Ein hartes Lächeln umspielte die Mundwinkel der Schlangenpriesterin. An Bord der Schaluppe stritten die Spanier noch immer darüber, wer es nun übernehmen sollte, mit dem Beiboot zur Schaluppe zu pullen. Das Palaver, das aus ihrer Faulheit entstanden war, schien sich endlos auszudehnen. Batuti und Jack Finnegan hatten eine gute Chance, es rechtzeitig zu schaffen. Dann stand dem Erfolg ihrer Aktion kaum noch etwas im Weg.
Wer auch immer die Schaluppe im Verlauf der nächsten Minuten betrat, er würde im Handumdrehen ausgeschaltet werden. Damit war die Kampfkraft der acht Kerle auch schon beträchtlich vermindert.
Ein leises Rascheln näherte sich der Schlangenpriesterin. Erstaunt wandte sie den Kopf und blickte in das lange Gesicht des Störs. Seine großen, immer noch betrübten Augen, sahen sie fragend an. Er bewegte zwar die Lippen, doch kein Wort war dabei zu hören.
„Was hast du auf dem Herzen?“ fragte Arkana leise.
Er räusperte sich hinter vorgehaltener Hand.
„Wenn du einverstanden bist“, flüsterte er, „würde ich mir gern die drei Halunken auf der Landzunge vornehmen.“ Mit einer Handbewegung deutete er zu der Stelle, wo die Spanier immer noch damit beschäftigt waren, die zusammengeknotete Leine am Baum festzuzurren.
Arkana überlegte nicht lange.
„Dann beweg dich schon“, sagte sie halblaut. „Je schneller du sie erwischst, desto besser.“
Der Stör strahlte plötzlich. Seit er an Bord der „Empress“ war, hatte er nicht mehr so froh ausgesehen wie in diesem Moment.
„Bin schon unterwegs“, hauchte er, vergewisserte sich, daß seine Pistole fest im Gurt steckte und robbte los.
Arkana verstand nur zu gut, was in seinem Kopf vor sich ging. Die Selbstvorwürfe nagten mit unvermindertem Schmerz am Gleichgewicht seines Seelenlebens. Der Tatendrang, mit dem er sein Gewissen entlasten wollte, war einfach übermächtig.
Er brauchte die Genugtuung, etwas zur Rettung Gotlindes beigetragen zu haben – mehr, als nur die Decksarbeit auf der „Empress“ zu verrichten. Nein, er wollte einen aktiven Beitrag leisten, durch den er sich bei Thorfin Njal in ein besseres Licht rücken konnte.
Deshalb, und nur deshalb, hatte Arkana nicht widersprochen. Sie wußte sehr wohl, daß der Stör jegliche Hilfe kategorisch abgelehnt hätte. Er wollte den Erfolg für sich allein. Nur dadurch, so hoffte er, würde Thorfin ihm wieder gnädiger gesonnen sein.
Arkana beschloß, dennoch ein wachsames Auge auf das Geschehen auf der Landzunge zu werfen. Sie fühlte sich verantwortlich, da sie wegen der Wurzelsuche die Führung übernommen hatte.
Es war ein Klang wie von Hammerschlägen gegen einen großen gußeisernen Kessel. Unablässig dröhnte es mit nicht endendem Nachhall, und jeder dieser Schläge wurde von einem stechenden Schmerz begleitet.
Der alte O’Flynn brauchte eine Weile, bis er begriff, daß dies die Begleitumstände seines Erwachens waren.
Mit unendlicher Mühe gelang es ihm, die Augenlider zu öffnen. Doch nichts änderte sich. Nach wie vor war er von schwärzester Finsternis umgeben. Nur das Dröhnen in seinem Schädel ließ ein wenig nach, wenn auch die Schmerzen unverändert blieben.
Schlagartig setzte seine Erinnerung wieder ein.
Die verfluchten Kerle, die die „Empress“ gekapert hatten. Sein vergeblicher Versuch, das Schiff zu verteidigen. Das Hohngelächter der Hundesöhne, als sie ihn mit den Riemenblättern niedergeknüppelt hatten. Alles zusammen reichte, um kochende Wut in ihm aufsteigen zu lassen.
Er verspürte den Geruch von Tauwerk. Also hatten sie ihn ins Kabelgatt gesperrt. Daher auch die Dunkelheit. Alles wurde nach und nach erklärlich. Nur die Frage nicht, wie es den Mistkerlen gelungen war, ihn zu überrumpeln. Er war versucht, sich selbst in den Hintern zu treten, wenn das nur möglich gewesen wäre.
Erst in diesem Moment wurde ihm bewußt, daß er sich nicht rühren konnte.
Sie hatten ihn gefesselt.
Eine neue Woge der Wut brandete durch sein eben erwachtes Bewußtsein. Er lag auf der Seite. Vergeblich zerrte er an den Stricken, die seine Handgelenke umschlossen. Sie hatten ihm die Arme auf den Rücken gebunden, und sie hatten ganze Arbeit geleistet. Auch sein gesundes linkes Bein und die Prothese hatten sie zusammengeschnürt.
Nur einen Knebel hatten sie ihm nicht in den Mund gestopft. Old Donegal war versucht, ein erbittertes Lachen auszustoßen. Darauf, ihn zum Schweigen zu bringen, konnten sie sehr wohl verzichten. Erstens würde ihn kaum jemand hören, wenn er im Kabelgatt Gebrüll anstimmte. Und zweitens hatten sie ohnehin alle Vorteile auf ihrer Seite.
Denn selbst wenn Arkana und die anderen irgendwann mit ihrer Suche fertig waren und am Ufer auftauchten, würden sie doch herzlich wenig ausrichten. Old Donegal verfluchte sich selbst dafür, daß er sämtliche Drehbassen geladen hatte. Arkana und die fünf Männer waren dagegen mit ihren Pistolen hoffnungslos unterbewaffnet.
Unvermittelt waren Stimmen zu hören.
Minutenlang horchte der alte O’Flynn auf den rauhen Wortwechsel, der sich mehr und mehr zum Gebrüll steigerte. Er hörte heraus, daß sie sich darüber stritten, wer zur Schaluppe hinüberpullen sollte.
Aber ein anderer Umstand war von entscheidender Bedeutung: Die Halunken befanden sich achtern. Also war er vorerst ungestört. Und wenn sie wirklich die Idee hatten, sich auf das Vorschiff zu begeben, dann würde er durch ihre Schritte rechtzeitig gewarnt werden.
Er atmete tief durch. Dann schob er sich behutsam rückwärts über die Planken, indem er sich abwechselnd krümmte und wieder streckte. Als er mit dem Kopf gegen eine Taurolle stieß, hielt er inne. Der schwierigere Teil der Arbeit begann.
Erneut verstärkte sich das Dröhnen und Stechen in seinem Schädel, denn die Kraftanstrengung, mit der er sich jetzt an der Taurolle hochschob, war fast zuviel. Einen Moment hatte er das Gefühl, wieder das Bewußtsein zu verlieren. Feurige Ringe begannen vor seinen Augen zu tanzen, und die aufwallende Schwärze war tiefer und intensiver als die Dunkelheit des Kabelgatts.
Aber er bezwang die drohende Ohnmacht. Und er schaffte es, sich an der Kabelrolle halb aufzurichten, so daß er sich im Sitzen krümmen konnte.
Natürlich hatten ihm die Strolche den Cutlass abgenommen. Aber zu mehr waren sie mit ihrem beschränkten Verstand gottlob nicht fähig gewesen. Denn daran, daß es die Beinprothese des alten O’Flynn im wahrsten Sinne des Wortes in sich hatte, hatten sie nicht gedacht. Bei oberflächlichem Betrachten war dies ohnehin nicht zu erkennen. Man mußte schon sehr genau hinsehen, um das Geheimfach zu entdecken, das in den Schaft der Prothese eingearbeitet war.
Ferris Tucker hatte dieses Meisterwerk vollbracht, und Old Donegal hätte ihn in diesem Augenblick wieder einmal dafür umarmen können.
So weit es nur ging, zog er das gesunde Bein und die daran festgeschnürte Prothese an die Oberschenkel heran. Zum Glück konnte er die Finger bewegen, und er hatte einen Freudenschrei ausstoßen mögen, als er den Schaft der Prothese mit den Fingerspitzen ertastete.
Jetzt war es fast ein Kinderspiel, die Einkerbung zu finden und die Abdeckung des Geheimfachs herauszuheben. Als das lange Holzstück sich löste, hielt er es sorgsam fest und ließ es sacht zu Boden gleiten. Er hatte nicht vor, die Kerle durch ein unbeabsichtigtes Geräusch zu alarmieren.
Die schwierigere Aufgabe stand jedoch noch bevor.
Bevor er sich mit den Handfesseln befassen konnte, brauchte er etwas mehr Beweglichkeit. Deshalb packte er das Stilett, das in dem Hohlraum verborgen war, mit den Fingern. Es gelang ihm, die rasiermesserscharfe Klinge an die Seilwindungen der Fußfesseln heranzubringen. Wenige Schnitte mit leichtem Druck genügten, und die Fesseln fielen ab.
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