Der Boston-Mann sah einen völlig verzweifelten Olig, der den Tobenden immer wieder in seine Koje zurückstieß. Doch jedesmal richtete sich Thorfin wieder auf. Für Olig war es ein nervenzermürbendes Spiel, das kein Ende nehmen würde, wenn nicht jemand eingriff.
Die Stimme des Boston-Manns schnitt Thorfins Gebrüll peitschend ab.
„Ruhe!“
Der Wikinger verstummte. Erstaunt blinzelnd musterte er den hageren Engländer, der das Schott hinter sich zuzog und die Arme über der Brust verschränkte.
Olig atmete tief durch und trat erleichtert einen Schritt zur Seite.
„Das war knapp“, sagte er keuchend. „Lange hätte ich es nicht mehr geschafft, dieses Riesenbaby zu bändigen.“ Er warf dem Boston-Mann einen dankbaren Blick zu. Thorfin brauste erneut auf. „Was?“ dröhnte seine Stimme. „Wie hast du mich gerade genannt? Du Sumpfkrähe wagst …“
„Schluß jetzt“, fuhr ihm der Boston-Mann abermals schneidend über den Mund. „Es reicht wirklich, Thorfin. Ich bin nicht bereit, bei deinem Affentheater länger mitzuspielen. Olig hat ganz recht. Du benimmst dich wie ein Kindskopf. Wenn du nur ein bißchen nachdenkst, wirst du von selber vernünftig.“
Der Wikinger erbleichte. Seine Augen öffneten sich weit, er starrte seinen Stellvertreter an, als hätte er ein Fabelwesen vor sich.
„Ist das dein Ernst?“ fragte er ungewohnt leise.
„Allerdings“, entgegnete der Boston-Mann mit eiserner Schärfe. „Und auch dies sage ich dir in vollem Ernst: Ich denke nicht daran, deinetwegen die ganze Bordroutine durcheinanderbringen zu lassen. Kein anderer Kranker hätte einen solchen Verschleiß an Aufpassern wie du. Ich kann nicht ständig mehrere Männer abstellen, damit sie dich bewachen. Ich habe die Nase voll davon, Mister Njal. Tu von mir aus, was du willst. Olig kriegt jetzt seine wohlverdiente Ruhe.“
Der Wikinger sperrte den Mund auf.
„Wie, zum Teufel, meinst du das?“
„So, wie ich es sage. Hüpf von mir aus aus der Koje. Vielleicht kapierst du dann, was es heißt, einen gebrochenen Knöchel zu haben. Anders scheint es in deinen Schädel ja nicht hineinzugehen. Aber glaube nicht, daß sich einer von uns um dich kümmert, wenn du jammernd am Boden liegst.“
Thorfin blinzelte abermals.
„Du meinst, ich soll …“ Er sprach nicht zu Ende.
Der Boston-Mann nickte.
„Wenn du so scharf drauf bist, mit einem Knochenbruch spazierenzugehen – bitte! Mit den Folgen mußt du dann selber fertig werden.“
„Du meinst, der verdammte Flunken ist tatsächlich gebrochen? Nicht nur verknackt?“
„Hältst du den Medizinmann etwa für einen Dummkopf? Diese Leute können es mit unseren Feldscheren allemal aufnehmen. Glaubst du vielleicht, er hätte dir den Fuß nur so aus Spaß geschient?“
Der Wikinger seufzte tief. Von einer Minute zur anderen war er so sanftmütig geworden wie selten zuvor.
„Himmeldonnerwetter“, murmelte er, „dann muß es ja wohl stimmen. Oh, verflucht, das heißt ja ich liege wer weiß wie lange flach. Und dann noch dieser elende Brummschädel. Weiß der Teufel, was der Medizinaffe alles in sein Süppchen gekippt hat.“
Olig wandte sich ab und grinste sich eins.
„Es bleibt dir nicht erspart“, sagte der Boston-Mann mit unbewegter Miene. „Wenn du wieder wie ein normaler Mensch herumlaufen willst, mußt du erst mal stramm liegen. Daran führt kein Weg vorbei.“
Aus einem plötzlichen Gedanken heraus hob Thorfin den Kopf.
„Und der Mistkerl, dem ich das alles zu verdanken habe?“ knurrte er. „Sag bloß, dieser Tölpel spaziert immer noch ungestraft an Deck herum! Bring ihn her, diesen Blindfisch von einem Stör. Erst kriegt er ein paar passende Worte zu hören, und dann wird er kielgeholt.“
„Geht leider nicht“, erwiderte der Boston-Mann rundheraus. „Er ist verschwunden. Spurlos. Keiner aus der Crew weiß, wo er steckt.“
„Waas?“ Thorfin brachte sekundenlang kein weiteres Wort hervor. Dann lief er purpurrot an und brüllte von neuem los. „Wie, zum Teufel, kann so was passieren? Auf meinem Schiff verschwindet keiner, ohne vorher um Erlaubnis zu fragen! Ich will, daß ihr sofort Suchtrupps losschickt. Die gesamte Insel wird abgesucht. Wenn dieser Schnarchhahn nicht in spätestens zwei Stunden vor mir steht und schlottert, sollt ihr mich alle kennenlernen.“
„Wir tun unser Bestes“, sagte der Boston-Mann ungerührt. „Sonst noch Anordnungen?“
„Natürlich. Ich will endlich meinen Stammhalter und sein Schwesterchen sehen. Wenn ich schon nicht selber hinstiefeln kann, dann müßt ihr mich eben tragen.“
„Das ist mit der behelfsmäßigen Trage nicht möglich. Wir müssen erst eine bauen, die sich abfieren läßt und auch für den Transport an Land geeignet ist.“
„Auf was wartest du dann noch?“ brüllte der Wikinger.
Der Boston-Mann schluckte es, ohne mit der Wimper zu zucken. Er nickte und forderte Olig mit einer Handbewegung auf, die Kapitänskammer zu verlassen. Unleidliche Patienten wie diesen überließ man besser sich selbst.
In der Felsenkneipe herrschte noch trübes Halbdunkel, nachdem die Sonne längst aufgegangen war. Das durch den Eingang hereinfallende Tageslicht reichte noch nicht aus, um die gesamte Kaverne zu erhellen.
Old Donegal Daniel O’Flynn kroch schlaftrunken aus seinen Decken und klappte angestrengt die Lider auf und zu, bis er halbwegs wach geworden war.
„Hölle und Verdammnis“, murmelte er. „Muß schon mächtig spät sein. Dabei haben wir letzte Nacht nicht mal gefeiert. Der Mensch ist doch ein Gewohnheitstier. Fehlt einem das traute Weib, das einen auf Trab bringt, horcht man entschieden zu lange die Matratze ab.“ Mit einem Anflug von Sehnsucht dachte er an Mary, geborene Snugglemouse, die bei Gotlinde am Kindbett Wache hielt. Erst im nächsten Moment fiel ihm ein, daß er kein Selbstgespräch geführt hatte.
Er hob den Kopf und spähte blinzelnd ins Halbdunkel.
In der Nähe des Eingangs hockte der Stör auf seiner Schlafstatt. Regungslos wie eine Statue saß er da, hatte den Kopf auf die angezogenen Knie gelegt und starrte Löcher in die Luft.
„He!“ rief Old O’Flynn und räusperte sich, weil seine Stimme heiser klang. „Was ist los mit dir, Mann? Bist du wach, oder schläfst du im Sitzen? Warum sagst du nichts, wenn ich was sage?“
Der Stör blieb stumm.
Old Donegal runzelte besorgt die Stirn. Mit einem Fluch schleuderte er seine Decken beiseite und rappelte sich auf. Während er zu seinem Logiergast hinüberhumpelte, rieb er sich den Schlaf aus den Augen.
Kopfschüttelnd blieb er neben dem Starrenden stehen. Als er sich nicht einmal rührte, klopfte er ihm auf die Schulter.
„Sag mal, bist du anwesend oder nicht?“
„Nicht mehr lange“, antwortete der Stör mit Grabesstimme.
„Nicht mehr lange? Was soll das heißen? Erst verkriechst du dich bei mir, und ich muß dir versprechen, daß ich dich nicht verrate, und dann willst du plötzlich wieder weg? Ich hab ja ’ne Menge Verständnis, aber fang nicht an, mich zum Narren zu halten.“
„Ich werde dir nicht mehr lange zur Last fallen.“ Der Stör sagte es weinerlich, ohne den Kopf zu wenden. Er schien bereits in eine ferne Welt entrückt zu sein.
„Himmel noch mal“, entgegnete Old Donegal stöhnend. „Was soll denn das nun wieder? Du fällst mir nicht zur Last. Das habe ich dir schon letzte Nacht gesagt, als du von Bord geschlichen bist. Ich bin Strohwitwer, habe ich dir gesagt, und ich kann ein bißchen Gesellschaft ganz gut vertragen. Aber wenn du nicht mit deinem Gejammer aufhörst, gehst du mir auf den Geist.“
„Ich werde dir nicht länger zur Last fallen“, wiederholte der Stör monoton. „Nein, ich werde überhaupt niemandem mehr zur Last fallen. Ich bringe meiner Umwelt nur Unglück. Thorfin habe ich schon zum Krüppel gemacht. Wenn ich mir vorstelle, daß seine Kinder nun einen Krüppel zum Vater haben! Ich kann Gotlinde nie wieder unter die Augen treten.“
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