Caligula schlich sich gewandt wie eine Katze an Bord. In der Rechten hielt er das Messer, das er dem toten Gendarm abgenommen hatte.
Erst das Klirren der Kette ließ den Fischer, der noch immer über den Korb gebeugt war, hochfahren.
„Bist du es, Pedro?“ fragte er. Im selben Moment weiteten sich seine Augen. Wie versteinert starrte er auf den riesigen Neger mit der Handkette und dem blitzenden Messer.
Für den Bruchteil einer Sekunde herrschte Totenstille, dann fiel Caligula wie ein Löwe über seine Beute her. Er stieß zweimal mit dem Messer zu, der Fischer sank stöhnend auf die Planken.
Die wulstigen Lippen Caligulas umspielten ein triumphierendes Grinsen. Er hatte es geschafft. Nichts und niemand würde ihn jetzt noch aufhalten. Der Weg zur „Caribian Queen“ war frei.
Um den Toten kümmerte sich Caligula zunächst nicht. Er warf rasch die Leinen los, legte einen Riemen in die dafür vorgesehene Halterung und wriggte das Fahrzeug aus dem Hafenbereich.
Niemandem war etwas aufgefallen, keiner hatte etwas gehört oder gesehen. Erst als er weiter draußen war, setzte er in der Dunkelheit das Segel und nahm Kurs auf die Islas de Mangles.
„Dich erwartet dort niemand“, sagte er zu der reglosen Gestalt auf den Planken und stieß sie mit dem Fuß an. Dann packte er den Toten und wuchtete ihn mit einem lauten „Hopp!“ über das Schanzkleid.
Caligula war wieder in Form, in Bestform sozusagen. Und Skrupel – nein, die hatte er noch nie gehabt.
Es war Nachmittag. Die „Caribian Queen“ hatte vor etwa einer Stunde Kap Corrientes, die östliche Spitze des gleichnamigen Golfes, passiert.
Casco stand an der Schmuckbalustrade des Achterkastells, hielt eine Muck mit Rum in der Hand und lachte dröhnend. Die breitgeschlagene Nase verlieh dabei seinem Gesicht das Aussehen einer Horrormaske.
Der Kreole genoß seine Stellung als neuer Kapitän der „Caribian Queen“. Und er amüsierte sich köstlich über die beiden Kerle, die sich da unten auf der Kuhl wegen einer verlorenen Wette prügelten.
„Ho, Sancho!“ brüllte er. „Sei nicht so zimperlich! Ich weiß, daß Puso eine stinkende Ratte ist, aber deshalb mußt du ihn trotzdem anfassen!“
„Casco hat recht!“ rief der säbelbeinige Silo dazwischen. „Du kannst dir ja hinterher die Hände waschen.“
Die zahlreichen Gaffer hieben sich johlend und grölend auf die Schenkel.
Sancho und Puso, die zu den Jüngsten an Bord gehörten, droschen wie die Wilden aufeinander ein. An der Stirn Sanchos wuchs bereits eine prächtige Beule, Pusos linkes Auge verfärbte sich zusehends dunkler.
Der Schlagabtausch tobte eine Weile unentschieden hin und her. Wahrscheinlich hätten die beiden längst aufgegeben, wenn nicht die Schar der Gaffer sie ständig angefeuert hätte. Die Kerle waren nach den Monaten des Wartens und Herumgammelns für jede Abwechslung, selbst für die kleinste, dankbar. Auch jetzt hätten sie gern noch ein Weilchen zugesehen, doch der laute Ruf des Mannes im Ausguck veränderte die Situation schlagartig.
„Deck, ho!“ wahrschaute er die Mannschaft und deutete dabei in nördliche Richtung. „Dort drüben stehen Hütten!“
Casco unterbrach sein Lachen, und da ihnen das allgemeine Interesse im Moment entzogen wurde, ließen auch Sancho und Puso voneinander ab.
„Wie groß ist das Nest?“ wollte Casco wissen.
„Nicht sehr groß“, lautete die Antwort aus dem Großmars. „Es sind nur ein paar Fischerhütten.“
Casco ließ sich das kostbare Spektiv bringen, das bisher die Black Queen benutzt hatte, und setzte es mit einer wichtigtuerischen Pose ans Auge. Ja, da lag etwas nördlich im Schutze des Kaps tatsächlich eine kleine Ansiedlung.
Der Oberschnapphahn schnalzte genüßlich mit der Zunge.
„Viel zu holen gibt es da sicherlich nicht“, sagte er grinsend, „aber eine kleine Übung, gewissermaßen als Auftakt für unsere künftigen Beutezüge, könnte bestimmt nicht schaden. Oder hat jemand was dagegen?“
Er erntete begeisterte Zustimmung. Die wüste Schar der Meuterer war begierig darauf, sich endlich mal wieder richtig auszutoben. Gleichzeitig bot sich bei dem Überfall auf das Fischerdorf für Casco die Gelegenheit, seine „Führerqualitäten“ erneut zu demonstrieren.
Der erste, der laut „Hurra!“ brüllte, war der kriecherische Silo. „Endlich ist mal wieder etwas los“, fügte er hinzu. „Wir werden schon unseren Spaß haben, auch wenn es da drüben nicht viel zu holen gibt. Hauptsache, wir bleiben in Übung.“
„Und sicherlich gibt’s dort genug Weiber!“ rief Sancho, der nun wieder in Eintracht neben Puso stand. „Zum Teufel, die sind mir lieber als die paar Münzen der Fischer.“
Er erntete lautes Gelächter.
Auch Puso, dessen blutunterlaufenes Auge mehr und mehr zuschwoll, war wieder in seinem Element. Er klopfte sogar Sancho, dem er noch vor wenigen Augenblicken am liebsten ein Messer in die Brust gestoßen hätte, freundschaftlich auf die Schulter.
Ja, so langsam hob sich die Stimmung auf dem Meutererschiff, und Casco tat alles, was in seiner Macht lag, um sie noch zu steigern. Natürlich wuchs damit auch sein Ansehen gewaltig.
Es war die schönste Musik in seinen Ohren, als er einen der Kerle sagen hörte: „Casco, ja, der ist goldrichtig. Der geht bei der ersten Gelegenheit schon ran.“
Ein anderer rief fäusteschwingend: „Der Teufel soll die Black Queen holen! Unter ihrem Kommando würden wir jetzt noch in der Bucht herumgammeln. Hoffentlich vermodert die dürre Ziege auf der Insel, mir soll es nur recht sein.“
Casco gab im Hinblick auf den bevorstehenden Überfall seine ersten Befehle. So oft er auch durch das Spektiv spähte – er konnte nichts Auffälliges an dem Küstendorf feststellen. Es rührte sich zwischen den Lehmhütten kaum etwas, wahrscheinlich hielten die Bewohner in der Nachmittagshitze ihre Siesta. Das konnte sein Vorhaben nur begünstigen.
„Sollen wir die Geschütze gefechtsklar machen?“ fragte Silo, der sich mehr und mehr zur rechten Hand Cascos entwickelte.
Doch der Kreole winkte lässig ab.
„Meinetwegen drei auf jeder Seite“, entschied er. „Genaugenommen brauchen wir zur Begrüßung höchstens eine einzige Kugel. Irgendwie müssen wir das faule Pack ja aufwecken, sonst verpennen die noch den ganzen Spaß.“
Silo lachte meckernd.
„Recht so, wenn wir schon vorab alles kaputtschießen, ist überhaupt nichts mehr zu holen.“
Casco nickte selbstgefällig.
„Die Männer, die auf dem Schiff bleiben, können uns vorsichtshalber etwas Rückendeckung geben, aber selbst das wird bei diesem Spielchen kaum nötig sein. Sorg dafür, Silo, daß unsere Leute ausreichend bewaffnet sind.“
Während der düstere Dreimaster, dessen Rumpf weit aus dem Wasser ragte und dessen zwei Kanonendecks mit 20-Pfündern bestückt war, nach Steuerbord abfiel und die nahe Küste anlief, bereiteten sich die Piraten auf ihren Überfall vor. An Waffen fehlte es ihnen wahrhaftig nicht. Es gab so gut wie nichts, was da nicht gehortet worden war: Musketen, Steinschloß- und Radschloßpistolen, Säbel, Degen, Entermesser und Enterbeile, Cutlasse, Dolche und sogar Morgensterne, jene gefürchteten eisengezackten Schlaginstrumente.
Casco, der sich in seiner Eigenschaft als neuer Kapitän äußerst wichtig fühlte, überwachte alles bis ins Detail. Er vergaß nicht einmal, witzig gemeinte Ratschläge über den Gebrauch der einzelnen Waffen zu geben, um die ausgezeichnete Stimmung der Schnapphähne noch zu verbessern.
Einer der Meuterer verholte sich zum Ausloten der Wassertiefe auf die Galion, nachdem ihm Casco die Lotleine in die Hände gedrückt hatte.
Die Maßnahme erwies sich rasch als nützlich, denn innerhalb der Bucht ließ die Tiefe gewaltig nach. Sie konnten sich kaum noch weiter an das Ufer heranwagen.
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