Wildes Gejohle unterbrach ihn. Die Kerle tanzten um ihn herum und benahmen sich wie eine Schar Verrückter.
„Hoch lebe unser Bürgermeister!“ rief Puso.
„Hoch lebe Casco!“ fügte Silo hinzu.
Auf das Weinen und Wimmern der Frauen und Mädchen achtete niemand. Keiner der Kerle hatte auch nur eine Spur von Mitleid.
Jetzt ergriff Casco wieder das Wort.
„Hört zu, Leute, die Ernennung zum Bürgermeister muß gefeiert werden, und zwar so, wie sich das gehört. Doch vorab werdet ihr die Toten wegschaffen, damit wir Platz zum Tanzen haben. Dann werden einige von euch zu unserem Schiff pullen und den Rest der Mannschaft holen. Die Jungs wollen auch ihren Spaß haben.“
Wieder wurde der Kreole von lauten Hurrarufen unterbrochen. Er genoß sie wie ein Komödiant den Applaus.
„Das ist noch nicht alles“, fuhr er schließlich fort. „Treibt alles Vieh zusammen, das ihr finden könnt. Anschließend werden uns die Weiber mal zeigen, was sie vom Kochen verstehen. Während wir uns in den Hütten umsehen, um das Pack etwas zu erleichtern, werden die Weiber das Viehzeug schlachten und uns in ausreichender Menge Spießbraten zubereiten. Danach kann es dann losgehen mit Musik, Tanz und Sauferei. Ha, Leute, laßt uns unsere Freiheit feiern – die Freiheit vom Joch der Black Queen!“
Die Schnapphähne tobten wie entfesselte Naturgewalten. Selbst die Stimme Cascos ging in ihrem Beifall unter.
Danach wurden die Anordnungen des Kreolen ausgeführt. Während einige der Kerle zur „Caribian Queen“ pullten, um die restliche Bande zu holen, begannen andere zu rauben und zu plündern. Ein paar schafften die Toten weg, indem sie sie einfach ins Wasser warfen. Wieder andere trieben das wenige Vieh der Fischer zusammen. Vorwiegend handelte es sich um Ziegen und Hühner.
Einige alte Männer, die ohnehin wehrlos waren, schleppten die Verwundeten in ihre Behausungen, um sie notdürftig zu versorgen. Die Piraten ließen es geschehen, weil von diesen wenigen Männern ohnehin keine Gefahr mehr ausging. Außerdem waren sie jetzt mit ganz anderen Dingen beschäftigt.
Bereits bei Einbruch der Abenddämmerung war auf dem Dorfplatz ein wildes und zügelloses Fest im Gange. Einer der Schwarzen begann eine Trommel zu schlagen, ein anderer blies dazu auf einer schaurig klingenden Flöte. Etliche tanzten oder torkelten unter dem Einfluß des Rums, den sie teils erbeutet und teils von der „Queen“ herübergeschafft hatten, um ein großes Feuer, andere sangen und grölten oder jagten hinter den schreienden Frauen her.
Die gesamte Bande hatte sich um die riesige Feuerstelle geschart und sog begierig den Duft des Spießbratens ein. Da nicht allzuviel Brennholz vorhanden war, scheuten sie nicht davor zurück, einige Dächer abzudecken und das Material als Brennstoff zu verwenden. Des weiteren zerschlugen sie mit ihren Äxten einige der Fischerboote und benutzten die Holzstücke für das Lagerfeuer. Besonders an jene wurde Hand gelegt, die kieloben im Sand lagen und von der Tageshitze getrocknet worden waren.
Das wüste Gelage bereitete den Schnapphähnen einen höllischen Spaß. Casco beschloß sogar, hier solange den „Bürgermeister“ zu spielen, bis es wirklich nichts mehr zu holen gab. Das bedeutete bestenfalls ein Gelage für ein paar Tage. Bis dahin würde er auch genug haben von Pepita, jener dunkelhäutigen Dorfschönen, die er sich gewaltsam zugeeignet hatte.
Der bullige Kreole war zufrieden – mit sich, mit seinen Leuten und im übrigen mit der ganzen Welt. Er war mächtig stolz auf seinen raschen Aufstieg zum Piratenkapitän. Wie es aussah, wurde er von der Bande auch voll akzeptiert.
Am 26. April 1594, kurz vor Einbruch der Dunkelheit, passierte die „Pommern“ Kap Corrientes. Der handige Westwind füllte die Segel und brachte die Galeone zügig voran.
Die Stimmung an Bord war gut, wie fast immer, wenn die Zeit des Backens und Bankens bevorstand. In letzter Zeit hatte man abends meist etwas länger damit gewartet, weil es angenehmer war, die Mahlzeiten in der frischen Abendbrise an Deck einzunehmen. Dafür schoben die Männer, Deutsche wie Engländer, aber auch mächtig Kohldampf, bis es soweit war.
Vor allem Edwin Carberry schien der Magen schon bis auf die Stiefelspitzen zu hängen. Er konnte nicht verhindern, daß seit dem letzten Glasen der Schiffsglocke seine Gedanken ständig um das Abendessen kreisten.
Immer wenn der Magen ein Knurren von sich gab, das an einen bösartigen Hund erinnerte, streichelte er mit seiner rechten Pranke besänftigend darüber und blickte sich verstohlen um. Er war nicht darauf erpicht, daß es jemand hörte, denn er wollte sich auf keinen Fall Gefräßigkeit vorwerfen lassen. Einige Kerle gab es immer, die über solch peinliche körperliche Mißtöne ihre Witze rissen.
Oh, verdammt, dachte Ed nach dem nächsten Mal, das wird ja immer schlimmer. Das hört sich an, als hätte ich eine Hornisse verschluckt, die jetzt verzweifelt den Ausgang sucht.
Wie zufällig trieb es Ed auch heute wieder in die Nähe der Kombüse, aus der die herrlichsten Gerüche strömten. Ja, es war schon eine feine Sache, daß der Kutscher, der sonst auf der „Isabella IX.“ das Amt des Kochs und Feldschers versah, auch auf der „Pommern“ die Kombüse übernommen hatte. Der Koch der deutschen Mannschaft war verständlicherweise auf der „Wappen von Kolberg“ geblieben. Dafür aber gingen die beiden „Rübenschweinchen“, wie Ed die Zwillingssöhne des Seewolfs nannte, dem Kutscher kräftig zur Hand.
Viele Dinge im Leben geschehen rein zufällig, das wußte der Profos sehr wohl, deshalb strich er auch jetzt wie zufällig am offenen Kombüsenschott vorbei. Da ihn jedoch niemand ansprach und er sich durch eine eigene Anfrage nicht den Vorwurf des Verfressenseins einhandeln wollte, kehrte er um und strich – vornehm hüstelnd – noch mal vorbei.
O Lord, diesmal klappte es, wenn auch ein bißchen anders, als der hungrige Ed sich das vorgestellt hatte.
Der Kutscher, ein blonder, etwas schmalbrüstiger Mann, streckte den Kopf heraus und grinste auf eine ganz niederträchtige Weise. Zumindest erschien das Ed so.
„Na, Mister Carberry“, sagte er, „hat dich der achterliche Wind wieder einmal nach vorn zur Kombüse getrieben?“
Ed stoppte bereitwilligst seine Schritte – jedoch nicht, ohne dem Kutscher einen mißtrauischen Blick zuzuwerfen.
„Was soll denn das heißen, was, wie? Ich bin nur ganz zufällig hier vorbeigegangen, damit du das weißt!“
„So ist das also“, sagte der Kutscher grinsend. „Und ich dachte schon, dein blasses Gesicht und das heftige Donnergrollen in deinem Magen hätten dich hergetrieben.“
„Ich und blaß?“ Der Profos schob das Rammkinn vor. „Du bist mir ein rechter Witzbold, Kutscher. In meinem ganzen Leben bin ich noch niemals blaß gewesen. Außerdem donnert in mir überhaupt nichts, ich habe schließlich kein Gewitter im Bauch. Oder bist du vielleicht wild darauf, mich wieder einmal mit deiner stinkenden schwarzen Salbe einzureiben, was, wie? Wenn du mir damit kommst, Pfannenschwenker, dann sieh dich vor, sonst stecke ich dich selber einmal in das schwarze Zeug. Hinterher siehst du dann aus wie Caligula.“
Der Kutscher gab sich, was einen Wortwechsel betraf, nicht so schnell geschlagen.
„Wer sagt denn was von der schwarzen Salbe, Mister Carberry? Ich habe gegen das merkwürdige Rumpeln und Knurren in deinem Bauch ein viel besseres Mittel.“
Ed blickte den Koch argwöhnisch an.
„Willst du damit wieder einmal sagen, mein Magen würde wie ein halbverhungerter Wolf knurren?“
Der Kutscher lächelte freundlich.
„Na, heute sind das schon mindestens zwei halbverhungerte Wölfe. Und immer, wenn ein Wolf am Verhungern ist, schleicht er so nahe wie möglich an seine Beute heran. Genau das hast du auch getan. Bis zum Kombüsenschott bist du schon vorgedrungen.“
Читать дальше