Der Kutscher drehte sich jetzt um und rief in die Kombüse: „Paßt auf die Töpfe auf, Jungs, Mister Carberry ist am Verhungern!“
Die „Rübenschweinchen“ griffen scheinbar erschreckt zu den Topfdeckeln.
Der Profos blickte den Kutscher wild an.
„Der Teufel soll dich …“
„Ich weiß, ich weiß“, unterbrach ihn der blonde Mann. „Aber wenn mich der Teufel gerade jetzt, bevor das Mahl fertig ist, holt, mein lieber Mister Carberry, dann fürchte ich sehr um deine Gesundheit. Vielleicht gibt es dann zum erstenmal einen völlig verhungerten Wolf an Bord.“
Ed beruhigte sich und winkte verlegen ab, zumal Philip junior jetzt in einem dritten Topf zu rühren begann, aus dem erneut verführerische Düfte aufstiegen. Der Profos schluckte hart. Da lief einem wirklich das Wasser im Mund zusammen.
„Ist ja schon gut, Kutscher, der Teufel kann dich auch noch nach dem Backen und Banken holen“, sagte er. Dann trat er einen Schritt näher und senkte die Stimme. „Wenn ich schon zufällig hier bin, könntest du mir wenigstens verraten, was da in den riesigen Töpfen ist.“
Der Kutscher tat, als müsse er eine schwerwiegende Entscheidung treffen.
„Nun erzähl’s schon“, fuhr Ed fort, „du verrätst damit doch kein Geheimnis der englischen Krone, was, wie?“
„Das nicht gerade“, sagte der Kutscher, „aber meist erkläre ich erst hinterher, was es war. Dann weiß ich nämlich schon, ob es auch geschmeckt hat. Auf diese Weise kann man Vorurteilen aus dem Weg gehen.“
„Das ist sehr schlau von dir“, säuselte der Profos und schielte dabei verlangend zu den großen Töpfen, in die die Zwillinge jetzt extra hineinschnupperten und dabei genüßlich die Augen verdrehten. Nachdem er sich schmachtend die Lippen beleckt hatte, sagte er: „Du weißt ja, daß ich keine Vorurteile habe, also kannst du es mir ruhig anvertrauen. Dem – äh – dem himmlischen Duft nach muß es etwas ganz Hervorragendes sein.“
Der Kutscher grinste und wußte nur zu gut, daß er den armen Profos jetzt nicht mehr länger auf die Folter spannen konnte.
„Es gibt heute etwas Karibisches“, verkündete er.
„Etwas Karibisches?“ Ed war verblüfft. „Und was ist das? Nach Rum riecht es nicht.“
„Es ist ja auch keine Rumsuppe.“ Der Kutscher deutete zu den Töpfen. „Was darin gart, ist ein sogenannter Westindischer Pfeffertopf. Er besteht aus mehreren erlesenen Gemüsesorten, die ich alle frisch in Havanna eingekauft habe. Dazu gehören natürlich Bohnen, Erbsen, Möhren, Schwarzwurzeln, Weißkraut, Sellerie, Ogra, Yam-Wurzeln und Pigstail. Im Gemüse werden prächtige Fleischstücke vom Rind, Hammel und Schwein mitgekocht, dann wird das Ganze noch mit Langustenschwänzen verfeinert.“
Dem Profos gingen fast die Augen und Ohren über.
„Himmel, Arsch und Ziegenkäse“, sagte er schließlich fast andächtig. „Da hast du dir wirklich was besonderes Gutes einfallen lassen, Kutscher.“ Wieder leckte er sich genüßlich über die Lippen. „Wie lange – ich meine, dauert es noch lange bis zum Backen und Banken, was, wie?“
„Wir können gleich damit anfangen“, versprach der Kutscher.
Der dankbare Blick, den der Profos ihm jetzt zuwarf, sollte ihm noch lange in Erinnerung bleiben.
Die Nacht senkte sich mit tropischer Schnelligkeit über die Karibik. Die Mannschaft der „Pommern“ hatte es gerade noch vor dem Dunkelwerden geschafft, mit dem Backen und Banken fertig zu werden, und der Kutscher sah überall nur zufriedene Gesichter.
Vor allem Edwin Carberry lächelte das Lächeln der Glückseligen, als er seinen vollen Magen betastete.
Der Kutscher beugte sich zu ihm hinunter, weil er auf einer Taurolle hockte.
„Da du ja keine Vorurteile hast, Mister Carberry“, flüsterte er, „sage ich dir im Vertrauen, daß es morgen zu Mittag ein deutsches Gericht mit viel gutem Fleisch geben wird, denn wir haben ja auch viele Deutsche an Bord.“
„Ah, das ist sehr gut, Kutscher, wirklich“, lobte der Profos. „Die deutschen Blondschöpfe verstehen ja fast schon soviel von gutem Essen wie wir Engländer.“
Der Kutscher nickte.
„Damit jedoch niemand benachteiligt wird“, fuhr er fort, „wird es am Abend ein echt englisches Essen geben.“
„Ausgezeichnet“, sagte der Profos begeistert und klopfte dem Koch anerkennend auf die Schulter. „Das wird natürlich ein richtiger Festtag. Was gibt es denn?“
„Einen schönen dicken Hirsebrei“, verkündete der Kutscher, und da dem Profos augenblicklich die Kinnlade nach unten klappte und er einen verdammt wilden Blick draufkriegte, zog er es vor, samt den kichernden Zwillingen in der Kombüse zu verschwinden.
Dem schockierten Edwin Carberry blieb jedoch nicht viel Zeit, sich verulkt zu fühlen, denn Dan O’Flynn, dem Mann im Ausguck, war aufgefallen, daß etwas nördlich des Kaps mehrere große Feuer loderten, und zwar direkt am Ufer einer Bucht. Sofort hatte er die Crew gewahrschaut.
Einige Männer eilten zum Schanzkleid und blickten hinüber, obwohl es sich dabei nicht um ein außergewöhnliches Vorkommnis handelte, das Anlaß zur Besorgnis gegeben hätte.
Das, was jedoch in erster Linie die Blicke der Männer anzog, war nicht das Feuer, sondern ein großer Dreimaster, dessen Konturen sich gestochen scharf vor den Feuern abhob und der offenbar in der Bucht vor Anker lag.
Die Stimme Dan O’Flynns aus dem Großmars ließ erneut alle aufhorchen.
„Das ist die ‚Caribian Queen‘!“ rief er.
„Irrst du dich auch nicht?“ wollte der Seewolf wissen.
„Nein, es gibt keinen Zweifel. Die ‚Queen‘ liegt dort mit aufgetuchten Segeln vor Anker.“
Jeder glaubte ihm jetzt, denn es war bekannt, daß er die schärfsten Augen unter den Arwenacks hatte.
„Sofort alle Lichter löschen!“ befahl der Seewolf, der inzwischen wieder seinen Platz als Kapitän übernommen hatte. „Unsere Suche nach der ‚Caribian Queen‘ ist damit beendet.“
„Dann ist das sicherlich der Schlupfwinkel der Black Queen“, meinte Renke Eggens, „und wir brauchen gar nicht erst die Islas de Mangles abzusuchen. Das erspart uns eine Menge Zeit.“
„Wir werden der Sache gleich auf den Grund gehen“, entschied Hasard und wandte sich an Pete Ballie, der das Ruder übernommen hatte. „Wir fallen hart nach Backbord ab, Pete, dann gehen wir unmittelbar östlich des Kaps vor Anker. Wir sind noch weit genug von der Bucht entfernt, so daß man uns bei einigen Vorsichtsmaßnahmen nicht vorzeitig entdeckt.“
„Merkwürdig“, sagte Big Old Shane, der mit seinem langen grauen Haar und dem dichten grauen Vollbart an den Meeresgott Neptun erinnerte. „Ich anstelle der Black Queen hätte mir ein besseres Versteck ausgesucht. Es gibt doch hier so viele stille und abgelegene Buchten.“
Hasard nickte zustimmend.
„Da hast du nicht unrecht, Shane. Irgendwie paßt das nicht so recht zu diesem raffinierten Frauenzimmer. Trotzdem ist das Schiff dort drüben die ‚Caribian Queen‘, daran ist nicht zu rütteln.“
„Was willst du unternehmen?“ fragte Shane.
„Es darf uns jetzt kein Fehler unterlaufen“, sagte Hasard. „Also werden wir zunächst einmal die große Jolle aussetzen. Dann pullen wir vorsichtig in die Bucht, um auszukundschaften, was da los ist. Die zurückbleibende Crew kann inzwischen die ‚Pommern‘ gefechtsklar machen.“
So geschah es auch. Die deutschenglische Crew arbeitete Hand in Hand. Die große Jolle wurde abgefiert, und Hasard selber ging zusammen mit zehn Männern an Bord. Renke Eggens übernahm zusammen mit Big Old Shane das Kommando an Bord der „Pommern“ und sorgte dafür, daß die Galeone rasch und ohne unnötigen Lärm gefechtsklar gemacht wurde.
Zu der Jollenbesatzung gehörten vier „Kolberger“, wie die Deutschen von der „Wappen von Kolberg“ meist genannt wurden, sowie sechs Arwenacks – Gary Andrews, Stenmark, Blacky, Smoky, Luke Morgan und Ed Carberry. Philip Hasard Killigrew führte das Kommando.
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