Plötzlich krachten Schüsse durch die Dunkelheit, und einige der Schnapphähne brachen tot zusammen. Auch Casco hätte es um ein Haar erwischt, wenn er sich nicht geistesgegenwärtig auf den Boden geworfen hätte.
Eine ganze Anzahl der betrunkenen Piraten begriff trotz der Schüsse noch nicht, was geschah. Die Kerle grölten einfach weiter, während andere plötzlich stocknüchtern wurden und zu ihren Waffen griffen.
Zwischen dem Krachen der Pistolenschüsse dröhnte jetzt ein vielstimmiges „Ar-we-nack!“ durch das Dorf.
Casco war der erste, der begriff, mit wem er es zu tun hatte, und diese Erkenntnis ließ ihn in der Tat Pepita augenblicklich vergessen.
„Zu den Waffen!“ brüllte er, daß sich seine Stimme überschlug. „Das sind die verdammten Kerle von der Schlangen-Insel! Los, zeigt’s den Hunden!“
Er selber riß seine Steinschloßpistole aus dem Gürtel, spannte den Hahn und feuerte sie ziellos auf einen Schatten in der Dunkelheit ab. Doch der erwartete Aufschrei blieb aus, und Casco schleuderte die nun wertlos gewordene Waffe auf die Erde, um nach seinem Säbel zu greifen.
Ja, innerhalb von Sekundenschnelle war tatsächlich der Teufel los. Dan O’Flynn und Ferris Tucker waren sofort nach der Rückkehr der großen Jolle mit zwanzig Männern aufgebrochen, um den Beutegeiern von der „Caribian Queen“ kräftig einzuheizen, und zwar ohne jegliches Pardon – wie der Seewolf aufgetragen hatte.
Keiner der Piraten hatte bemerkt, daß ein Stück oberhalb des Dorfes und noch weit außerhalb des Feuerscheins, der schwerbewaffnete Trupp an Land gegangen war. Der Lärm, den sie veranstalteten, hatte sich für die Arwenacks und Kolberger als äußerst nützlich erwiesen. Sie hatten sich unbemerkt zwischen den Lehmhütten verteilt, um das Kommando Dan O’Flynns abzuwarten.
Bevor er jedoch das Zeichen zum Angriff gegeben hatte, hatte Dan mit seinen scharfen Augen nach der Black Queen und Caligula Ausschau gehalten. Er konnte sie jedoch nirgends entdecken. Er vermutete deshalb, daß Caligula nach seiner Flucht aus dem Stadtgefängnis von Havanna noch nicht hier aufgetaucht war. Nur das Fehlen der Black Queen blieb ein Rätsel für ihn.
Dennoch – ein Zurück gab es nicht mehr, die üble Mörderbande mußte aufgerieben werden.
Auf Dans Zeichen hin hatte der Angriff begonnen. Wie die Männer vom Bund der Korsaren schon zu Beginn mit Genugtuung festgestellt hatten, war der Überraschungseffekt voll auf ihrer Seite. Genaugenommen hatten sie das auch nötig, denn trotz der vielen Betrunkenen waren die Piraten beträchtlich in der Überzahl.
Die Arwenacks und Kolberger fuhren wie ein Gewitter mitten hinein in das wilde Gelage. Nach dem Abfeuern ihrer Pistolen war für manchen Piraten das Fest zu Ende. Die Frauen, die von diesem Überraschungsangriff genauso überrascht worden waren wie die Schnapphähne, ließen fallen, was sie gerade in der Hand hatten, und suchten schreiend Schutz in den Hütten oder hinter den dicken Stämmen der Palmen und Farnbäume. Vielleicht fürchteten sie sogar, eine neue Piratenbande sei gelandet, um das schlimme Treiben der anderen fortzusetzen.
Im Handumdrehen wogte ein harter Kampf durch das Fischerdorf – gespenstisch beleuchtet von den lodernden Flammen der Feuer.
Die Männer von der Schlangen-Insel hatten der üblen Bande wahrhaftig genug Ärger und Schwierigkeiten zu verdanken, deshalb zögerte auch keiner von ihnen, kräftig zuzulangen.
Die Kolberger droschen drauf wie germanische Recken, nachdem sie ihre Pistolen leer geschossen hatten, und die Arwenacks standen ihnen in nichts nach. Sie alle waren nicht nur hervorragende Schützen, sondern verstanden auch, mit Blankwaffen aller Art zu kämpfen. Wie die Vergangenheit gezeigt hatte, genügten ihnen manchmal sogar die nackten Fäuste.
Der rothaarige Schiffszimmermann Ferris Tucker ließ seine riesige Axt kreisen. Die drei Kerle, die ihn zähnefletschend und mit Entermessern in der Hand belagerten, gelangten nicht an ihn heran. Als schließlich doch einer von ihnen versuchte, unter der wuchtigen Axt wegzutauchen, um Ferris das Messer in die Brust zu jagen, änderte dieser blitzschnell den Kurs seiner Waffe. Der Schnapphahn ging mit einem lauten Aufschrei zu Boden. Niemand in der Karibik hatte jemals noch etwas von ihm zu befürchten.
Der zweite erlitt das gleiche Schicksal, als er versuchte, Ferris von hinten anzugreifen. Dem dritten verpaßte der rothaarige Riese einen so gewaltigen Fußtritt, daß er jaulend in einem der Lagerfeuer landete.
Dan O’Flynn lieferte einem baumlangen Neger einen erbitterten Degenkampf, auf den sich dieser am besten nicht eingelassen hätte, und Pete Ballie setzte einem heimtückischen Burschen, der sich von hinten an Dan heranschleichen wollte, seine geballte Pranken aufs Haupt.
Al Conroy, Matt Davies und all die anderen mußten sich verbissen mit jeweils mehreren Gegnern auseinandersetzen, auch wenn die Zahl der Schnapphähne schon wesentlich kleiner geworden war.
Luke Morgan, ein gefürchteter Messerkämpfer, kriegte mit, wie einer der Kerle ein Mädchen, das sich hinter dem Stamm einer Palme versteckt hatte, hervorziehen wollte. Offenbar wollte er die Kleine als Schild benutzen. Doch er schaffte es nicht mehr, denn das Messer Lukes’ zischte durch die Luft und bohrte sich in seine Rippen. Das halbwüchsige Mädchen kehrte weinend und zitternd hinter den Stamm zurück.
Auch Edwin Carberry war in seinem Element. Wo der Profos hinhieb, wuchs kein Gras mehr. Nachdem er eine Messerattacke erfolgreich abgewehrt hatte, geriet er an Casco. Der Kreole stand geduckt wie ein sprungbereiter Löwe vor ihm, fletschte die Zähne und hielt in jeder Hand ein Messer.
„Wo haben sie dich denn losgelassen?“ rief der Profos mit Donnerstimme. Seine Blicke hefteten sich auf die plattgeschlagene Nase Cascos. „Dir hat der Teufel wohl persönlich das Gesicht aufgebügelt, wie?“
Casco schnaubte vor Wut wie ein wilder Stier.
„Stirb, du Bastard!“ stieß er keuchend hervor und schleuderte dem Profos, der eigentlich einen direkten Angriff erwartet hatte, eines der beiden Messer entgegen.
Da Ed damit nicht gerechnet hatte, konnte er nur noch wenig tun, um der plötzlichen Attacke auszuweichen. So riß ihm das Messer das Hemd an der linken Schulter in Fetzen und hinterließ eine kleine Fleischwunde.
Den Profos erschütterte ein solcher Kratzer jedoch nicht. Er nahm seinen Degen blitzschnell in die linke Hand, bückte sich ebenso schnell und riß ein langes Holzscheit, das aus der Glut ragte, an sich.
Casco wollte die kurze Ablenkung nutzen, um sich mit dem anderen Messer auf den bulligen Mann mit dem Rammkinn zu stürzen, doch der hielt ihm einerseits die Degenklinge entgegen und mit der anderen Hand hieb er ihm das glühende Holzscheit über den Schädel. Die Funken stoben in alle Richtungen, das durchgekohlte Ende löste sich in tausend glühende Bröckchen auf.
Die Wucht des Hiebes ließ Casco zurücktaumeln, und um ein Haar wären ihm die Knie eingeknickt. Er heulte wie ein getretener Hund, und wäre er nicht ohnehin von schwarzer Hautfarbe gewesen, hätte man jetzt sein verrußtes Gesicht bewundern können.
Die Brandwunden, die den noch frischen Kratzern Pepitas hinzugefügt worden waren, ließen den Oberschnapphahn einige Luftsprünge vollführen. Dabei geriet er unversehens in das „Revier“ von Matt Davies, dem eine spitzgeschliffene Hakenprothese die fehlende rechte Hand ersetzte.
Casco mußte sich wohl oder übel diesem neuen Gegner zuwenden, auch wenn er von irrsinnigen Schmerzen gepeinigt wurde. Seine Gesichtshaut brannte höllisch, hinzu gesellten sich noch die unbändige Wut und sein zügelloser Haß. Er konnte trotzdem nicht verhindern, daß ihm der scharfe Haken Matts einen Teil der Hose vom Leib fetzte und eine blutige Spur auf dem rechten Oberschenkel hinterließ.
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