Was sie planten, war aber noch immer nicht offenkundig. Old Donegal war gezwungen, in kurzen Abständen immer wieder nach vorn und nach achtern zu spähen.
Nichts tat sich.
Im Dickicht rührte sich nichts. Und der Sargento spielte mit seinen vier Strolchen gähnende Langeweile. Dabei war es bei dem beträchtlichen Wellengang in dem kleinen Boot alles andere als gemütlich. Denn mit unverminderter Kraft brauste nach wie vor der Sturm über die Bucht hinweg.
Einen Moment spielte Old Donegal mit dem Gedanken, drei Musketenschüsse abzufeuern, das alte Warnsignal der Arwenacks. Aber er verwarf den Gedanken sofort wieder. Wenn er Krach schlug, mußten Arkana und die fünf Männer ihre Wurzelsuche abbrechen, und sie würden eine Menge Zeit verlieren. Und das nur wegen dieser zehn lächerlichen Vogelscheuchen.
Nein, entschied der alte O’Flynn, mit denen wurde er allemal fertig.
Er hatte es kaum gedacht, als ein heftiger Ruck durch das Schiff lief. Er geriet ins Taumeln. Armrudernd versuchte er, das Gleichgewicht zu behalten.
„Elendes Lumpenpack!“ fluchte er. Aber es half nichts. Er schaffte es nicht, in der Senkrechten zu bleiben. Doch bevor er auf die Achterdecksplanken stürzte, warf er sich halb herum und sah, was sich vorn an Land abspielte.
Die fünf Kerle waren dort aus dem Dickicht aufgetaucht. Mit Triumphgebrüll zogen sie an den Leinen, die wegen der zusätzlichen Sicherung an Land verfahren und um die Bäume geschlungen worden waren. Das also war ihr Plan! Sie meinten, die „Empress“ trotz des Bugankers, den sie überfahren oder ausbrechen würden, an Land ziehen zu können.
Die Wut verlieh Old Donegal Behendigkeit. Es gelang ihm, sich eilends wieder aufzurappeln und nach vorn zu hasten.
Die Dons zerrten noch immer an den Leinen und gaben sich jetzt Kommandos im Takt.
Im Handumdrehen hatte Old O’Flynn die Steuerbord-Drehbasse gerichtet. Blitzartig senkte er die glimmende Lunte aufs Zündloch und hielt die Visierlinie mit eisernem Griff. Brüllend entlud sich das Geschützrohr und jagte die Ladung aus gehacktem Blei mit grellrotem Mündungsblitz hinaus.
Schreie gellten markerschütternd.
Im verfliegenden Pulverrauch sah Old Donegal, wie zwei der Kerle zusammenbrachen. Die Leine, die sie gehalten hatten, war vom Blei zerfetzt worden, der Tampen klatschte ins Wasser.
Reaktionsschnell warfen sich die drei anderen in Deckung.
Old Donegal wollte zur nächsten Drehbasse, um auch ihnen das nötige Lehrgeld zu verabfolgen. Gerade noch rechtzeitig sah er die Bewegung im Blattwerk. Der mattschimmernde Laufstrahl einer Pistole tauchte auf. Also verfügten sie doch über Kurzwaffen, und offenbar hatten sie einen Rest von Pulver trockengehalten.
Geistesgegenwärtig zog Old Donegal den Kopf ein.
Der Schuß bellte.
Er glaubte, den sengenden Gluthauch des Bleis zu spüren, das haarscharf über ihn wegstrich.
„Jetzt reicht’s“, knurrte er. „Einem alten Mann noch einen Scheitel ziehen zu wollen!“ Geduckt humpelte er weiter, um die vordere Backbord-Drehbasse herumzuschwenken.
Siedend heiß fiel ihm im selben Moment ein, daß er die Kerle im Boot außer acht gelassen hatte. Und genau das gehörte zum Plan der spanischen Galgenstricke. Auch seine geladenen Musketen und Pistolen und der Blunderbuss befanden sich auf dem Achterdeck. Nur den Entersäbel trug er am Gurt.
In dem Augenblick, in dem er sich herumwarf, geschah es bereits.
Höhnisch grinsend enterten die „Angler“ über die Heckbalustrade an Bord, voran der bullige Sargento. In Ermangelung einer besseren Waffe trug er einen der Riemen aus dem Beiboot. Auch zwei weitere Kerle hatten sich mit Riemen bewaffnet. Die beiden übrigen verfügten über nichts als ihre bloßen Fäuste.
Old Donegal zog den Cutlass. Die breite Klinge blinkte im trüben Tageslicht. Geduckt und breitbeinig sah er den Angreifern entgegen – entschlossen, der Übermacht zu trotzen.
In drei Yards Entfernung stellte der Sargento den Riemen senkrecht auf die Planken.
„Willst du nicht lieber die Segel streichen, Opa?“ erkundigte er sich grinsend.
„Einem mißratenen Knaben wie dir ziehe ich vorher den Hosenboden stramm“, entgegnete Old Donegal grimmig. „Kommt schon, kommt schon. Wollen doch mal sehen, wer hier die Segel streicht!“
Sie ließen sich nicht zweimal auffordern. Mit Gebrüll stürmten sie auf ihn los.
Schon beim ersten Angriff mußte Old Donegal erkennen, daß er sich selbst überschätzt hatte. Mit den langen Riemen verfügten sie über die größere Reichweite. Es nutzte ihm rein gar nichts, daß er den ersten Hieb mit dem Säbel parierte. Als der zweite Riemen niedersauste, fegte er ihm den Cutlass weg wie ein Spielzeug.
Und das dritte Riemenblatt krachte ihm auf den Schädel.
Feurige Ringe tanzten vor seinen Augen. Schwärze wallte auf. Nur noch als flüchtiger Gedanke durchzuckte ihn die beschämende Gewißheit, daß er überrumpelt worden war.
Jetzt hing Gotlindes Leben am seidenen Faden.
Das Hohngelächter der Kerle klang Old Donegal noch einen Augenblick in den Ohren. Dann sank er bewußtlos auf die Planken.
Arkana deutete auf die knorrigen Stämme der Mangroven, zwischen denen das Dickicht fast brusthoch wucherte.
„Haltet euch immer in der Nähe der Bäume“, riet sie. „Die Heilwurzeln wachsen am häufigsten in Schatten und Feuchtigkeit.“
„… am häufigsten in Schatten und Feuchtigkeit“, murmelte der Stör, richtete sich neben seinem Flechtkorb auf und streckte den Rücken, der vom vielen Bücken schmerzte.
Batuti, der nur zwei Schritte von ihm entfernt war, lachte und entblößte dabei sein perlweißes Gebiß.
„Na also!“ rief er erfreut. „Unser Stör ist auf dem Wege der Besserung.“
„Fängt er wieder an, alles nachzuquasseln?“ erkundigte sich Jack Finnegan.
Bob Grey und Martin Correa lachten.
„So ist es“, erwiderte der Gambianeger. „Und er benutzt Arkana dabei als Ersatz für den Wikinger.“
„Nicht gerade sehr schmeichelhaft“, sagte die Schlangenpriesterin lächelnd, „mich mit dem Riesenkerl aus dem Norden zu vergleichen.“
Der Stör verzog erschrocken das lange Gesicht.
„Aber das habe ich doch gar nicht getan“, sagte er bedrückt. „Ich wollte doch nicht – ich meine, ich habe doch nicht …“
Arkana trat auf ihn zu und klopfte ihm auf die Schulter.
„Denk nicht darüber nach, mein Freund. Ich bin nicht Thorfin Njal, und mich stört es nicht im geringsten, wenn jemand meine Worte wiederholt. Im Gegenteil. Ich finde es sogar schön, wenn ich einen so guten Eindruck bei jemandem erwecke, daß er nachspricht, was ich sage.“
Der Stör sperrte den Mund auf, und seine Augen wurden groß und rund.
„Ist das wahr?“ hauchte er staunend.
Arkana fand keine Gelegenheit mehr, ihm zu antworten.
Das Krachen eines Schusses hallte von der Bucht her durch das Dickicht. Sekunden später folgte ein weiterer, wesentlich dünner klingender Schuß.
Die Schlangenpriesterin und die fünf Männer standen wie erstarrt.
„Waren da nicht eben Stimmen?“ flüsterte Arkana.
Batuti zog die Schultern hoch. Die anderen horchten angestrengt.
Doch es blieb still.
„Das kann nichts Gutes bedeuten“, sagte Jack Finnegan, und keiner widersprach.
„Wir müssen sofort nach dem Rechten sehen“, entschied die Schlangenpriesterin. „Wir lassen alles stehen und liegen, was wir bisher gesammelt haben. Wir können es später immer noch abholen.“ Für die Dauer der Wurzelsuche hatte sie das Kommando übernommen, und so war es für die Männer nur selbstverständlich, auch jetzt ihren Anweisungen zu folgen.
Auf einer kleinen Lichtung, die nur wenige Schritte entfernt war, stellten sie die Flechtkörbe zusammen. Sie hatten bereits einen beträchtlichen Vorrat an Heilwurzeln zusammengetragen. Unter Arkanas Anleitung hatten die Männer schnell gelernt, wie die unscheinbaren Pflanzen aussahen, die sie mit dem Entermesser vorsichtig aus dem Boden heben mußten, damit die Wurzeln unbeschädigt blieben.
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