
Blind wie ein buchloser Mann.
Isländisches Sprichwort
Wenn man sich nur ein wenig mit Island beschäftigt, kommt man nicht umhin festzustellen, welch großen Stellenwert Bücher und Literatur für die Isländer, ihre Identität und Geschichte einnehmen. Vielleicht sind diese auf Island wichtiger als in jedem anderen Land der Welt, was sich auch in den vielen verrückten Bräuchen und Alleinstellungsmerkmalen des isländischen Buchmarkts zeigt.
Island ist das am dünnsten besiedelte Land Europas und eines der kleinsten Sprachgebiete der Welt mit nur knapp 360 000 Einwohnern und rund 50 000 Sprechern außerhalb des Landes. Und doch werden in Island mehr Bücher pro Kopf produziert als in den meisten anderen Ländern der Welt. Nach Angaben des Internationalen Verlegerverbandes IPA liegt Island bei den Bucherscheinungen pro Kopf an weltweit zweiter Stelle hinter Großbritannien, und jedes Jahr erscheinen rund 1600 neue Bücher. Die durchschnittliche Auflage von Belletristiktiteln beträgt 800 Exemplare – was auf dem kleinen isländischen Markt ungefähr dem Zehnfachen in den USA entspräche. Vielleicht auch gerade, weil Amazon hierhin nur mit Extrakosten liefert, gibt es auf Island noch 83 Buchhandlungen, eine pro 4300 Einwohner (in Deutschland eine pro 14 000 Einwohner), und mehr als 90 Prozent der Isländer lesen laut einer Studie von 2013 mindestens ein Buch im Jahr, mehr als die Hälfte sogar mehr als acht. Dank Halldór Laxness (1902–1998), der 1955 als bisher einziger isländischer Schriftsteller mit dem Literaturnobelpreis gekrönt wurde, sind die Isländer das Volk mit der höchsten Nobelpreisträgerdichte pro Einwohner. Und sehr stolz auf Halldór, dessen Haus Gljúfrasteinn heute als Museum dient.
Es geht aber nicht nur um das Lesen an sich: Literatur ist in Island einer der wichtigsten Teile des öffentlichen Lebens. Bücher sind überall zu finden: auf Tischen in Cafés und Bars, in den Tankstellen im ganzen Land und den Tante-Emma-Läden in den kleinsten Dörfern, sie sind Gesprächsthema beim Friseur und in der Kneipe. Und späht man von der Straße in isländische Wohnzimmer, erblickt man: Bücherregal um Bücherregal. Isländische Autoren sind wichtige Personen nicht nur auf den Seiten des Feuilletons, sondern häufig auch bedeutendere Sprecher und Aktivisten als die Politiker der Insel selbst: Während der sogenannten Búsáhaldabyltingin (›Kochtopfrevolution‹) und dem Protest gegen die isländische Regierung und den Finanzcrash 2008 waren vor allem Autoren und Künstler die Sprachrohre der Protestbewegung. Auf der ganzen Insel finden sich Denkmäler und Gedenktafeln nicht nur für wichtige Autoren, sondern für Bücher und Gedichte selbst, häufig an den Orten, an denen diese spielen. Und wenn man sich dem Museum in der Kleinstadt Höfn im Süden der Insel nähert, das dem Schriftsteller Þórbergur Þórðarson (1888–1974) gewidmet ist, was sieht man dann schon von weitem? Eine lange Reihe von drei Meter großen Buchrücken, die die Fassade des Museums bilden.
Wenn im November der Wind in der Bucht von Reykjavík jault, die Wellen aufpeitscht und gleichzeitig der Schneeregen gegen die Fenster klatscht, kommt auch eine andere Wetterfront auf Island zu, eine aus gedruckten Büchern. Der größte Teil der hier verlegten Bücher erscheint erst im Spätherbst, und kurz vorher wird der Bókatíðindi veröffentlicht: ein dicker Katalog, der an alle Haushalte verteilt wird und sämtliche Neuerscheinungen aller Genres auflistet. Kurz darauf folgt dann die jólabókaflóð , die Weihnachtsbücherflut – vor allem der Tradition geschuldet, zu Weihnachten Bücher zu verschenken. Laut isländischem Verlegerverband verschenken 70 Prozent der Menschen hier mindestens ein Buch zu Weihnachten. Dieser Brauch geht auf den Zweiten Weltkrieg zurück, als Importbeschränkungen Bücher zum beliebtesten Weihnachtsgeschenk machten. Papier wurde im Gegensatz zu anderen Rohstoffen nicht rationiert, aber der Markt war klein, und die Verleger glaubten nicht, dass sie das ganze Jahr über Bücher verkaufen konnten, dementsprechend wurden neue Bücher gezielt in den Wochen vor Weihnachten veröffentlicht. Diese Strategie wird bis heute beibehalten, und die Buchhandlungen werden zu dieser Zeit regelrecht überflutet. Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass in Reykjavík und anderswo im Land die Zeit von Anfang Oktober bis Weihnachten in erheblichem Maße den Büchern gewidmet ist: Verlage bringen neue Bücher in großer Zahl heraus, Buchhandlungen, Bibliotheken, Cafés und Schulen fördern sie auf verschiedene Weise, und die Öffentlichkeit strömt zu Veranstaltungen und Lesungen mit Schriftstellern, die sogar als Verkäufer in Buchhandlungen auftreten. Am Tag vor Weihnachten, dem Hauptkampftag der jólabókaflóð , haben die meisten Buchhandlungen bis 23 Uhr geöffnet, die Buchhändler stehen verkleidet hinter der Theke, und ein großer Teil der Isländer kauft an diesem Tag die neuen Bücher. Einige Leute kaufen sich sogar selbst ein neues Buch zu Weihnachten, falls sie das Buch, das sie sich gewünscht haben, nicht bekommen sollten. Einer der Höhepunkte des isländischen Weihnachtsfests ist es bei vielen, gleich nach dem gemeinsamen Abendessen im Familienkreis mit dem Lesen eines neuen Buchs zu beginnen.
Die Menschen in Island waren schon immer begeistert vom Geschichtenerzählen. Die Entdecker Islands und die ersten Siedler aus Norwegen im 9. und 10. Jahrhundert brachten ihre Geschichten von Odin, Freya und Loki mit auf die Insel und gaben die Erfahrungen der sogenannten Landnahme, der Besiedlung Islands, in den nächsten Jahrhunderten mündlich weiter – sie waren von Anfang an exzellente Geschichtenerzähler und Sprachkünstler. Den Isländern und ihrer Liebe zum Fabulieren und Geschichtenerzählen verdankt die Welt die einzigen schriftlichen Quellen über die nordische Götterwelt: Im 13. Jahrhundert entstanden sowohl die Lieder-Edda , eine Sammlung von Götter- und Heldenliedern, die mit den Siedlern auf die Insel gekommen waren, und die Prosa-Edda des wichtigsten isländischen Autors Snorri Sturluson (1179–1241), die nicht nur die mittlerweile weltweit bekannten Geschichten der Abenteuer von Odin, Thor und Loki enthält, sondern auch eine Einführung in die Kunst der Skaldendichtung (s. Kap. 3). Zur selben Zeit wie die Eddas entstand aus der mündlichen Überlieferung der Landnahme und der Skaldendichtung, in der heidnische mit christlichen Elementen vermischt wurden, auch das Grundgerüst der isländischen Literatur bis heute: die mittelalterlichen Sagas (s. Kap. 4). Vom irischen Literaturnobelpreisträger Seamus Heaney (1939–2013) als »Poesie des Nordatlantik« bezeichnet, sind die Sagas (nicht Sagen) eine faszinierende Sammlung von Helden-, Abenteuer- und Familiengeschichten, die zwischen dem 11. und 14. Jahrhundert aufgeschrieben wurden und neben den Mythen der nordischen Götterwelt auch die Gründungsgeschichte des Staates Island erzählen. Hier finden sich die Namen der ersten Siedler und ihre Familiendramen und Konflikte, Geschichten von Wikingerfahrten und Gedichte, die von Königen und Herrschern mit goldenen Armreifen prämiert wurden, werden wiedergegeben, und die Landschaft Islands erhält ihre Ortsnamen. Es gibt wenige andere Länder, in denen ein Korpus mittelalterlicher Literatur auf nationaler Ebene den Menschen so am Herzen liegt wie die Sagas den Isländern. Sie gelten zu Recht als kulturstiftendes Erbe; es gibt keine derart kleine Nation, die einen solchen Schatz mittelalterlicher Texte besitzt, der sich seinen Lesern heute so leicht erschließt. Aber auch nach dem Ende der Saga-Hochzeit im 14. Jahrhundert und den darauffolgenden Jahrhunderten, in denen die Insel unter dänischer Kolonialherrschaft ein vernachlässigter und trostloser Ort am Rand der Welt und eines der ärmsten Länder Europas war, blieb das geschriebene Wort der wichtigste Aspekt der isländischen Kultur. Städte im mitteleuropäischen Sinne gab es kaum, und das kulturelle Angebot war gering. Mit einer bedeutenden Ausnahme: der Literatur. In vielen Gehöften im ganzen Land wurde Ende des 18. und Anfang der 19. Jahrhunderts der alte Brauch des húslestur (›Hauslesen‹) praktiziert, bei dem sich alle Haushaltsmitglieder am Abend nach dem Essen in der Baðstofa (›Wohnzimmer, Schlafraum und Werkstatt in einem‹) versammelten. Die Hausarbeiten wurden erledigt, während der Mann des Hauses laut aus der Bibel, den isländischen Sagas oder dem Bauernkalender vorlas, um seine Familie und die Knechte und Mägde zu unterhalten. Während der langen kalten und dunklen Wintermonate gab es oft wenig anderes zu tun, und die Menschen suchten nach etwas, um die Dunkelheit vergessen zu machen. Und was könnte dazu besser geeignet sein, als die alten Geschichten der Helden nachzuerzählen oder neue zu erfinden?
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