Beim Menschen kann man bereits die spirituelle Wirklichkeit in Entwicklung sehen und erkennen, dass sie sich vollständig und frei ausdrücken wird. Vorher, im Tier und in der Pflanze, war es... notwendig, eine sehr klare Schau zu haben, um sie zu sehen, aber der Mensch ist sich dieser spirituellen Wirklichkeit selbst bewusst, zumindest im höheren Teil seines menschlichen Daseins. Der Mensch beginnt zu wissen, was der höchste Ursprung von ihm will, und arbeitet daran mit, es zu verwirklichen. Die Natur möchte, dass die Schöpfung sich dessen bewusst wird, der Schöpfer selbst zu sein in einer Objektivierung, das heißt, es besteht kein Unterschied zwischen dem Schöpfer und der Schöpfung, und das Ziel ist eine bewusste und verwirklichte Vereinigung. Das ist das Geheimnis der Natur.
Die Mutter
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Die Welt der Materie
Die Natur manifestiert sich zuerst durch Materie als Energie. Dies ist nicht bloß eine wissenschaftliche Tatsache, sondern eine tiefe spirituelle Wahrheit und Erfahrung...
Stabilität und Bewegung, daran müssen wir uns erinnern, sind nur unsere psychologischen Darstellungen des Absoluten, ebenso wie es Einheit und Vielheit sind. Das Absolute ist jenseits von Stabilität und Bewegung, so wie es jenseits von Einheit und Vielheit ist. Aber es lagert sich ewig im Einen und Stabilen und wirbelt unendlich, unvorstellbar, sicher im Sich-Bewegenden und Vielfältigen, um sich selbst herum. Weltdasein ist der ekstatische Tanz Shivas, welcher den Körper Gottes für das Auge zahllos vervielfältigt: er belässt jenes blanke Dasein genau wo und was es war, immer ist und immer sein wird; sein einziges absolutes Anliegen ist die Freude am Tanzen.
Sri Aurobindo
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Vor fünf Jahren hatte ich eine schöne Erfahrung... Eines Nach- mittags im Spätsommer saß ich am Meer und sah den Wellen zu, wie sie anrollten, und fühlte den Rhythmus meines Atems, als ich plötzlich gewahr wurde, wie meine ganze Umgebung in einem mächtigen kosmischen Tanz begriffen war. Als Physiker wusste ich, dass der Sand, die Felsen, das Wasser und die Luft um mich herum aus vibrierenden Molekülen und Atomen bestanden, und dass diese aus Partikeln bestehen, die aufeinander einwirken, indem sie andere Partikel schaffen und zerstören. Ich wusste auch, dass die Erdatmosphäre ständig von Schauern „kosmischer Strahlen“ bombardiert wird, Partikeln von Hochenergie, die vielfach kollidieren, indem sie die Luft durchdringen. Mit all dem war ich vertraut von meiner Forschung in Hochenergie-Physik, aber bis zu jenem Augenblick hatte ich es nur durch Schaubilder, Diagramme und mathematische Theorien erfahren. Als ich nun dort am Strand saß, wurden meine früheren Erfahrungen mit Leben erfüllt; ich „sah“ Kaskaden von Energie, die vom äußeren Raum herabkamen, wobei Partikel in rhythmischen Pulsen geschaffen und zerstört wurden; ich „sah“ die Atome der Elemente und jene meines Körpers teilhaben an diesem kosmischen Energietanz; ich fühlte seinen Rhythmus und ich „hörte“ seinen Ton, und in jenem Augenblick wusste ich, dass dies der Tanz Shivas war, des Herrn der Tänzer, angebetet von den Hindus.
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Die Tendenz von Partikeln, auf Beengung mit Bewegung zu reagieren, impliziert eine grundlegende „Ruhelosigkeit“ der Materie, welche charakteristisch für die subatomare Welt ist. In dieser Welt sind die meisten materiellen Partikel an die molekularen, atomaren und nuklearen Strukturen gebunden und befinden sich daher nicht im Ruhezustand, sondern haben eine inhärente Tendenz, herumzuschweifen – sie sind wesenhaft ruhelos. Gemäß der Quantentheorie ist die Materie daher nie statisch, sondern befindet sich stets in einem Zustand der Bewegung. Makroskopisch mögen die materiellen Objekte um uns herum passiv und leblos erscheinen, aber wenn wir ein solches „totes“ Stück Stein oder Metall vergrößern, sehen wir, dass es voller Aktivität ist. Je näher wir es betrachten, desto lebendiger erscheint es. Alle materiellen Objekte in unserer Umwelt bestehen aus Atomen, die sich in verschiedener Weise miteinander verbinden, um eine gewaltige Vielfalt molekularer Strukturen zu formen, die nicht starr und bewegungslos sind, sondern entsprechend ihrer Temperatur und in Harmonie mit den thermischen Schwingungen ihrer Umwelt oszillieren. In den vibrierenden Atomen sind die Elektronen durch elektrische Kräfte an die Atomkerne gebunden, die sie so nahe wie möglich beieinander zu halten versuchen, und sie reagieren auf diese Beengung, indem sie äußerst schnell herumwirbeln. In den Atomkernen schließlich werden die Protonen und Neutronen von den starken nuklearen Kräften auf ein winziges Volumen zusammengepresst, und folglich rasen sie mit unvorstellbaren Geschwindigkeiten herum. Die moderne Physik stellt also die Materie keineswegs als passiv und leblos dar, sondern als etwas, was sich in einer ständigen tanzenden und vibrierenden Bewegung befindet, deren rhythmische Muster durch die molekularen, atomaren und nuklearen Strukturen bestimmt werden. In gleicher Weise sehen auch die östlichen Mystiker die materielle Welt. Sie heben alle heraus, dass das Universum dynamisch zu erfassen ist, wie es sich bewegt, vibriert und tanzt; jene Natur befindet sich nicht in einem statischen, sondern einem dynamischen Gleichgewicht. Mit den Worten eines taoistischen Textes:
„Die Stille in der Stille ist nicht die wirkliche Stille. Nur wenn Stille in der Bewegung vorhanden ist, kann der spirituelle Rhythmus erscheinen, der Himmel und Erde erfüllt.“
In der Physik erkennen wir die dynamische Natur des Universums nicht nur, wenn wir in die kleinen Dimensionen gehen – in die Welt der Atome und Atomkerne – sondern auch, wenn wir uns großen Dimensionen zuwenden – der Welt von Sternen und Galaxien. Durch unsere starken Teleskope beobachten wir ein Universum in unaufhörlicher Bewegung. Rotierende Wolken von Wasserstoffgas schrumpfen zusammen, um Sterne zu bilden, wobei sie sich erhitzen, bis sie zu brennenden Feuern am Himmel werden. Wenn sie jenes Stadium erreicht haben, rotieren sie noch weiterhin, wobei einige von ihnen Material in den Raum ausstoßen, das in Spirallinien nach außen fliegt und sich zu Planeten kondensiert, die um den Stern herumkreisen. Nach Millionen von Jahren schließlich, wenn der größte Teil des Wasserstoffbrennstoffs aufgebraucht ist, dehnt sich ein Stern aus und schrumpft dann wieder im abschließenden Gravitationskollaps. Dieser Kollaps kann mit gigantischen Explosionen verbunden sein und kann den Stern sogar in ein „schwarzes Loch“ verwandeln. All diese Vorgänge – die Bildung der Sterne aus interstellaren Gaswolken, ihre Schrumpfung und anschließende Expansion sowie ihr abschließender Kollaps – können tatsächlich am Himmel beobachtet werden. Die herumwirbelnden, expandierenden oder explodierenden Sterne häufen sich in Galaxien verschiedener Formen an – flachen Scheiben, Sphären, Spiralen usw., welche wiederum nicht bewegungslos sind, sondern rotieren. Unsere Galaxie, die Milchstraße, ist eine immense Scheibe von Sternen und Gas, die sich wie ein großes Rad im Raum dreht, so dass all ihre Sterne – einschließlich der Sonne und ihrer Planeten – sich um das Zentrum der Galaxie bewegen. Das Universum ist voller Galaxien, die über den ganzen Weltraum verstreut sind, den wir sehen können; sie alle wirbeln wie unsere eigene.
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