„Von jetzt an wird nur noch geflüstert!“ befahl er. „Wir haben von der Queen und den paar Kerlen zwar nicht mehr viel zu befürchten, aber ich möchte trotzdem ein Versteckspiel vermeiden.“
Nachdem man den Strand fast erreicht hatte, verteilte man sich und pirschte sich vorsichtig an die Palmgruppen heran.
Aber es war nirgends jemand zu sehen, und das ließ die Männer stutzig werden. Der Profos blickte besonders grimmig drein. Er gehörte zur Gruppe des Seewolfs und hielt wie alle anderen eine schußbereite Steinschloßpistole in der Hand.
Da plötzlich deutete Hasard auf eine windschiefe Blätterhütte, die sich, etwas versteckt, zwischen den Palmstämmen befand.
Dort wurde die Baumgruppe umzingelt, und der Seewolf sowie Ed und Ferris nahmen die Hütte in Augenschein. Wie sie fast schon erwartet hatten, war sie leer.
„Eine Notunterkunft“, sagte Hasard. „Es sieht ganz danach aus, als seien die Vögel ausgeflogen.“
„Verdammt, das wäre aber ärgerlich, Sir“, sagte der Profos. „Das Schnapphuhn kann doch unmöglich zur nächsten Insel geschwommen sein.“
„Das sicherlich nicht“, sagte Hasard, „aber es liegt immerhin im Bereich des Möglichen, daß es Caligula gelungen ist, ein Fahrzeug aufzutreiben und hierher zu segeln. Er kannte ja den Schlupfwinkel.“
Renke Eggens, der inzwischen ebenfalls mit seiner Gruppe eingetroffen war, bestätigte die Vermutung des Seewolfs. Der sichtbare Beweis für ihre Richtigkeit sollte den Männern gleich geliefert werden.
Sie fanden nämlich deutliche Fußspuren im Sand, die erkennen ließen, daß sich mehrere Personen zwischen der Hütte und dem Wasser hin und her bewegt hatten. Auch mußte an jener Stelle, an der die Fußspuren endeten, ein Boot gelandet sein, das war deutlich festzustellen. Da niemand weggeschwommen sein konnte, mußte also doch Caligula die Hand im Spiel gehabt haben. Mit ziemlicher Sicherheit hatte er die Queen und die paar Kerle an Bord genommen und war mit ihnen davongesegelt. Aber wohin?
Der Seewolf war nahe daran, einen wüsten Fluch vom Stapel zu lassen, doch er verkniff sich diese menschliche Erleichterung.
„Es hat keinen Sinn, daß wir uns darüber ärgern“, sagte Hasard schließlich. „Wenn wir auch keinen totalen Sieg verbuchen können, haben wir doch auf jeden Fall einen ganz beachtlichen Erfolg errungen. Vor allem scheint der Versuch der Queen, den Bund der Korsaren durch die Spanier vernichten zu lassen, vorerst gescheitert zu sein. Die Bande der Queen existiert so gut wie nicht mehr, und sie und Caligula werden in absehbarer Zeit ihre Machtgier kräftig zügeln müssen. Die Königin ist von ihrem Thron gestürzt, und zwar ganz schön tief.“
„Hoffentlich hat sie sich dabei kräftig ihren schwarzen Hintern verstaucht“, sagte Ed boshaft.
Die Männer sahen ein, daß es zwecklos war, weiter nach der schwarzen Piratin zu suchen. Sie kehrten deshalb auf kürzestem Weg zu ihren Booten und dann auf ihre Schiffe zurück. Auf der „Pommern“ wurde anschließend Rat gehalten über das, was weiter zu tun sei.
Bald war man sich darüber einig, daß man zunächst einmal zur Schlangen-Insel zurücksegeln würde. Die „Caribian Queen“, dieses kampfstarke Schiff, sollte künftig unter der Flagge des Bundes der Korsaren segeln – vielleicht sogar wäre Siri-Tong, die Rote Korsarin, bereit, das Schiff ihrer bisher härtesten Gegnerin zu übernehmen.
„Und was soll mit den drei stinkenden Rübenschweinen geschehen?“ wollte Ed wissen.
„Wir werden sie auf dieser Insel lassen, und zwar ohne Waffe, Werkzeuge und Proviant“, erwiderte der Seewolf. „Besser haben sie es nicht verdient.“
„Nun ja“, sagte Ed, „ich hätte schon was Besseres gewußt.“
„Was zum Beispiel?“
„Ich hätte sie mit dem gesamten Hirsebrei gefüttert, den der Kutscher gekocht hat. Das wäre eine weit schlimmere Strafe für diese blaukarierten Affenärsche.“
Die Arwenacks lachten brüllend über diesen todernst vorgebrachten Vorschlag und das grimmige Gesicht ihres Profos’. Dennoch wurde natürlich die Anordnung Hasards beachtet. Die drei Schnapphähne wurden kurzerhand an Land gesetzt, da half ihnen kein Zetern, kein Fluchen und kein Bitten.
Anschließend teilte Hasard die Mannschaft auf. Ein Teil der Arwenacks und ein Teil der Kolberger wechselte auf den Zweidecker über, den Dan O’Flynn für die Heimreise zur Schlangen-Insel als Kapitän übernehmen sollte.
Die Stimmung an Bord der „Pommern“ hob sich rasch – nicht zuletzt bei Edwin Carberry. Als der Kutscher wie entschuldigend erklärte, er habe den geplanten Hirsebrei leider nicht zubereiten können, da die Hirse infolge der tropischen Hitze schlecht geworden sei, erhellte sich das Gesicht des Profos’. Und als der Kutscher hinzufügte, er habe sich deshalb erlaubt, Berge von deftigen Speckpfannkuchen zu braten, strahlte Ed wie ein frischgebackener Kuchen.
Er hieb dem Kutscher begeistert auf die Schulter.
„Ich habe schon immer gesagt, Kutscher, daß du ein kluges Kerlchen bist und echtes Interesse an der Gesundheit der ganzen Mannschaft hast!“
Unter dem Grinsen der Arwenacks und Kolberger wurden die Anker gehievt. Noch während der Nacht liefen die beiden Schiffe aus der Bucht, um ostwärts an der kubanischen Küste entlangzusegeln.
ENDE
Burt Frederick
Sturmfahrt nach Hispaniola
Die Nacht vom 24. auf den 25. April des Jahres 1594 war ungewöhnlich lau. Ein sanfter karibischer Wind strich über die Schlangen-Insel. Das silberne Mondlicht verlieh dem Wasser in der Außenbucht einen Glanz von flüssigem Metall.
Rauhes und doch heiteres Stimmengewirr erfüllte die Felsenkaverne, die seit ihrer Entdeckung „Old Donegals Rutsche“ hieß. Einige der Männer hatten sich vor dem Eingang im Freien niedergelassen, um die Nachtluft zu genießen. Aus der Felsenkneipe wehte der Geruch von Bierpfützen und rußenden Pechfackeln zu ihnen hinaus.
Es war die rechte Art von Gemütlichkeit, wie Old Donegal Daniel O’Flynn sie sich früher in seinen Träumen immer vorgestellt hatte.
Er blickte vom Zapfhahn auf, als seine bessere Hälfte von draußen zurückkehrte. Ein Hauch von Rührung erfaßte ihn. Mary O’Flynn, geborene Snugglemouse, war mit Gold nicht aufzuwiegen. Was sie auch anpackte, sie bewältigte es spielend. Und wenn es sich nur um die Kleinigkeit eines vollen Dutzends leerer Henkelkrüge handelte, die sie hereinwuchtete. Mit einem Kranz von sechs Humpen in jeder Hand schob sie sich auf den Tresen zu.
„Mister O’Flynn!“ übertönte ihre energische Reibeisenstimme den Lärm. „Willst du deine Gäste verdursten lassen? Oder warum stierst du Löcher in die Luft?“
Old Donegal zuckte zusammen und beeilte sich, seine Tätigkeit am Zapfhahn fortzusetzen. Wie sollte er denn vor aller Öffentlichkeit erklären, daß sie nicht etwa Luft für ihn war? Und sie selbst hätte am allerwenigsten Verständnis dafür gehabt, wenn er ihr mitten in der Arbeit seine rührselige Anwandlung zu verklaren versuchte. Davon, daß er an übernatürliche Kräfte glaubte, die sie beide zusammengeführt hatten, brauchte er erst gar nicht anzufangen. Spinnflausen nannte sie das, und das energische Funkeln in ihren grauen Augen hatten ihn bislang jedesmal verstummen lassen. Dennoch gab er die Hoffnung nicht auf, daß er ihr eines Tages seine innersten Überzeugungen schildern durfte.
Mary knallte die leeren Trinkgefäße auf den Tresen, wischte sich eine Strähne ihres feuerroten Haars aus der Stirn und stemmte die Fäuste in die Hüften. Stirnrunzelnd beobachtete sie ihn, wie er den Gerstensaft in die Krüge schäumen ließ.
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