„Schwachkopf“, knurrte Old O’Flynn.
Aber der Stör ließ sich in seinem Weltschmerz nicht beirren.
„Nein“, sagte er verbiestert, „ich habe meinen Entschluß gefaßt. Ich werde mich einem Gottesurteil stellen. Dann werde ich sehen, ob ich es wert bin, weiterzuleben. Aber daran glaube ich nicht. Wer so dämlich ist wie ich, der taugt nicht für diese Welt.“
„Also gut“, sagte Old Donegal geduldig, als hätte er eine kranke Kuh zu kurieren. „Und wie hast du dir das mit dem Gottesurteil vorgestellt?“
„Ich werde mich die Rutsche hinunterstürzen. Wenn mich die Haie unten in der Bucht zerfleischen, ist es die gerechte Strafe für mich. Ich rechne fest damit, daß sie mich zerfleischen. Etwas anderes habe ich nicht verdient.“
Minutenlang kriegte Old Donegal den Mund nicht wieder zu. Dann bückte er sich, packte den Langgesichtigen energisch am Kragen, zog ihn auf die Beine und schüttelte ihn durch. Im nächsten Moment hielt er inne, denn der Stör schien keine einzige Muskelfaser mehr im Leib zu haben. Seine Glieder schlenkerten wie die einer Puppe, sein Kopf wackelte beängstigend vor und zurück.
„Sag mal“, herrschte Old Donegal den Lebensmüden an. „Hast du überhaupt kein bißchen Mumm mehr in den Knochen?“
„Nein“, erwiderte der Stör in bestürzender Gleichgültigkeit. „Wenn Thorfin mich zu fassen kriegt, bringt er mich sowieso um. Ich kann es ihm nicht mal übelnehmen. Was soll es also? Ich kann die Sache ebensogut selbst erledigen.“
„Soviel Unsinn wie in diesen fünf Minuten hast du noch nie auf einmal gequatscht“, sagte der alte O’Flynn ungehalten. „Jetzt paß mal gut auf. Wir beiden werden erst mal einen ordentlichen Happen frühstücken, damit du wieder auf andere Gedanken kommst. Dann hilfst du mir, die Pinte aufzuklaren, und anschließend reden wir noch mal über die Geschichte.“
Der Stör sah ihn aus wäßrigen Augen an.
„Tu nicht so, als ob ich zu was nütze wäre. Das willst du mir bloß einreden, damit ich mich nicht dem Gottesurteil stelle.“
„Klar doch.“ Old Donegal nickte grimmig. „Ich bin ja auch ein unaufrichtiger Lump, der anderen nie seine ehrliche Meinung sagt. Fang nur an, mich zu beleidigen.“
Der Stör verzog bestürzt das lange Gesicht.
„Siehst du!“ heulte er los. „Jetzt hab ich schon wieder was falsch gemacht. Es hat wirklich keinen Zweck mit mir. Ich habe kein Recht, weiterzu…“
Old Donegal holte aus und versetzte ihm eine schallende Ohrfeige.
„Jetzt halt’s Maul. Bring das Feuer in Gang und hol frisches Wasser. Ich bereite inzwischen den Speck zum Braten vor.“
Der Stör rieb sich die Wange, schnaufte herzerweichend und schlurfte los. Der alte O’Flynn beschloß, ihn an diesem Tag nicht mehr aus den Augen zu lassen.
An Bord des Schwarzen Seglers wurde gesägt und gehämmert, als gelte es, einen Wettstreit mit den Männern der Ramsgate-Werft aufzunehmen. Thorfin Njal hatte sich auf das Achterdeck bringen und die behelfsmäßige Trage so postieren lassen, daß er die Arbeiten auf dem Hauptdeck überblicken konnte. In Minutenabständen trieb er die Männer immer wieder an, gefälligst schneller zu arbeiten.
Die neue, solidere Trage näherte sich ihrer Vollendung, als die Sonne bereits über die Felsformationen der Schlangen-Insel gestiegen war.
„Wir kriegen Besuch“, sagte der Boston-Mann unvermittelt und wandte sich zu dem Wikinger um.
Thorfin verzog unwillig das Gesicht. So sehr er auch den Hals reckte – über die Achterdecksverschanzung konnte er nicht spähen. Eine Störung war jetzt ohnehin höchst unwillkommen, so kurz vor dem großen Augenblick, in dem er seinen Nachwuchs und sein geliebtes Weib sehen würde.
„Weiblicher Besuch“, fügte der Boston-Mann nach einer Weile hinzu, und dabei grinste er.
Thorfin kniff die Augen zusammen, und seine Brauen bildeten eine düstere Linie.
„Du willst mich bloß auf die Folter spannen“, knurrte er. „Gotlinde kann noch nicht wieder auf den Beinen sein. Welche Lady sollte uns also beehren?“
„Warte ab“, sagte der hagere Engländer kurz angebunden.
Auch die Männer auf dem Hauptdeck hatten das Boot bemerkt, das sich dem Viermaster näherte. Sie ließen Hämmer und Sägen fallen, eilten zum Schanzkleid und spähten auf die Wasserfläche hinaus.
Dem Wikinger platzte zum soundsovielten Male der Kragen.
„He, ihr Schnarchsäcke!“ brüllte er. „Wer hat was von Pause gesagt? Wollt ihr wohl weiterarbeiten! Bewegt euch gefälligst oder ich …“ Er brach ab, als er sah, wer dort über die Jakobsleiter aufenterte.
Rot leuchtete die Haarpracht von Mary O’Flynn im frühen Sonnenlicht. Ihr folgte eine hochgewachsene blonde Frau, Smokys Eheweib Gunnhild. Mary wechselte einige Worte mit Arne und Eike. Mehrmals nickte sie verstehend und blickte zum Achterdeck. Thorfin begriff, daß von ihm die Rede war. Und wieder wurde er sich der Tatsache bewußt, daß er weiter nichts als ein hilfloses Wickelkind war. Welch eine Ironie, daß ausgerechnet zwei kleine Wickelbälger – nämlich der eigene Nachwuchs – Anlaß für seine Hilflosigkeit waren!
Die beiden Frauen wandten sich von den Männern auf dem Hauptdeck ab und enterten über den Niedergang zum Achterdeck auf.
„Willkommen an Bord, Ladys“, sagte der Boston-Mann mit der geschulten Höflichkeit des Engländers, damit wenigstens einer die Formen wahrte.
Mary und Gunnhild erwiderten lächelnd seinen Gruß, wurden aber gleich darauf wieder ernst.
„Wir haben von deinem Pech gehört“, wandte sich Mary an den Wikinger. „Natürlich tut es uns leid. Aber andererseits trifft es sich ganz gut.“
„Was? Wie?“ entgegnete Thorfin kopfschüttelnd. „Was soll daran gut sein, daß ich mit gebrochenen Gräten langliege?“
Mary verschränkte die Arme über dem hübschen Busen.
„Du kannst Gotlinde vorerst nicht besuchen. Sie wurde vom Kindbettfieber erwischt, und damit ist weiß Gott nicht zu spaßen.“
Thorfin erbleichte. Sekundenlang starrte er die Frauen fassungslos an. Im nächsten Moment verdüsterte sich sein Gesicht. Ruckartig setzte er sich auf der Trage auf.
„Seid ihr vom Knurrhahn gebissen?“ brüllte er los, daß es dröhnend über die Innenbucht der Schlangen-Insel hallte. „Nichts und niemand wird mich daran hindern, meine Kinderchen zu besichtigen! Und wenn Gotlinde mich nicht sehen will, dann muß sie es mir schon selber sagen. Ich lasse mich doch nicht von irgendwelchen verdammten Weibern …“
Mary O’Flynn trat einen drohenden Schritt auf ihn zu und brüllte zurück. An Stimmgewalt war sie dem Wikinger kaum unterlegen.
„Jetzt halt die Luft an, verstanden? Bei deinem Mannsvolk kannst du dir diese Flegeleien leisten. Nicht bei uns! Und damit du klarsiehst: Keiner wird Gotlinde besuchen, solange sie im Fieber liegt. Vielleicht geht es in deinen Torfschädel hinein, was das Kindbettfieber für eine Frau bedeutet. Ihr Leben steht auf dem Spiel, du verdammter Einfaltspinsel. Wenn du ein guter Ehemann bist, dann nimmst du erst mal Rücksicht und sonst gar nichts.“
Thorfin schüttelte ungläubig den Kopf und blinzelte. Aber das Bild der zürnenden Mary O’Flynn ließ sich nicht wegwischen. Und auch die blonde Gunnhild sah verdammt energisch aus. Doch er dachte nicht daran, schon aufzugeben. Zu tief hatte ihn der Schmerz getroffen, Frau und Kindern so nahe zu sein und doch nicht zu ihnen zu dürfen.
„Ihr befindet euch auf meinem Schiff“, knurrte er. „Was du dir herausnimmst, brauche ich mir nicht bieten zu lassen, Mary O’Flynn. Ich kann euch beide unter Arrest stellen, wenn ich will. Hast du verstanden?“ Mary lächelte verächtlich und blies die Luft durch die Nase.
„Keiner von deinen Kerlen wird uns anrühren, Thorfin Njal. Daß Gotlinde unsere Hilfe braucht, ist dir wohl nicht klar, wie? Du hirnverbrannter Narr bringst es fertig, nur an dich zu denken und deine Frau zugrunde gehen zu lassen. Aber das eine sage ich dir: Nur über meine Leiche betrittst du Gotlindes Kammer. Punktum. Ich hatte gehofft, daß du Verständnis zeigen würdest. Aber da habe ich von dir wohl zuviel erwartet.“ Mit energischem Ruck wandte sie sich um und verließ das Achterdeck.
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