Jetzt aber galt es, nachzusehen, ob sich bei der „Empress“ Verdruß zusammengebraut hatte.
Arkana und Batuti übernahmen die Führung. Sie benutzten den Weg durch das Dickicht, den sie sich von der Bucht her freigeschlagen hatten. Nur noch gelegentlich mußte der Gambianeger sein Entermesser als Machete einsetzen, um herabhängende Schlingpflanzen zu beseitigen.
Mit jeder Minute wuchs die Besorgnis der kleinen Gruppe. Nach den beiden Schüssen waren keine weiteren Geräusche herübergeweht. Daß das nichts Gutes bedeuten konnte, war allen klar. Ebenso eindeutig war auch, daß es sich bei dem ersten Schuß um eine der Drehbassen gehandelt haben mußte. Old Donegal war also in Bedrängnis geraten. Eine andere Erklärung gab es nicht. Und diese Schlußfolgerung spannte ihre Nerven zum Äußersten an.
„Verdammter Dschungel“, fluchte Martin Correa, womit er allen aus der Seele sprach. Denn trotz des vorgebahnten Weges gelangten sie nur langsam voran. Die Minuten dehnten sich zu Ewigkeiten.
So hatten sie das Gefühl, stundenlang unterwegs gewesen zu sein, als endlich helleres Licht durch die Baumreihen schimmerte. Doch sie hatten von ihrer Sammelstelle bis zum Rand der Bucht nicht mehr als zehn Minuten gebraucht.
Vorsichtig, langsamer jetzt, pirschten sie auf die Uferzone zu. Deutlicher wurde nun auch das Heulen und Orgeln der Böen. Der Sturm tobte noch immer, im Dschungel war sein Wüten weniger auffallend gewesen.
Arkana und Batuti verständigten sich mit einem Blick. Der Gambianeger gab Bob Grey und den anderen ein Handzeichen, in sicherer Deckung zurückzubleiben. Dann drang er gemeinsam mit der Schlangenpriesterin weiter vor. Beide hatten gelernt, sich auch im dichtesten Unterholz so geräuschlos und geschickt zu bewegen, daß selbst aus geringer Entfernung nichts zu erkennen war. Die letzten Yards legten sie kriechend zurück, die Pflanzen, unter denen sie voranglitten, bewegten sich um keinen Deut.
Nach Minuten hatten sie freies Blickfeld.
Was sich auf der „Empress“ abspielte, ging nicht mit rechten Dingen zu. Freiwillig war Old Donegal jedenfalls nicht bewußtlos geworden, und freiwillig hatte er sich auch nicht fesseln lassen. Die fremden Kerle, die ihn über das Hauptdeck schleppten, hatten offenbar vor, ihn im Vorschiff unterzubringen. Also war er noch am Leben. Immerhin. Ein schwacher Trost jedoch.
„Sieht so aus, als ob es Soldaten sind“, flüsterte die Schlangenpriesterin. „Spanier, nicht wahr?“
„Ehemalige Soldaten“, verbesserte Batuti mit einem wilden Grinsen. „Das erkennt man schon an ihrer unvollständigen und unterschiedlichen Kleidung. Außerdem würden sie nicht mit einer Schaluppe unterwegs sein, wenn sie sich noch im Dienst befänden.“
Arkana nickte verstehend. Auch sie hatte inzwischen den ramponierten Einmaster entdeckt, der Steuerbord querab der Karavelle des alten O’Flynn lag. Außerdem war ein kleines Beiboot am Heck der „Empress“ vertäut. Sie konnten sich leicht zusammenreimen, was geschehen war.
„Also Fahnenflüchtige“, sagte Arkana. „Und Old Donegals Dreimaster ist genau das Richtige für sie, damit sie ihre Flucht fortsetzen können.“
„Sieh mal da drüben“, flüsterte Batuti und deutete mit einer Kopfbewegung zur Landzunge vor der „Empress“.
Zwei Gestalten lagen dort reglos am Ufer. Ihre Körper waren verkrümmt, die Kleidung blutgetränkt. Augenscheinlich waren sie tot.
Drei andere Kerle waren aus dem Ufergestrüpp aufgetaucht. Einer von ihnen watete ins seichte Wasser und fischte das zerschossene Ende der Vorleine heraus. Gemeinsam knotete sie die Enden wieder zusammen und legten die Leine um den Baum.
Die Schlußfolgerung lag auf der Hand: Wegen des Sturms wollten sie mit der gekaperten „Empress“ nicht sofort verschwinden.
Doch noch etwas anderes wurde Arkana und Batuti mit schmerzhafter Deutlichkeit bewußt: Wenn sie den Dreimaster verloren, bedeutete das für Gotlinde tödliche Gefahr.
Deshalb drängte die Zeit. Buchstäblich jede einzelne Minute war kostbar.
„Acht Kerle insgesamt“, sagte Arkana. „Wir sind sechs. So ungünstig ist das Verhältnis gar nicht.“
„Sechs?“ entgegnete Batuti erstaunt. „Du zählst dich doch nicht etwa mit?“
„Warum denn nicht?“ Arkanas Augen blitzten zornig. „Für was hältst du mich? Für eine schlechte Kämpferin? Oder für ein schwaches Weib?“
„Für eine Frau“, sagte der Gambianeger spontan. „Eine Frau, die sich aus einer gefährlichen Männersache möglichst heraushalten sollte.“
„Das laß nur meine Sorge sein. Es geht um Gotlinde. Ich denke nicht daran, die Hände in den Schoß zu legen. Wenn es sein muß, kämpfe ich für ihr Leben genauso wie ihr harten Männer.“ Die letzten beiden Worte sprach sie mit einem unüberhörbaren Hauch von Spott aus.
Batuti grinste, antwortete aber nicht. Er ließ sich die Dinge durch den Kopf gehen, die jetzt zählten. Arkana hatte zwar recht – zahlenmäßig war das Verhältnis nicht einmal schlecht. Aber die „Empress“, war rundum mit Drehbassen bestückt. Zweifellos das Werk Old Donegals, der vergeblich versucht hatte, sich zu verteidigen. Wenn die Deserteure die schwenkbaren Geschütze einsetzten, waren sie klar in der Übermacht.
Arkana und ihre fünf Begleiter hatten indessen nur Pistolen und Entermesser mit an Land genommen. Das Beiboot, das noch unter den Mangroven am Ufer versteckt lag, war zwar von den Spaniern nicht entdeckt worden. Aber damit anzugreifen, war heller Wahnsinn. Sie würden sich wie auf dem Präsentierteller befinden und weggeputzt werden, bevor sie sich der „Empress“ nähern konnten.
Während Batuti noch angestrengt über eine Taktik nachdachte, wehten unvermittelt lautere Wortfetzen von der „Empress“ herüber.
„… immer ich! Ausgerechnet … reine Schikane!“ schrie einer der Kerle aufgebracht.
„Kann ich genauso sagen“, ertönte eine andere Stimme. „Ich seh auch nicht ein, warum ich schon wieder an der Reihe sein soll.“
Der Wind trug die Worte jetzt deutlicher herüber.
„Wenn wir sowieso warten, bis der Sturm vorbei ist, können wir die Klamotten auch später holen.“
„Verdammt noch mal, seid ihr nicht bei Trost?“ dröhnte eine tiefere Stimme. „Ich habe angeordnet, daß unsere Sachen von der Schaluppe an Bord dieses hübschen Kahns gebracht werden! Ist das so schwer zu kapieren, oder spreche ich zu undeutlich?“
„Spiel dich nicht auf, Sargento!“ schrie einer der anderen zurück. „Hier haben wir auch ein Wörtchen mitzureden.“
„Die Befehle erteile immer noch ich!“ brüllte der Anführer erbost. „Einer muß das Sagen haben, sonst sind wir verraten und verkauft. Mit einem Sauhaufen, wie ihr es seid, geht’s beim besten Willen nicht ohne Disziplin.“
„Der Sargento hat recht!“ rief ein anderer. „Wir waren uns einig, und wir haben darüber abgestimmt.“
„Aber wir stehen hier nicht mehr im Dienst der Krone“, widersprach der, der gern ein Wörtchen mitreden wollte. „Da kann’s also ruhig ein bißchen lockerer zugehen.“
„Du kannst locker was aufs Maul kriegen!“ polterte der Sargento los. „Verflucht noch mal, ich will jetzt, daß die Sachen rübergeholt werden. Wenn ihr nicht spurt …“
Batuti hörte nicht mehr hin. Jäh erkannte er die Chance, die sich ihnen bot. Er wandte sich um und erblickte die anderen, die aus dem Unterholz lugten.
Auf den Wink des Gambianegers kroch Jack Finnegan lautlos heran.
„Wir sehen uns die Schaluppe etwas näher an“, sagte Batuti leise. „Eine bessere Gelegenheit kriegen wir so schnell nicht.“
„Einverstanden“, flüsterte Arkana.
Die beiden Männer ließen ihre Pistolen bei der Schlangenpriesterin zurück. Der schwarze Herkules tauchte als erster in das kabbelige Uferwasser. Jack Finnegan folgte ihm mit Sekundenabstand, gleich darauf waren die beiden nicht mehr zu sehen.
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