Sie schob das Heft in ihre Schultasche. Der Lehrer klatschte in die Hände, und alle Kinder standen auf, Sara auch.
«Sara, bleib bitte noch kurz da.» Schwer klang seine Stimme zwischen den lärmenden Kinderstimmen.
Sara hoffte, dass sie sich verhört hatte, und lief an den Tischen entlang zur Tür. Aber die Hand des Lehrers hielt sie zurück. «Sara, ich muss mit dir reden.»
Der Schulhof war jetzt voller Kinder, die Fußball spielten oder umherrannten. Ihre Stimmen ertönten aus der Ferne.
In dem leeren Klassenzimmer setzte der Lehrer sich ihr gegenüber.
«Du schreibst immer wieder schlechte Noten, Sara.»
Sara wusste schon lange, dass sie schlechte Noten hatte. Nur nicht im Zeichnen, da bekam sie eine Zwei! Der Lehrer lächelte ein wenig und sagte, dass ihr das nicht viel nützen würde. Wenn sie so weitermachte, müsste sie sitzen bleiben. «Ich glaube nicht, dass deine Mutter sich darüber freuen wird.»
Nein! Darüber würde ihre Mutter sich bestimmt nicht freuen!
Der Lehrer reichte ihr einen Umschlag.
«Hier ist ein Brief für deine Mutter. Ich habe ihr geschrieben, dass du ein paar zusätzliche Aufgaben machen musst, sonst kann ich dich nicht versetzen.»
Sara verstaute den Brief in ihrer Schultasche und stand auf. Wie sollte sie denn bessere Noten schreiben?
Jetzt machte der Lehrer ein strenges Gesicht.
«Du denkst: Lass den Lehrer nur reden, ich tue nur, wozu ich selbst Lust habe. Aber das geht so nicht länger, Sara. Das wirst du doch verstehen.»
Nein, Sara verstand das nicht. Die meinten alle, sie wolle absichtlich nicht lernen. Aber das stimmte nicht. Sie hätte so gerne gute Noten …
Sara rannte aus der Klasse. Der Lehrer versuchte noch, sie aufzuhalten, aber sie war zu schnell.
Schon seit Anfang des Schuljahres war es ihm schwer gefallen, mit ihr zu reden. Er hatte zum Beispiel einmal nach ihrem Vater gefragt, aber aus der rätselhaften Antwort konnte er nur entnehmen, dass der Vater nicht bei der Familie wohnte. Das war an sich nicht so ungewöhnlich, so war es auch bei anderen geschiedenen Eltern. Und dennoch … Andere Väter kamen manchmal zu einem Elternabend oder einem Schulfest, und sogar Väter, die im Ausland wohnten, besuchten ihn irgendwann. Aber Saras Vater hatte er noch nie gesehen. Seltsam!
Als Sara über den Schulhof lief, waren die meisten Kinder nach Hause gegangen, nur ein paar Jungen spielten Fußball. Die Vögel, die während der Schulstunden die Samen aus den Ritzen zwischen den Steinplatten herauspickten, saßen hoch oben in den Bäumen.
Das Dorf, in dem Sara lebte, war klein. Man konnte sich kaum verirren. Nach fünf Minuten kam man bestimmt an eine Stelle, wo man schon einmal war. Am Dorfplatz, wo auch die Kirche stand, lagen einige Läden. Dort hatte Saras Mutter vor drei Jahren einen Friseursalon gekauft. Der Laden war fast immer voll, und deshalb musste sie viel arbeiten. Sie kam meistens erst spät abends nach Hause und verließ morgens als Erste das Haus. Sara sah ihre Mutter fast nur beim Abendessen.
Sie dachte sich ein Spiel aus: Wenn sie auf den Rand einer Steinplatte trat, musste sie nach Hause, blieb sie aber in der Mitte, dann durfte sie zu ihrer Mutter in den Friseurladen. Wenn mehr als fünfzig Platten in der Straße waren, die sie entlanglief, dann würden wenig Kunden im Friseurladen sein und ihre Mutter würde Zeit für sie haben. Sie würde sogar eine Tasse Tee bekommen und einen Keks. Sara wusste, dass es im Laden köstliche Kekse gab, Spritzgebäck, das auf der Zunge zerging, so dass es schmeckte, als ob man hundert Kekse auf einmal aß. Zu Hause gab es auch Kekse, aber die waren hart und trocken, weil ihr Großvater sonst die ganze Keksdose auf einmal leer aß.
Nur wenn sie wirklich nirgends den Rand der Platten berührte, durfte sie zu ihrer Mutter.
Sie bog um die Ecke. Ein Glück, sie hatte auf dem Gehweg fünfundachtzig Platten gezählt. Ihre Mutter würde Zeit haben.
Sara hatte langes dunkelblondes Haar, und in der Frühlingssonne glänzte es wie Gold. Es tanzte auf ihrem Rücken, während sie von einer Platte zur nächsten hüpfte. Sie musste gut aufpassen, denn die Straße war voller Menschen, die sie aus dem Gleichgewicht bringen konnten.
Geschickt wich sie den Leuten aus und erreichte das Ende der Straße, ohne auch nur einmal auf den Rand einer Platte zu treten. Fast hatte sie den Friseurladen erreicht. Nur noch diese Straße entlang und dann auf die andere Seite und dann um die nächste Ecke.
Sara machte immer größere Schritte, sie schmeckte die Kekse schon …
Da! Sie konnte nicht weiter. Vor ihr auf dem Gehweg standen große Umzugskartons. Sie schaute, ob sie die Straße überqueren könnte, aber drüben war kein Gehweg. Also dann vorsichtig an den Kisten vorbei. Gar nicht so einfach!
Die Umzugskisten standen vor einem Laden. Der Laden war noch leer, nur im Schaufenster hing ein Schild, auf dem VERKAUFT stand. Am Straßenrand stand ein Auto mit einer großen Ladefläche, auf der eine Menge Schachteln, Möbel und Spielsachen gestapelt waren. Jemand stöberte darin herum.
Sara betrachtete ein hölzernes Schaukelpferd, das aus dem Autofenster ragte. Sie ging näher heran. Da erschrak sie, denn ein Junge kam hinter dem Auto hervor. Er war blond und etwa so alt wie sie. Er trug eine karierte Mütze und eine Brille und wankte unter der Last einer viel zu großen Schachtel auf den Laden zu. Dann verlor er das Gleichgewicht und taumelte.
«Pa-haps! Pa-pa!»
Sara schaute in den Laden. Alles blieb still.
Der Junge schwankte noch mehr. Sara wollte zu ihm hinrennen, aber sie sollte doch nicht auf die Ränder …
Die Schachtel fing an zu rutschen und stieß dem Jungen die Brille von der Nase. Die Brille flog durch die Luft und schlug auf das Straßenpflaster. Sara vergaß, was sie sich vorgenommen hatte, und rannte auf ihn zu, quer über mehrere Plattenränder.
Aber es war schon zu spät, die Schachtel fiel mit einem dumpfen Knall auf das Pflaster. Und mit diesem Knall verschwand der köstliche Geschmack von butterweichen Keksen aus ihrem Mund.
Der Vater des Jungen hatte den Knall auch gehört und rannte herbei. Er sah die beiden Kinder auf dem Gehweg sitzen und betreten auf die Spielsachen blicken, die aus der Schachtel gefallen waren. Besorgt hockte er sich neben seinen Sohn.
«Victor, wie geht es dir? Ist dir schwindelig?»
Victor schüttelte den Kopf. Sara gab ihm seine Brille zurück, und er sah sie aufmerksam an, ohne zu merken, dass sie verlegen wurde.
Sie schaute auf den Boden. Vor ihr auf dem Pflaster lagen wunderschöne kleine Figuren. So schöne hatte sie noch nie gesehen. Vorsichtig hob sie eine auf und sah sie sich genauer an. Es war eine Frau mit lockigen Haaren und einem Krönchen. Sie trug ein langes, weißes Kleid mit goldenen Biesen. Eine Königin!, dachte Sara.
Victor sammelte die Figuren ein und fing an, sie zu zählen. Jetzt sah Sara, dass auch ein Pferd dabei war und ein Turm und Soldaten, die alle genauso hübsch waren. Noch einmal schaute sie sich die Königin an. Noch nie hatte sie ein solch hübsches und liebes Gesicht gesehen. Oder doch? Ja, so sah ihre Mutter auf dem Foto mit dem unbekannten Mann aus.
Und dann geschah etwas Seltsames, etwas ganz Seltsames. Die Königin wurde lebendig und lächelte ihr zu.
Sara traute ihren Augen nicht. Sie zwinkerte ein paar Mal, aber noch immer sah sie es: Die Königin reckte sich und blinzelte ihr zu. Sara wurde warm ums Herz vor Freude.
Victors Vater kam wieder aus dem Laden, und Sara erschrak. Sie hatte völlig vergessen, dass sie draußen auf dem Pflaster saß.
«Willst du hier anfangen, Schach zu spielen?», fragte er.
«Nein, aber ich muss doch nachschauen, ob alle da sind.» Victor stellte die Figuren auf ein quadratisches Holzbrett mit weißen und schwarzen Feldern.
Sara schaute zu. Schach spielen?
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