Thorfin Njal, der auf seinem Sesselchen auf dem Achterdeck des Viermasters thronte, hob erstaunt den behelmten Kopf, als der alte O’Flynn wie ein Irrer mit der „Empress“ in die Bucht brauste.
Die Arbeiten wurden indessen nicht unterbrochen. Ein Beiboot der „San Donato“ lag längsseits. An der nach Backbord ausgeschwenkten Besan-Gaffelrute des Schwarzen Seglers war eine Talje angeschlagen, die dazu diente, die Körbe aus dem Beiboot an Bord zu hieven.
Mit killenden Segeln schoß die „Empress“ nahe bei „Eiliger Drache“ an Steuerbord in den Wind. Breitbeinig stand der alte O’Flynn auf dem Achterdeck seiner Kleinkaravelle. Mit beiden Händen formte er einen Trichter vor dem Mund und brüllte seine Nachricht zu dem großen Viermaster hinauf, wo die ersten neugierigen Gesichter an der Verschanzung erschienen.
„He, Thorfin, du verdammter Glückspilz! Du bist Vater geworden! Und das nicht nur einmal, sondern gleich zweimal! Gotlinde hat dir ein Pärchen beschert! Heute mittag war das, seitdem krähen die beiden Kleinen auf der Schlangen-Insel um die Wette!“
Einen Augenblick herrschte auf dem Schwarzen Segler die Stille der Überraschung.
Dann brach das Gebrüll los.
Was sich allerdings dort oben an Backbord abspielte, konnte Old Donegal vom Achterdeck seiner „Empress“ aus nicht sehen.
Thorfin Njal, der Klotz von einem Kerl, fuhr jäh von seinem „Sesselchen“ hoch, als hätte ihn der wilde Affe gebissen. Er warf die Arme hoch, und ein urgewaltiger Schrei entrang sich seinem mächtigen, von Fellen bedeckten Brustkasten.
Wie ein Röhren klang es, überall auf den Decks des Viermasters pflanzte es sich fort und vereinte sich zu einem vielstimmigen „Hurra“ aus den heiseren Stimmen der Crew.
Immer noch röhrte der Wikinger, und für einen Moment schien es, als wolle er sich vor lauter Freude den Helm vom Kopf reißen, um ihn in der Luft zu schwenken. Im Taumel seiner Vatergefühle achtete er nicht auf den schweren Korb, den der Stör an der Talje soeben hochgehievt hatte.
Bedächtig schwenkte der Nordmann mit dem langen Gesicht die Gaffelrute binnenbords. Mit der ihm eigenen Verzögerung begriff er erst jetzt, was sich abspielte. Sein Blick fiel auf den röhrenden Wikinger, und das Gegröl der übrigen Männer hallte in seinen Ohren nach.
„Hurra!“ brüllte der Stör und warf die Arme hoch, wie es Thorfin tat, den er so gern nachahmte.
Daß er dabei die holende Part losließ, bemerkte er erst, als sie wie eine Schlange durch die Talje züngelte. Doch das verhängnisvolle Geschehen war nicht mehr aufzuhalten.
Der schwere Gemüsekorb raste abwärts.
Dem Stör stockte der Atem, und sein Freudengebrüll versiegte schlagartig.
Denn haargenau unter dem fallenden Korb befand sich der Wikinger. Und dem Stör blieb keine Zeit, zu reagieren.
Mit einem dumpfen Laut knallte der Korbboden auf den Kupferhelm und platzte auf. Für einen Sekundenbruchteil waren noch Thorfins erschrockene Augen zu sehen. Dann erstickte sein Freudenröhren in der Gemüseladung, die ihn weich und saftig einschloß.
Vergeblich ruderte er mit den Armen, um das Gleichgewicht zu halten. Doch der Korb gab seinen Kopf mitsamt Helm nicht frei.
Der Stör wich entsetzt beiseite, als der Wikinger ins Taumeln geriet – ein Berg von Muskeln, gekrönt von einem riesigen Flechtkorb, aus dem leuchten rote Früchte purzelten. Tomaten!
Drei, vier davon zerplatzten auf den Achterdecksplanken.
Die Männer auf der Kuhl und auf der Back stellten ihr Gegröl ein, als sie das Geschehen erfaßten. Für einen Moment waren sie versucht, in Gelächter auszubrechen. Der fellbekleidete Riese, der statt eines Kopfes einen Korb trug, sah in der Tat aus wie ein urkomisches Wesen aus einer noch unentdeckten Welt.
Aber fleischige Tomateröte behinderte sein Sehvermögen und raubte ihm das Gleichgewichtsgefühl.
Bevor einer aus der Crew eingreifen konnte, taumelte Thorfin ausgerechnet auf den Steuerbordniedergang zu. Der Stör, der nahe genug gewesen wäre, um noch zuzupacken, war vor Entsetzen wie gelähmt.
Der Wikinger kriegte Übergewicht. Der schwere Korb zog ihn buchstäblich nach unten. Ein dumpfes Gurgeln drang durch die Tomaten, als er einen letzten Schritt versuchte. Doch der führte nur ins Leere. Sein linker Fuß verfing sich in den obersten Stufen, und dadurch verlor er endgültig den Halt.
Kopfüber – oder besser „korbüber“ – segelte er auf die Planken der Kuhl. Tomaten kullerten nach allen Seiten. Unter den Fußsohlen der herbeieilenden Männer wurden die Früchte zu rotem Brei zermatscht.
Auf der „Empress“, die mittlerweile bereits in einiger Entfernung vor Anker lag, brachen die vier Männer in schallendes Gelächter aus. Old Donegals Lachen klang wie das Meckern eines Ziegenbocks.
Doch Sekunden später, als sich der Wikinger noch immer nicht rührte, wurde es auch auf der kleinen Karavelle still.
Arne und Olig waren als erste auf den reglosen Thorfin Njal zugeeilt, ihnen folgte der Boston-Mann. Gemeinsam beugten sie sich voller Besorgnis über den Reglosen und zogen behutsam den Korb beiseite. Was sich ihren Blicken darbot, reizte erneut zur Heiterkeit.
Der Helm lag mitten in der Tomatenbrühe, und Thorfins Haarpracht mitsamt Bart war dunkelrot von Tomatensaft.
Doch das Lachen blieb den anderen im Hals stecken, als sie ihn stöhnen hörten. Seine Gesichtshaut war grau vor Schmerzen – an den wenigen Stellen, die die rote Brühe nicht erreichte. Mühsam schaffte es der Wikinger, den Oberkörper aufzurichten.
So hatte ihn noch keiner erlebt. Und sie brauchten keine besondere Erklärung, um die Ursache zu erkennen.
Der linke Fuß des Wikingers stand auf erschreckende Weise schief. Unter den Riemen der Sandale war der Knöchel bereits unförmig angeschwollen.
Auf dem Achterdeck ließ der Stör die noch immer zum Freudenschrei erhobenen Arme sinken. Sein Mund stand offen, sein starrer Blick war auf den schiefen Fuß seines Kapitäns gerichtet. Dann sah er, wie die Zornesadern unter der Tomatenröte des Wikingers anschwollen.
Fluchtartig hastete der Stör los – hinüber zum Backbordniedergang, um nur schnellstens größtmögliche Distanz zwischen sich und den saftbesudelten frischgebackenen Vater zu bringen. Mit einem wilden Satz landete der langgesichtige Nordmann auf den Planken der Kuhl. Die Donnerstimme Thorfins Njals erreichte ihn noch, als er auf die offene Grätingsluke zurannte und sich unter Deck in Sicherheit brachte.
„Verdammter hirnrissiger Torfkopp! Du dreimal verfluchtes Mondkalb hast nichts als Schlick im Schädel! Aber diesmal kriegst du, was dir zusteht, verlaß dich drauf! Du sollst im hintersten Höllenwinkel gebraten werden, bis du kohlrabenschwarz bist. Aber vorher ziehe ich dir an der Großrah den Hals lang, daß du als Ausguck nicht mal mehr in den Mars rauf mußt!“
Eike, der in der Nähe der Luke stand, stieß zur Bestätigung ein grimmiges Knurren aus. Mit einem Satz folgte er dem Fliehenden in den Unterdecksraum. Diesmal war das Maß für den Stör voll. Genug, um den Männern an Bord den Kragen platzen zu lassen.
Nur sekundenlang waren dumpfe Schritte aus der Luke zu hören. Dann ein erschrockener Laut, gefolgt von einem trockenen Schlag. Im nächsten Moment tauchte Eike wieder auf und rieb sich grimmig die Knöchel der rechten Hand.
„Dieser Hohlkopf richtet fürs erste keinen Schaden mehr an“, sagte er grollend.
Thorfin Njal nickte zufrieden, verzog aber schmerzerfüllt das Gesicht, als er versuchte, das linke Bein zu bewegen.
„Bei Odins Raben“, sagte er ächzend, „jetzt fehlt mir bloß noch, daß der Flunken gebrochen ist.“
„Sieht ganz danach aus“, entgegnete Arne und kniete sich vor ihm auf die Planken. „Halt mal still.“ Er begann, den geschwollenen Knöchel zu betasten.
Schon bei der ersten Berührung brüllte der Wikinger vor Schmerzen. Arne zuckte zurück und wechselte einen betroffenen Blick mit Olig und dem Boston-Mann. Auch die übrigen Crewmitglieder betrachteten ihren auf den Planken liegenden Kapitän voller Mitgefühl. Vergessen war die frohe Botschaft, die Old Donegal Daniel O’Flynn überbracht hatte.
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