Aufatmend streckte Old Donegal das linke Bein aus.
Ohne viel Zeit zu verlieren, ließ er sich von der Taurolle auf die Planken gleiten und legte sich auf die Seite. Behutsam drehte er den Messergriff in den Fingern, bis die lange Klinge nach oben zeigte. Es geriet zu einem schweißtreibenden Bemühen, den scharfen Stahl zwischen den Handgelenken unter die Fesseln zu schieben. Und es ließ sich auch nicht vermeiden, daß er seine Haut dabei an mehreren Stellen ankratzte.
Er biß die Zähne zusammen und begann, die Klinge auf und ab zu bewegen. Naturgemäß konnte er hierbei viel weniger Druck anwenden als bei den Fußfesseln, und so dauerte es entsprechend länger. Dann jedoch, nach endlosen Minuten, spürte er, wie die erste Hanffaser zerplatzte. Weitere folgten, und schließlich ging es Schlag auf Schlag. Prickelnd und stechend setzte seine Blutzirkulation wieder ein, als die zertrennten Stricke wegfielen.
Old Donegal atmete tief durch und richtete sich halb auf. Als erstes verstaute er das Stilett wieder im Hohlraum, den er mit der Holzabdeckung verschloß. Dann horchte er.
Die Kerle befanden sich noch immer auf dem Achterdeck, hatten ihr Palaver aber beileibe noch nicht abgeschlossen.
„So eine verdammte Schufterei!“ rief einer. „Ausgerechnet jetzt, bei diesem Sturm. Können wir nicht wenigstens warten, bis das Wetter sich beruhigt hat?“
„Faule Ausreden“, entgegnete der Sargento Wütend. „Die Schaluppe wird abgewrackt und damit basta. Sturm oder nicht Sturm, ich will, daß wir so schnell wie möglich seeklar sind. Ich habe nämlich das Gefühl, daß hier noch einiges im Busch ist.“
Worauf du dich verlassen kannst, dachte Old Donegal und grinste sich eins. Er bemerkte jetzt, daß ein dünner Lichtstreifen durch das Schott zum Mitteldeck hereinfiel. Anscheinend war das Schott nur angelehnt. Einen größeren Gefallen hatten ihm die Strolche nicht tun können.
„Was meinst du denn damit?“ erkundigte sich einer der Kerle in einfältigem Tonfall.
Die Halunken waren faul wie die Sünde, folgerte Old Donegal. Sie taten alles nur Erdenkliche, um ihren Anführer im Gespräch hinzuhalten – alles, um die Arbeit an Bord des zerrupften Einmasters so lange wie möglich hinauszuschieben.
„Ja, seid ihr denn von gestern?“ rief der Sargento dröhnend. „Glaubt ihr im Ernst, daß der alte Knacker dieses hübsche Schiffchen allein führt? Seine Leute müssen an Land sein. Egal, was sie da treiben, wir können nur hoffen, daß der Sturm abflaut, bevor sie zurück sind.“
„Die schießen wir doch in Stücke“, sagte einer der Kerle im Brustton der Überzeugung. „Mit all den Drehbassen haben wir hier eine richtige kleine Festung.“
Leider wahr, dachte Old Donegal grimmig. Er hörte nicht weiter hin, richtete sich vorsichtig ganz auf und tastete sich geräuschlos durch die Enge des Kabelgatts. Zum Glück hatten sich die Galgenstricke nicht die Mühe bereitet, genauer nach dem Rechten zu sehen. Daher wußten sie auch nicht, daß das Kabelgatt gleichzeitig als Reserve-Waffenkammer diente.
In einer Ecke, hinter Taurollen verborgen, stieß er tastend auf die Halterung mit den Musketen und anderen Langwaffen. Er entschied sich für einen Blunderbuss, den er vorsichtig aus der Arretierung löste. Schwarzpulver und gehacktes Blei füllte er behutsam in den trichterförmigen Lauf und benutzte den schweren Ladestock, um die Ladung zu sichern. Mit Daumen und Zeigefinger überzeugte er sich, daß das Steinschloß in Ordnung war. Der Flint war bombenfest in den Hahn gespannt, der Reibstahl knochentrocken, wie es für einen einwandfreien Zündvorgang unerläßlich war.
Mit der geladenen Waffe schlich Old Donegal zum angelehnten Schott. Das Palaver der Kerle tönte noch immer über das Mitteldeck. Eine beruhigende Tatsache. Solange sie nichts unternehmen, arbeitete die Zeit gegen sie. Denn irgendwann mußten ja auch Arkana, Batuti und die anderen mit der Wurzelsuche fertig sein. Wahrscheinlich, so überlegte der alte O’Flynn, hatten sie aber auch den Drehbassenschuß gehört, wenn sie nicht ganz taub waren. Er spürte es an einem deutlichen Kribbeln in seinem Holzbein, daß sich die Dinge sehr bald entscheidend ändern würden.
Er erreichte das Schott, verharrte und horchte angestrengt. Geduld war jetzt am Platze.
Nach etlichen Minuten gelangten die Halunken endlich zu einer Einigung. Der Sargento konnte sich durchsetzen. Zwei von ihnen erhielten Order, zur Schaluppe hinüberzupullen und zunächst ihre Habseligkeiten zu holen. Danach sollten sie Verstärkung erhalten, damit auch Leinen, Trossen, Segeltuch und andere Ausrüstung geborgen werden konnten. Zum Schluß sollte die Schaluppe angebohrt und auf Grund gesetzt werden.
Die Deserteure waren bestrebt, ihre Spuren zu verwischen.
Old Donegal packte den Blunderbuss fest mit beiden Fäusten. Den Geräuschen nach begaben sich die beiden Spanier jetzt ins Beiboot. Nur noch drei befanden sich folglich an Bord der „Empress“.
Wenn sie günstig auf dem Achterdeck standen, war es keine Schwierigkeit, sie mit dem Blunderbuss abzuräumen.
Harte Furchen bildeten sich in Old O’Flynns Mundwinkeln. Er war entschlossen, sein Schiff zurückzuerobern. Diesen Bastarden sollte es nicht gelingen, sich die „Empress of Sea“ unter den Nagel zu reißen. Noch viel weniger sollten sie es schaffen, Gotlindes Leben in ernsthafte Gefahr zu bringen.
Batuti tauchte als erster an der Steuerbordseite der Schaluppe auf. Wassertretend verharrte er und bewegte den Kopf ruckartig nach beiden Seiten, um sich das Wasser aus den Augen zu schütteln. Im nächsten Moment war Jack Finnegan auch schon neben ihm.
Der Engländer grinste kampflustig.
Batuti nickte und entblößte sein perlweißes Gebiß. Er hob die Rechte aus dem kabbeligen Wasser und stieß den Daumen senkrecht hoch. Es war das Zeichen.
Ohne zu zögern, enterte der herkulische Gambianeger als erster auf. Mit kraftvollem Ruck zog er sich hoch, packte das Schanzkleid und rollte sich flach hinüber. Indem er sich mit den Händen abstützte, landete er lautlos auf den Planken. Jack Finnegan folgte ihm wenige Sekunden später auf die gleiche Weise.
Atemlos verharrten die beiden Männer auf dem Mitteldeck des verwahrlosten Einmasters. Keine einzige Leine war ordnungsgemäß aufgeschossen. Reserve-Segeltuch lag in wirrem Durcheinander vor dem Mastfuß. Und es gab eine Reihe von Sturmschäden. Keiner der Kerle hatte sich dazu aufgeschwungen, auch nur einen Handschlag zu tun, um die Schäden auszubessern. Die beiden Männer dachten mit Entsetzen daran, wie die „Empress“ aussehen würde, wenn sie längere Zeit von diesen Faulpelzen mit Beschlag belegt worden war.
Unvermittelt waren durch das Heulen der Sturmböen eindeutige Geräusche zu hören.
Das Klatschen von Riemenschlägen.
Batuti und Jack Finnegan wechselten einen Blick. Die Rechnung des schwarzen Herkules ging auf. Die Spanier hatten sich endlich entschieden, ihre Sachen von der Schaluppe zu bergen.
Sehr eilig hatten sie es damit nicht. Der Takt der Riemenschläge war träge und widerwillig.
Die beiden Männer verloren keine Zeit. Lautlos robbten sie bis zur Backbord-Verschanzung und warteten.
Es dauerte noch etliche Minuten.
Dann schließlich stieß das Beiboot mit dumpfem Laut gegen die Außenbeplankung.
„Du zuerst“, sagte einer der Spanier.
„Damit du hier im Boot hockst und ich die ganze Arbeit erledige?“ empörte sich der andere.
„Quatsch nicht! Ich werfe dir den Tampen zu, du sicherst die Nußschale, und schon bin ich bei dir. Du wirst dich schon nicht überanstrengen, Amigo.“ Ein meckerndes Lachen folgte.
Batuti sah zu Jack Finnegan hinüber. Ein Blick genügte zur Verständigung. Sie wußten jetzt, daß sie es nur mit zwei Gegnern zu tun hatten.
Der Gambianeger zog sein Entermesser und spannte die Muskeln.
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