Hasard fragte sich, was er in Manila wohl vorfinden würde.
Kriegsschiffe, das war sicher. Aber wartete dort auch wirklich Beute auf ihn? Auf die Ladungen, die portugiesische Schiffe von Kanton nach Manila schafften, war der Seewolf nicht sonderlich scharf. Seide, Brokat, Elfenbein, Porzellan, Federn, Parfüm, Gewürze wie Ingwer, Nelken und Muskat, Zimt und Pfeffer – was sollte er damit anfangen? Tee hatte er ohnehin schon an Bord.
Etwas anderes war es, wenn er Juwelen fand. Oder kostbare Kunstwerke. Auch diese Güter trafen auf portugiesischen Galeonen in der Hauptstadt der Philippinen ein, und sie wurden auf die spanischen Schiffe verfrachtet, die regelmäßig durch die Südsee nach Neu-Spanien, nach Acapulco und Panama segelten.
Das berühmteste dieser Schiffe war die Manila-Galeone, die „Nao de China“ gewesen. Hasard hatte sie aufgebracht, aber die Spanier würden natürlich nicht aufhören, ihre Konvois auszurüsten und auf die Reise zu schicken.
Und noch etwas. Aus der Neuen Welt kehrten dieselben Schiffe mit anderer Ladung zurück – mit der Bezahlung für die exotischen Waren aus China, Indien und Japan. Gold, Silber und Juwelen aus allen Kolonien der Neuen Welt, unermeßliche Reichtümer – darauf war Hasard am meisten erpicht. Nur einen Teil einer solchen Fracht den Spaniern in Manila zu entreißen, das wäre ein Raid, der sich lohnte. Auf die Gefahr hin, die „Isabella VIII.“ hoffnungslos zu überladen und sich den „Achtersteven zu verbrennen“ – er wollte es wagen.
Südlich von Olongapo stießen die Seewölfe am Abend dieses Tages auf eine langgezogene, fast fjordähnlich ins Land greifende Bucht.
Hasard zögerte nicht.
Er ließ anluven und in die Bucht steuern. Während die große Galeone sich leise und gespenstisch zwischen zwei grünbewachsene Ufer schob, die sanft zu Hügelkuppen aufstrebten, traf Hasard an Bord alle Vorbereitungen für die Durchführung seines Planes.
Als Freiwillige hatten sich am Nachmittag alle Männer gemeldet – nachdem Hasard ihnen auseinandergesetzt hatte, was er vorhatte, waren sie sofort Feuer und Flamme gewesen, und jeder wollte selbstverständlich den abenteuerlichsten Part übernehmen. Hasard hatte dann aber nur sechs Männer ausgewählt.
Blacky, Al Conroy, Sam Roskill, Luke Morgan, Dan O’Flynn und Matt Davies traten in ihrer Verkleidung vor den Seewolf hin. Dan hatte sich vorsichtshalber die Haare dunkel gefärbt, obwohl es ja auch blonde Spanier und Portugiesen gab, unter denen man mit einem hellen Schopf nicht unbedingt aufzufallen brauchte.
Aber besser war es so. Sechs schwarzhaarige Kerle, die wie echte spanische Zivilisten von der Kategorie der anständigen Bürger gekleidet waren – das war der Landtrupp, der nach Manila vorstoßen sollte.
„Ihr wißt, was ihr im einzelnen zu tun habt“, sagte Hasard. „Falls noch jemand Fragen hat — bitte.“
„Keine“, erwiderte Blacky. „Unsere Waffen haben wir so gut versteckt, daß man uns schon ausziehen muß, um sie zu entdecken. Und das kann höchstens passieren, wenn uns auf dem Weg nach Manila ein paar knusprige, knackige Senoritas über den Weg laufen.“
„Ihr habt sie zu ignorieren, Blakky.“
„Aye, Sir!“
„Ich bitte mir den nötigen Ernst aus.“
Blacky räusperte sich und fuhr fort: „Wir tun so, als wären wir spanische Siedler, die Einkäufe in Manila tätigen wollen. Falls uns jemand nach unseren Reit- und Packtieren fragt, sagen wir, man hätte uns unterwegs überfallen und uns alles abgenommen. Wir versuchen, auf die leise Tour in Manila einzudringen und arbeiten uns zum Hafen vor.“
Hasard sah zu Luke Morgan. Eigentlich hatte er ihn nicht mit auswählen wollen – wegen seiner Glatze. Aber Luke gehörte zu den besten Spanisch-Sprechern der „Isabella“, und das gab den Ausschlag. Auch ein mißtrauischer Gegner würde ihn im Zweifelsfall für einen Landsmann halten. Luke verstand sich vorzüglich darauf, den Dialekt von Katalonien zu imitieren, das machte ihm nicht einmal Ben Brighton nach, der ja schon bei den Dons gefahren war.
Luke hatte sich eine Mütze übergestülpt und fast bis zu den Ohren heruntergezogen. Unter dem Rand der Kopfbedeckung lugten schwarze Haare hervor.
„Du hast also nach wie vor keine Bedenken, Luke?“ fragte ihn Hasard.
„Warum wohl, Sir?“ erwiderte Luke. „Sieht man mir den Kahlschlag etwa noch an?“
„Nein“, stieß jetzt der Profos verdutzt aus. „Sag mal, wie sind dir denn so schnell die Haare nachgewachsen, du Hering?“
„Der Kutscher hat geholfen …“
„Wie denn? Mit einer seiner Wundersalben?“ rief Carberry. „Oder hat er dir Garn aufgenäht? Ho, das wäre doch Will Thornes Arbeit gewesen!“
Luke preßte die Lippen zusammen. Er war jähzornig veranlagt und konnte leicht aus der Haut fahren, aber er wußte auch, daß er es nicht tun durfte. Nicht Carberry gegenüber. Nicht in diesem Moment. Es gab Wichtigeres. Deshalb antwortete er mühsam beherrscht: „Die Haare sind am inneren Mützenrand angeklebt.“
„Sind das echte?“ wollte Jeff Bowie wissen. „Mann, woher habt ihr die bloß gekriegt? Wem habt ihr die ausgerissen?“
„Sei still!“ fuhr Sam Roskill ihn an. „Laß Luke in Ruhe.“
Damit war die Sache vorerst erledigt. Der Seewolf ließ alle Segel aufgeien und so Fahrt aus dem Schiff nehmen. Als die „Isabella“ in der Bucht im Wind lag, fierten Bob, Jeff, Stenmark und der Gambia-Mann an Steuerbord ein Beiboot ab. Wenig später enterten der Schwede und Batuti mit Blacky, Al, Sam, Luke, Dan und Matt Davies an einer Jakobsleiter ab, setzten sich in das Boot und pullten zum Ufer.
Die an Bord Zurückbleibenden sahen ihnen nach. Ihre Mienen waren ernst, sie wußten, daß sie die Kameraden vielleicht nie wiedersehen würden – wenn etwas schiefging. Insgeheim drückten sie die Daumen, daß das nicht geschah, sondern daß alles zumindest halbwegs glatt verlief.
Die sechs waren an Land und stiegen den nächstliegenden Hang hinauf. Ihre Gestalten verschmolzen mit der zunehmenden Dunkelheit. Sie erreichten eine Kuppe, winkten Hasard und den anderen auf der „Isabella“ noch einmal zu, dann waren sie verschwunden.
Stenmark und Batuti kehrten mit dem Boot zur Galeone zurück. Jeff drehte sich unterdessen zum Kutscher um und sagte: „’raus mit der Sprache, Kutscher, jetzt kannst du ja auspacken. Woher stammen Lukes neue Haare?“
Der Kutscher druckste eine Weile herum, aber dann rückte er doch damit heraus. „Ich habe eben nur mal kurz Arwenack in die Kombüse geholt und kräftig abgebürstet. Da kam allerhand zusammen.“
Die Männer krümmten sich vor Lachen. Jeff Bowie prustete mit hervorquellenden Augen, hatte aber das Pech, in der Nähe von Carberry zu stehen und ausgerechnet dem ins Gesicht zu prusten.
Der Profos wischte sich mit der Hand übers Gesicht. „Bowie, du Wasserspeier, reiß dich am Riemen“, herrschte er den Hakenmann an. „Ich brauche deine Spucke nicht. Wenn ich baden will, kann ich das allein besorgen. Los, ihr Heringe, hievt das Beiboot hoch! Was steht ihr ’rum und haltet Maulaffen feil? Wird’s bald, ihr Rübenschweine, ihr triefäugigen Wanderratten?“
Er fuhr in seiner Aufzählung zoologischer Beinamen fort, und die Crew begann, sich um das Beiboot zu kümmern. Stenmark und der schwarze Goliath waren aufgeentert und halfen jetzt mit, die Jolle hochzuhieven und binnenbords zu schwenken.
Vorläufig blieb die „Isabella“ in der langgezogenen Bucht liegen. Hasard ließ seinen sechs Männern an Land die Zeit, die sie benötigten, um sich durch das Hügelland bis nach Manila zu pirschen.
Eine Stunde ließ er verstreichen, dann segelte die große Galeone, langsam wieder aus der Bucht. Nur das Großsegel und die Fock wurden gesetzt, dann noch die Blinde, um besser den Kurs halten zu können.
Langsam schlich der Todfeind Spaniens vor dem immer noch aus Nordosten wehenden Wind an der Küste von Luzon entlang.
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