Caligula war nur noch ein entlaufener Sträfling, denn er hatte noch immer die Kette zwischen den Handgelenken, und die Queen war siech und schwach. Die einst so stolze Piratin, vor der jedermann gekuscht hatte, war nur noch ein gereiztes, keifendes und kränkliches Weib.
Die Stunden vergingen. Caligula, die Black Queen sowie Limba und die drei anderen Kerle hockten während der heißen Mittags- und Nachmittagsstunden im Schatten der Palmen und brüteten die meiste Zeit dumpf vor sich hin. Erst gegen Abend hatte sich Caligula zu einem Entschluß durchgerungen.
„Auf jeden Fall können wir nicht auf dieser Insel bleiben“, sagte er. „Hier gehen wir langsam vor die Hunde. Außerdem weiß man nicht, was Casco und den anderen Hurensöhnen noch einfällt. Ich halte sie sogar für imstande, dem Seewolf einen Tip zu geben, damit er weiß, wo er uns finden kann. Auf diese Weise hätte uns Casco rasch vom Hals.“
„Du hast recht“, bestätigte die Queen. Ihre Stimme klang wieder ruhiger und besonnener. „Der Boden ist hier zu heiß für uns. Auch wenn wir noch nicht wissen, wie es weitergehen soll, müssen wir zunächst von hier verschwinden.“
Die Schlußfolgerung, die Caligula geäußert hatte, klang zwar logisch, aber tatsächlich hatte er ganz andere Gründe für seinen Vorschlag. Er erinnerte sich nämlich dunkel daran, daß er bei den Huren in Havanna großspurig herumposaunt hatte, wo „sein“ Schiff zu finden wäre. Da brauchte nur eine ihr Wissen beim Gouverneur oder seiner Hofclique gegen blanke Münzen einzutauschen, und schon würde eine ganze Armada aufbrechen, um ihn zu schnappen.
Das war der Grund dafür, daß Caligula es plötzlich sehr eilig hatte, von den Islas de Mangles zu verschwinden.
Sofort scheuchte er die vier Männer hoch. Die Schaluppe wurde eilig ausgerüstet. Der Proviant bestand ausschließlich aus Kokosnüssen und Früchten, die man auf der Insel gefunden hatte. Etwas Trinkwasser hatten die vier Männer, die der Black Queen treugeblieben waren, notdürftig in leere Kokosnüsse gefüllt.
Am Schluß wurde die schwarze Piratin in die Schaluppe verfrachtet, und kurz vor Einbruch der Abenddämmerung segelte der Einmaster aus der Bucht.
„Wohin geht die Fahrt?“ fragte Limba zaghaft.
„Nach Süden“, erwiderte Caligula kurz angebunden. Mehr wußte er im Augenblick selber noch nicht.
Am Spätnachmittag des 27. April im Jahre des Herrn 1594 steuerten die „Pommern“ und der erbeutete Zweidecker jene einsame Insel an, die der Pirat, der von Hasard in die Mangel genommen worden war, als Schlupfwinkel bezeichnet hatte.
Hasard war auf Nummer Sicher gegangen und hatte den Kerl sogar eine Zeichnung der Insel anfertigen lassen, bevor man ihn zusammen mit seinen beiden Kumpanen in die Vorpiek gesperrt hatte.
Vor einer Stunde jedoch hatte man ihn herausgeholt und ihm einen Platz auf dem Achterdeck zugewiesen. Nach Hasards Berechnungen konnte man nicht mehr allzu weit vom Ziel entfernt sein, deshalb sollte der Schnapphahn jetzt als Lotse dienen.
Er tat es bereitwillig, sobald ihn ein Blick aus den eisblauen Augen des Seewolfs traf.
Natürlich erregte der verluderte Kerl auf dem Achterdeck sehr das Mißfallen Edwin Carberrys. Immer wenn er in der Nähe des Piraten zu tun hatte, hielt er sich die Nase zu und japste hinterher nach Luft.
„Ich hätte nie geglaubt, daß echte Rübenschweine so gottserbärmlich stinken würden“, röhrte er und zog dabei jeweils eine Grimasse, die den Kerl zusammenzucken ließ. „Da könnte einem schon der Appetit für den ganzen Tag vergehen. Mir macht’s ja nicht mehr viel aus, weil er mir ohnehin schon vergangen ist.“
„Warum denn das?“ wollte der Seewolf wissen. „Du bist doch sonst nicht so appetitlos, Ed?“
„Aber heute bin ich es, Sir. Heute ist nämlich jener schwarze Tag, an dem es dicken Hirsebrei gibt.“
Hasard schüttelte verwundert den Kopf.
„Dicken Hirsebrei?“
„Jawohl, Sir, das hat mir der Kutscher schon gestern im Vertrauen gesagt. Und das soll ein echt englisches Essen sein. Daß diese klebrige Pampe einem echten Engländer wie mir schon tagelang im voraus den Magen umkrempelt, das interessiert den Töpfeschwenker überhaupt nicht. Warum auch, er hat ja stinkende schwarze Salben und anderen Schweinkram mit dem er einem wieder aufpäppelt, wenn etwas schiefgelaufen ist. Ich als Profos nenne das verantwortungslos, jawohl.“
Obwohl Hasard nicht wußte, welche Ereignisse der üblen Laune Eds vorausgegangen waren, konnte er sich doch ein Grinsen nicht verkneifen.
„Wart’s ab, Ed, und laß dich überraschen. Vielleicht hat sich der Kutscher das längst anders überlegt.“
„Glaub’ ich nicht, Sir. Dem ist es gleichgültig, ob man von dem Zeug krank wird oder nicht. Ich bin es nämlich schon.“
„Du siehst aber noch ganz gesund aus“, mischte sich Pete Ballie ein.
„Was verstehst du schon von Krankheiten, du triefäugiger Sumpfhahn“, fauchte ihn der Profos an. „Ich fühle mich hundeelend. Dicker Hirsebrei und dann noch so ein stinkendes Rübenschwein an Bord – da soll man noch bei Gesundheit bleiben!“
Noch bevor der Profos aufzählen konnte, welche üblen und vor allem äußerst ansteckende Krankheiten man von dickem Hirsebrei kriegen konnte, meldete Luke Morgan, der in den Großmars aufgeentert war, einen schwarzen Strich an der Kimm.
„Das wird die Insel sein“, sagte der Seewolf, und der Pirat nickte eifrig. Auch die Männer, die als Notbesatzung die „Caribian Queen“ übernommen hatten, schienen bereits bemerkt zu haben, daß Land in Sicht war.
Der große Augenblick stand also nahe bevor – jetzt sollte auch mit der Black Queen selber abgerechnet werden – und hoffentlich auch mit Caligula.
Der Lotse schnitt ein ängstliches Gesicht, als fürchte er sich jetzt noch vor der Queen. Offenbar malte er sich aus, was mit ihm geschehen würde, wenn er ihr jemals in die Hände fiel.
„Wir verfahren so, wie wir das besprochen haben“, sagte Hasard. „Wir werden unter äußersten Vorsichtsmaßnahmen auf der entgegengesetzten Seite der Schlupfwinkelbucht vor Anker gehen, damit sich das Gesindel nicht vorzeitig verkriecht.“
„Das Schnapphühnchen soll sich nur verkriechen“, sagte Ed, der jetzt seine schlechte Laune vom Hirsebrei auf die Queen übertrug. „Man wird es über die ganze Insel gackern hören, wenn ich es von der Stange fege!“
Nach mehr als einer Stunde erreichten die beiden Schiffe ihr Ziel. Nachdem die Anker Grund gefaßt hatten, wurde je ein Boot von der „Pommern“ und der „Caribian Queen“ abgefiert, denn zwei Suchtrupps sollten sich von verschiedenen Seiten her an die Bucht heranpirschen. Ein Kommando übernahm der Seewolf selbst, das andere Renke Eggens.
Die Boote erreichten die Insel mühelos und wurden dort an einer geschützten Stelle vertäut. Zwei Männer blieben als Wache zurück.
Das Eiland sah malerisch aus. Hohe Palmen und Farnbäume gaben ihm das Gepräge und boten Schutz vor der flirrenden Hitze. In den Baumwipfeln lärmten Scharen von bunten Vögeln, viele davon hoben sich erschreckt in die Luft, als sie die Männer sahen.
„Ich kann mir vorstellen, daß es hier genug Trinkwasser, Früchte und vielleicht sogar jagdbares Wild gibt, um eine Weile zu überleben“, sagte Hasard. „Trotzdem wird die Black Queen nicht darauf erpicht sein, hier ihren Lebensabend zu verbringen.“
Da pflichteten ihm die Männer grinsend bei.
Die beiden Suchtrupps trennten sich bald, um die Bucht in die Zange zu nehmen. Sie gelangten gut voran, und das üppige Grün verhinderte, daß man sie vorzeitig entdeckte.
Bald fiel das Gelände etwas ab, das Grün wurde spärlicher und ließ die riesigen Palmen noch höher erscheinen.
Hasard hob plötzlich die Hand und stoppte seine Schritte – die Bucht lag vor ihnen.
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