„Ich verstehe“, erwiderte der Erste Offizier der „Isabella“ lächelnd. „Und du willst derjenige sein, der die Nachricht überbringt.“
„Keine Frage! Meine ‚Empress‘ ist nun mal die schnellste von allen.“
Nach kurzem Überlegen war Ben Brighton einverstanden. Er nickte bedächtig, wie es seine Art war.
„Also gut“, sagte er, „ich werde dir Batuti und Bob Grey mitgeben.“
„Danke“, entgegnete Old O’Flynn strahlend. „Und welchen Kurs empfiehlst du?“
Ben Brighton überschlug es kurz. Für den Patrouillendienst war ein Kreistörn links herum um die Caicos- und die Turk-Inseln vereinbart worden. Nach der Auslaufzeit des Patrouillenschiffes, nach Windrichtung und Windstärke konnte man daher in unvorhergesehenen Fällen leicht berechnen, wo sich das betreffende Schiff ungefähr befinden mußte.
„Am besten steuerst du Coral Island an“, sagte Ben. „Dort müßte der Schwarze Segler etwa am Spätnachmittag stehen.“
Old Donegal verlor keine Zeit. Gemeinsam mit den beiden Männern von der „Isabella“ und Martin Correa, seinem Steuermann, begab er sich an Bord der kleinen dreimastigen Karavelle.
Der Mahlstrom stand günstig, und so konnte die „Empress“ eine knappe Stunde später die Innenbucht der Schlangen-Insel verlassen und bei Wind aus Norden Kurs auf Coral Island nehmen.
Von Stolz erfüllt harrte Old Donegal Daniel O’Flynn den ganzen Nachmittag auf dem Achterdeck der „Empress“ aus.
Er besaß nun alles, was ein Mann sich nur wünschen konnte. In Freiheit lebte er mit seinen Freunden auf der Schlangen-Insel. Er hatte seine lange geplante Schenke eröffnet, und er verfügte über sein eigenes Schiff. Nicht zuletzt war da Mary, geborene Snugglemouse, die mit beiden Beinen fest auf der Erde stand. Ein besseres Weib gab es nach Old Donegals Maßstäben nicht.
Auch Martin Correa, Steuermann und Bootsmann der „Empress“ in einer Person, zählte zu den positiven Errungenschaften, die der alte O’Flynn an diesem Nachmittag des 25. April in seiner gedanklichen Bestandsaufnahme zusammenreihte.
Correa leistete die harte Arbeit an der Pinne der „Empress“ ohne die geringsten Anzeichen von Erschöpfung. Er war ein kräftig gebauter Mann, seine grauen Augen und das kantige Gesicht spiegelten Zähigkeit und Tapferkeit. Als ehemals zweiter Steuermann der spanischen Galeone „San Nicolas“ hatte er bereits zweimal die Karibik bereist, und seine Fähigkeiten als Seemann und hervorragender Navigator hatte er unter dem Kommando des alten O’Flynn bereits hinreichend unter Beweis gestellt.
Batuti, der herkulisch gebaute Gambianeger, und Bob Grey, der drahtige blonde Engländer, hatten mit der Decksarbeit auf der „Empress“ keine Schwierigkeiten. Das Lateinerrigg der dreimastigen kleinen Karavelle war von Hesekiel Ramsgate so ausgelegt worden, daß eine geringe Mannschaftsstärke ausreichte.
Auf nordöstlichem Kurs lag das vierzig Fuß lange schlanke Schiff hart am Wind und bewies seine hervorragenden Segeleigenschaften. Für Zubringer- und Nachrichtendienste, so stellte Old O’Flynn abermals fest, was seine „Empress“ eben unübertroffen. Keine der großen Galeonen des Bundes der Korsaren hätte die dreißig Seemeilen von der Schlangen-Insel bis zur nordöstlich gelegenen Korallen-Insel in weniger als fünf Stunden bewältigt. Selbst mit der „Isabella“ wäre ein zeitraubendes Aufkreuzen notwendig gewesen.
Der Abwärtsweg der Sonne näherte sich bereits ihrem Ende, als die Umrisse von Coral Island über der nordöstlichen Kimm auftauchten. Mit hoch schäumender Bugwelle rauschte die „Empress“ auf ihr Ziel zu, und sehr bald zeichneten sich die Einzelheiten immer deutlicher ab. Da war der Gischtkranz zu sehen, der von den mächtigen Korallenbänken verursacht wurde, welche die Insel als schützender Ring umgaben. Und da war die üppige tropische Vegetation, die das Eiland als leuchtend grünes Kleinod in der Weite der Karibischen See erscheinen ließ.
„Ein herrliches Stück Erde“, sagte Martin Correa, dem der Anblick von Coral Island weniger geläufig war als den übrigen Männern aus dem Bund der Korsaren. „Nichts gegen die Schlangen-Insel, aber die Timucuas dürften hier wie im Paradies leben.“ Er kannte die Geschichte des Indianerstammes aus Florida, der mit Hilfe des Seewolfs seine zweite Heimat auf Coral Island gefunden hatte.
Old Donegal wandte sich um und legte sein verwittertes Gesicht in Falten.
„Alles schön und gut, aber mir wäre lieber gewesen, wenn sie uns auch noch das Geheimnis des Jungbrunnens verraten hätten.“
„Wahrscheinlich wissen sie es selber nicht“, entgegnete der Steuermann. „Sonst würden sie das doch schon aus Dankbarkeit preisgeben.“ Wie kein zweiter verstand es Martin Correa, auf die Schrullen des Alten einzugehen. Wenn den Arwenacks und ihren Gefährten längst der Geduldsfaden riß, hörte Martin den Erzählungen Old Donegals immer noch geduldig und interessiert zu. Daß es sich dabei stets um übersinnliche Dinge handelte, störte ihn nicht im mindesten. Auch die Geschichte mit dem Jungbrunnen, der sich irgendwo im südlichen Florida befinden sollte, kannte der Steuermann der „Empress“ längst auswendig.
„Bei den Indianern kann man nie ganz sicher sein“, sagte Old Donegal. „Manches verraten sie selbst ihren besten Freunden nicht. In der Beziehung sind sie verdammt merkwürdig, wenn sie sonst auch feine Kerle sind.“
Im nächsten Moment wurde seine Aufmerksamkeit abgelenkt, und das Thema Jungbrunnen war damit beendet.
Denn die „Empress“ rauschte jetzt auf die Ostküste der Insel zu. Die Einfahrt zur Ankerbucht zeichnete sich in Sichtweite ab. Über den schroffen Formationen der Korallenbänke erhoben sich jedoch nicht nur die Masten der „San Donato“. Auch der Schwarze Segler lag dort in der Bucht. Thorfin Njal hatte also die Patrouillenfahrt zu einem kurzen Besuch bei den Timucuas genutzt.
Old Donegal dachte nicht daran, auch nur einen Fetzen Tuch wegnehmen zu lassen. Eine fieberhafte Besessenheit packte ihn, die freudige Nachricht so schnell wie möglich zu überbringen. Martin Correa und die beiden Männer von der „Isabella“ hatten nichts einzuwenden. Sie kannten die prächtigen Eigenschaften der „Empress“, und es gab in der Tat kein übermäßiges Risiko.
Auf Anweisung von Old O’Flynn legte Correa die Karavelle auf Kurs Ost-Nord-Ost. Als sie mit sechs Kabellängen Abstand an der Passage zur Bucht vorbeijagten, ertönte von dort bereits Begrüßungsgebrüll. Der alte O’Flynn grinste bis zu den Ohren, denn er malte sich aus, wie es ihnen gleich die Sprache verschlagen würde, wenn sie die Neuigkeit erfuhren. Dann folgte eine Wende nach Backbord. Willig drehte die „Empress“ ihren Bug durch den Wind und rauschte bei halbem Wind mit Direktkurs auf die Einfahrt zu.
Es zeigte sich, daß der schwarze Viermaster nicht nutzlos in der Bucht lag. Der Wikinger beschränkte sich keineswegs darauf, den Timucuas „Guten Tag“ zu sagen. Auch an die Versorgung der Schlangen-Insel dachte er bei dieser Gelegenheit. In der Bucht und am Ufer herrschte reger Betrieb. Timucuas brachten große Körbe mit Früchten und Gemüse aus dem Inneren der Insel und reihten sie am Strand auf. Beiboote dienten für den Pendelverkehr zwischen dem Schwarzen Segler und dem Ufer. Als Gegenleistung erhielten die Bewohner von Coral Island Werkzeuge, Baumaterialien, Stoffe und Gerätschaften, die samt und sonders aus Beutezügen des Bundes der Korsaren stammten.
Die Idee, Coral Island als Versorgungsinsel für die Schlangen-Insel auszubauen, begann sich zu verwirklichen. In der kurzen Zeit ihres Aufenthalts auf dem Korallen-Eiland hatten die Timucuas bereits Beträchtliches geleistet. Plantagen waren angelegt worden, und ihr Arbeitseifer wurde durch eine stattliche Ernte belohnt.
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