„Fallen Anker!“ befahl Casco und gleich darauf sausten Trosse und Anker in die Tiefe. Dann wurde – ohne weitere Zeit zu verlieren – die einzige, noch vorhandene Jolle ausgeschwenkt und zu Wasser gelassen. Die zweite Jolle hatten drei ihrer Kumpane, die noch vor der Meuterei bei den Islas de Mangles still und leise „abgemustert“ hatten, mitgehen lassen.
„Fünfzehn Mann bleiben zunächst an Bord“, entschied Casco. „Die anderen sehen zu, daß sie ein Plätzchen in der Jolle finden.“
Da sich die Horde nicht darauf einigen konnte, wer zurückbleiben sollte, denn sie waren ja alle begierig darauf, an dem „Spielchen“, wie sie es nannten, teilzunehmen, mußte Casco die Männer auswählen. Natürlich ging das nicht ohne lange Gesichter ab.
„Sollen wir hier Däumchen drehen oder vielleicht ein Nickerchen halten, während ihr euch da drüben vergnügt?“ wollte einer wissen.
„Reiß dein vorlautes Maul nicht so weit auf“, knurrte Casco, „es könnte sonst sein, daß du es nicht mehr zukriegst. Wir haben nur das eine Boot, und keiner von euch wird wohl darauf erpicht sein, ans Ufer zu schwimmen. Also werdet ihr hier das Schiff bewachen und uns Rückendeckung geben. Sobald wir da drüben die Lage für uns entschieden haben, werdet ihr bis auf eine Ankerwache abgeholt.“
Diese Aussichten besänftigten die Kerle wieder, obwohl es ihnen ganz gewaltig in den Fingern juckte.
„Sollen wir jetzt schon eine Begrüßungskugel ’rüberschicken?“ fragte ein bärtiger Kerl.
Der Kreole schüttelte den Kopf.
„Damit warten wir noch ein bißchen. Bis jetzt ist drüben noch alles ruhig. Wenn wir die Hühner vorzeitig aufscheuchen, laufen sie davon und verstecken sich und gerade das wollen wir ja vermeiden. Ich werde, kurz bevor wir an Land gehen, ein Zeichen geben. Dann meinetwegen setzt einen gezielten Schuß mitten zwischen die Hütten. Sie werden diesen freundlichen Gruß sicher richtig verstehen.“
„Feuert nur nicht zu tief“, bemerkte Sancho grinsend, „sonst versenkt ihr womöglich noch unsere Jolle.“
Der Bärtige ließ das nicht auf sich sitzen.
„Ich werde genau auf deinen Hinterkopf zielen“, versprach er Sancho, „damit dir auch dort eine Beule wächst.“
Bald darauf drängten sich die schwerbewaffneten Piraten an Bord der Jolle und stießen das Fahrzeug von der „Caribian Queen“ ab.
Casco hatte gerade die Anweisung gegeben, sich möglichst leise zu verhalten, um den Überraschungseffekt zu vergrößern, da begann sich in dem Küstendorf etwas zu regen.
Spätestens nach der Bemannung der Jolle hatten die Dorfbewohner begriffen, daß kein harmloser Handelsfahrer in der Bucht vor Anker gegangen war. Warum sonst war das Boot fast bis zum Kentern mit wildaussehenden und bis an die Zähne bewaffneten Männern bemannt? Jedes andere Schiff hätte, wenn beispielsweise Trinkwasser gebraucht worden wäre, nur eine kleine Abordnung an Land geschickt.
Die Männer, die den düsteren Zweidecker bereits eine Weile beobachteten, wußten jetzt, was die Stunde geschlagen hatte.
Der Ruf „Piraten!“ pflanzte sich in Windeseile von Hütte zu Hütte fort. Aber was konnte man tun? Die Fischerboote ins Wasser bringen und damit fliehen – dazu war es zu spät. Das riesige Schiff würde sie mühelos zerschießen.
So entschlossen sich die wenigen Männer des Dorfes, so gut es eben ging, Widerstand zu leisten. Rasch holten sie ihre halbverrosteten Pistolen und Musketen herbei, einige bewaffneten sich mit Holzlatten, Knüppeln und Bootsriemen. Die einzigen Waffen, über die sie alle verfügten, waren Messer.
Einige Frauen und Mädchen rafften hastig ihre wichtigsten Habseligkeiten zusammen, um damit landeinwärts zu fliehen. Doch es war fraglich, ob die Zeit dazu noch ausreichen würde. Die Jolle der Piraten wurde mit kräftigen Riemenschlägen vorangetrieben, sie würde das Ufer bald erreichen.
Das Gebrüll und Gejohle wurde immer lauter. Hinten in der Jolle stand ein bulliger Kerl, schwarz wie alle anderen, und reckte die Fäuste in die Luft. Dabei feuerte er seine Kerle zum schnelleren Pullen an.
Casco amüsierte sich darüber, daß die Dorfbewohner wie aufgescheuchte Hühner reagierten. Dieses Verhalten steigerte seine Jagdlust gewaltig, und er konnte es kaum erwarten, diese „Hühnchen“ zu rupfen. Außerdem fand er es jetzt auch an der Zeit, den verabredeten „Begrüßungsschuß“ abfeuern zu lassen.
„Ha!“ rief er. „Gleich werden wir den Hühnerstall ausmisten. Und denkt daran, Leute, wir fackeln nicht lange rum. Nur die Weiber sollten wir ein bißchen schonen, sonst verderben wir uns selber den Spaß.“ Er drehte sich um und winkte zur „Caribian Queen“ hinüber, auf der man inzwischen an der Steuerbordseite drei Stückpforten geöffnet und die schweren Culverinen ausgerannt hatte.
Die Schnapphähne an Bord bestätigten das Zeichen. Kurz danach stach eine grelle Feuerflamme aus dem Schlund der mittleren Kanone hervor und jagte brüllend und fauchend eine schwere Eisenkugel mitten in das Fischerdorf.
Die Kugel raste mit zerstörerischer Kraft in eine der Lehmhütten. Ein Teil des Daches und die der See zugewandte Mauer stürzten krachend zusammen. Eine Fontäne aus Dreck, Staub und Mauerteilen wurde hochgewirbelt und ergoß sich über die umliegenden Gebäude. Laute Schreie aus dem Inneren der Ruine ließen erkennen, daß sich auch Menschen darin aufgehalten hatten.
Der Kampf war eröffnet, die gleich darauf an Land stürmenden Schnapphähne, die sich über das winzige Dorf verteilten, verwandelten sich im Handumdrehen in menschliche Bestien.
Die ersten Musketen- und Pistolenschüsse krachten, bald darauf klirrten die Blankwaffen.
Die Fischer, eine Handvoll älterer und jüngerer Männer, hatten sich in die Deckung ihrer bescheidenen Behausungen zurückgezogen und feuerten zunächst ihre Schußwaffen auf die heranstürmenden Piraten ab.
Einen der Schwarzen erwischten sie sogar. Er warf die Arme hoch und fiel dann rücklings in den Ufersand. Das hinderte seine blutdürstigen Kumpane jedoch nicht daran, wie eine wildgewordene Büffelherde über ihn hinwegzutrampeln.
Nach kurzer Kampfzeit waren die Fischer bereits gezwungen, nur noch die Blankwaffen sowie die Knüppel und Bootsriemen einzusetzen. Für ein Nachladen der wenigen Schußwaffen blieb keine Zeit.
Eine wilde Schlacht tobte im ganzen Dorf. Die Bewohner wehrten sich verzweifelt, doch die Piraten kannten kein Pardon. Etliche Tote lagen zwischen den Hütten, einige Verwundete wälzten sich stöhnend auf der Erde. Die schrillen Angstschreie der Frauen und Mädchen übertönten zeitweilig den Kampflärm. Jene, die losgelaufen waren, um sich im nahen Dickicht zu verstecken oder weiter landeinwärts zu fliehen, wurden rasch eingeholt und zurückgetrieben. Einige Piraten fielen gleich an Ort und Stelle über sie her.
Der ganze brutale Überfall dauerte kaum länger als eine halbe Stunde. Außer einigen Alten, die in ihren Hütten geblieben waren, überlebte kaum einer der männlichen Verteidiger des winzigen Dorfes das Massaker.
Die Kerle, die auf der „Caribian Queen“ geblieben waren, starrten sich die Augen aus und brüllten anfeuernde Rufe über die Bucht, auch wenn diese wegen der Entfernung niemand verstehen konnte. Sie bedauerten lebhaft, daß sie nicht mitmischen konnten. Aber Casco hatte ja versprochen, sie zu holen.
Dieses Versprechen hielt der Kreole auch, aber zunächst einmal tobte auch er sich an den wehrlosen Frauen des Dorfes aus. Danach brüllte er lautstark seine Horde zusammen, stieg auf ein kieloben im Sand liegendes Fischerboot und begann wild herumzufuchteln.
„Alle mal herhören!“ rief er. „Das gilt auch für dich, Sancho. Laß das Weib solange in Ruhe! Es zweifelt wohl niemand daran, daß dieses Dorf in unserer Hand ist. Wer jetzt noch weiter Widerstand leistet – und das gilt auch für die Widerspenstigen unter den Weibern –, wird über die Klinge springen. Ab sofort bin ich nämlich der Bürgermeister …“
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