Die Begleitmannschaft von der „Isabella“ pullte die Jolle zurück. Noch bevor sie den Dreimaster des Seewolfs erreichten, war die „Empress“ bereits seeklar. Old Donegal gab das Zeichen zum Ankeraufgehen. Mit rasch zunehmender Fahrt rauschte sein Schiff auf den Felsentunnel zu. Abschiedsrufe von den zurückbleibenden Männern begleiteten sie. Old Donegal meinte, auch die Stimme des Wikingers zu vernehmen. Aber Thorfin war nicht zu sehen, da er noch immer flachlag. Er schien sich mittlerweile zu einem folgsamen Kranken entwickelt zu haben.
Routiniert überwand Martin Correa den Mahlstrom. Die „Empress“ brauste auf das offene Wasser hinaus.
Der Zufall wollte es, daß Batuti in dem Moment einen Blick zurückwarf, in dem der kleine Dreimaster den Felsendom hinter sich ließ.
„Ho, seht euch das an!“ rief der Gambianeger mit ungläubigem Gesichtsausdruck.
Die Männer ruckten herum und glaubten ihren Augen nicht zu trauen.
Auf einer kleinen Plattform hoch über dem Dom war die Silhouette eines Mannes zu erkennen. Unverwechselbar das lange Gesicht.
Der Stör.
Bevor Old Donegal und die anderen auf der „Empress“ auch nur einen Laut hervorbringen konnten, stürzte sich der Langgesichtige kopfüber in die Tiefe.
Sofort ließ der alte O’Flynn beidrehen und die Segel wegnehmen.
„Ist der Kerl denn wahnsinnig?“ rief Martin Correa erbost, während er Ruder legte.
„Das nicht“, antwortete Old Donegal. „Aber sein Verstand funktioniert nicht mehr ganz richtig, seit er Thorfin zum Knöchelbruch verholfen hat.“
Atemlos verharrten die Männer an Bord der „Empress“. Der Kopf des Störs tauchte aus den kabbeligen Fluten auf, dann schwamm er mit langen Zügen auf den kleinen Dreimaster zu. Old Donegal wußte am besten, was in dem von Selbstvorwürfen geplagten Mann vor sich ging. Sein Schuldkomplex hatte ihn dazu getrieben, auf diese verrückte und gefährliche Weise an Bord der „Empress“ zu gelangen. Denn immerhin mußte er damit rechnen, daß Haie auftauchten und ihn zum Frühstück vernaschten. Aber die Tatsache, daß er Gotlinde vergötterte und sein Mißgeschick gleichzeitig zutiefst bereute, hatte ihn veranlaßt, seinen Entschluß mit der gewohnten Verzögerung zu fassen. Er wollte an der Fahrt nach Hispaniola teilnehmen, um sein Gewissen zu entlasten. Dank Batutis Aufmerksamkeit war es möglich, den Stör rechtzeitig an Bord zu nehmen, bevor die gefürchteten Dreiecksflossen auf der Wasseroberfläche erschienen.
„Da hast du aber ein Mordsglück gehabt“, sagte der Gambianeger, während er gemeinsam mit Jack Finnegan zupackte und den triefend nassen Kerl über die Verschanzung zog.
„Bitte nimm mich in deine Crew auf“, wandte sich der Langgesichtige an den alten O’Flynn.
„Das hättest du dir auch eher überlegen können“, entgegnete Old Donegal, wobei er aber wohlwollend nickte. Eine Hand mehr an Bord konnte nicht schaden, zumal die ersten Wolken aufzogen. Der Nordost hatte bereits beträchtlich zugelegt.
Old Donegal schickte den Stör unter Deck, damit er sich mit trockenen Sachen versorgte. Keiner der Männer stellte eine überflüssige Frage. Aus der Tatsache, daß der Stör von der Mission der „Empress“ wußte, war eindeutig zu folgern, wo er sich vorher verkrochen hatte. Aber das war jetzt unerheblich. Es ging nur noch darum, den Auftrag schleunigst und zuverlässig zu erfüllen.
Der alte O’Flynn ließ erneut die Segel setzen. Auch bei zunehmendem Wind dachte er nicht daran, nur einen Fetzen Tuch wegzunehmen. Raumschots jagte die „Empress“ der Nordküste Hispaniolas entgegen. Nach Arkanas Auskunft sollte es in der Nähe von Puerto Plata eine kleine Bucht geben, in der man die Heilwurzeln finden würde.
Der Bund der Korsaren konnte froh sein, daß der alte Ramsgate die kleine Karavelle gebaut hatte. Denn in einem Notfall wie diesem leistete sie als handigstes und schnellstes Schiff hervorragende Dienste.
In den ersten Morgenstunden des 27. April, bei beginnendem Tageslicht, erreichte die „Empress“ die Küste von Hispaniola ziemlich genau an der vorgesehenen Stelle nahe Puerto Plata. Stolz verstaute der alte O’Flynn den Jakobsstab, als der Küstenverlauf sich im Morgengrauen deutlich abzeichnete. Trotz widriger Umstände hatte er als Navigator hervorragende Arbeit geleistet.
Nur in längeren Zeitabständen war die Wolkendecke aufgerissen, entsprechend reaktionsschnell hatte Old Donegal in solchen Momenten die Gelegenheit nutzen müssen, sich am Stand der Gestirne zu orientieren. Martin Correa hatte die erforderlichen Kurskorrekturen sauber und präzise ausgeführt, und das Ergebnis der guten Zusammenarbeit zeigte sich nun in Gestalt der Nordküste Hispaniolas.
„Eine bessere Zeit hätten wir nicht herausholen können“, sagte Old Donegal zufrieden. „Jetzt liegt es an dir, Arkana, wie schnell wir die Heilwurzeln finden.“
Die Schlangenpriesterin, die sich auf das Achterdeck begeben hatte, beobachtete den Küstenverlauf. Sie nickte, ohne den Kopf zu wenden.
„Wir werden unser Ziel in wenigen Augenblicken erreichen“, sagte sie.
Minuten später tauchte tatsächlich jene weit vorgeschobene Landzunge auf, die Arkana zuvor als Orientierungspunkt genannt hatte. Old Donegal zweifelte nicht daran, daß die schlanke schwarzhaarige Frau übersinnliche Fähigkeiten hatte. Wie anders sollte sie die Lage einer Bucht bestimmen können, da sie doch über keinerlei navigatorische Fähigkeiten wie die europäischen Seefahrer verfügte?
Aber es war jetzt nicht der Zeitpunkt, sich über Rätselhaftes den Kopf zu zerbrechen. Der alte O’Flynn war fest entschlossen, die besonderen Vorzüge seines Schiffes und seiner kleinen Crew zu nutzen, um Gotlinde so rasch wie möglich mit der lebensrettenden Medizin zu versorgen.
Zielsicher lotste Arkana die „Empress“ in die Einfahrt der Bucht. Hinter der mit hohen Bäumen bestandenen Landzunge gab es einen geschützten Ankerplatz gegen den inzwischen noch stärker gewordenen Nordost. Auf Anweisung des alten O’Flynn sorgten die Männer für die notwendigen Sicherheitsmaßnahmen. Mit ihrem verhältnismäßig flachen Tiefgang wurde die „Empress“ dicht hinter die Landzunge gelegt. Auf den Buganker allein wollten sich Old Donegal und seine Gefährten nicht verlassen. Sie fierten das Beiboot ab und vertäuten den Dreimaster zusätzlich mit mehreren Leinen zu den Bäumen an Land.
Noch war es nicht hell genug, um mit der Suche nach den Heilwurzeln zu beginnen. Darüber waren sich Old Donegal und Arkana einig. Es blieb also Zeit für eine Mütze voll Schlaf bis zum endgültigen Hellwerden.
Nach den Strapazen der Nacht fielen die Männer in ihre Kojen, und augenblicklich verkündeten unüberhörbare Schnarchtöne, daß ihnen die Müdigkeit in allen Knochen steckte. Old O’Flynn grinste auf dem Achterdeck. Er selbst brauchte keinen Schlaf, was er auf seinen Vorsprung an Lebensalter zurückführte. Einer mußte ohnehin die Wache übernehmen, also war es nur vernünftig, daß die jüngeren Männer sich etwas erholten.
Was sich in der Wetterküche zusammenbraute, bemerkte Old Donegal unterdessen schon nach einer knappen Stunde.
Der Nordost änderte seine Richtung und entwickelte sich im Handumdrehen zu einem satten Sturm aus Osten. Immer rascher trieb er die Wolken vor sich her und ballte sie zu düsteren Bänken zusammen. Die Baumwipfel neigten sich rauschend unter der Macht der Böen, und auch dem Wellengang in der Bucht wurden weiße Kronen aufgesetzt. Alles in allem hatte es den Anschein, als wollte es an diesem Tag überhaupt nicht mehr richtig hell werden.
Unter normalen Umständen hätte Old Donegal dies als böses Vorzeichen gewertet. Aber während er auf dem Achterdeck ausharrte, dachte er nicht daran, sich seine gute Stimmung austreiben zu lassen. Die Aktion hatte bis jetzt bestens geklappt, und so sollte es auch bleiben. Die Suche nach den Wurzeln würde nicht sehr viel Zeit in Anspruch nehmen. Aller Voraussicht nach konnten sie noch vor Ende dieses Tages zur Schlangen-Insel zurückkehren.
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