Die Eltern lügen oft, oder nicht? Warum sollten sie dann bei einem Moor ehrlich sein!
Die Eltern, die sich mit Loth auf das Sofa setzen und sich ihren Plan anhören. Den Plan von der Wanderung zu dritt. Den Plan, noch einmal Schwestern zu sein. Den Plan, zu dritt auf den Berg zu steigen. Und die Eltern lächeln und freuen sich, und der Vater tätschelt Loths Hand, durchsucht danach alle Fotoalben nach Hinweisen und den Keller nach den alten Reiseführen. Und die Mutter schaut Loth lange an und sagt dann: Ich finde es gut, dass du das mit Noa und Elija machen möchtest. Ihr seid Geschwister.
Und Loth isst Kuchen und trinkt Kaffee mit Milch und wartet, bis der Vater ihr die Reiseführer in die Hand drückt. Sie blättert sie durch. Die Routen sind mit Klebezetteln markiert. Die Mutter schreibt ihr die Telefonnummern von Elija und von Noa auf und warnt sie vor. Sei nicht enttäuscht, wenn die beiden vielleicht nicht mitkommen möchten.
Die werden schon wollen, sagt Loth und weiß, dass sie überzeugend sein kann.
Jetzt stapft sie durch das Moor. Wütend und jeden Schritt hassend. Der Vater hat sie belogen, glaubt sie. Der hat ihr irgendwelche anderen Karten gegeben. Der hat sie angelogen, der will nicht, dass die drei noch einmal zusammen sind, wie sie das als Kinder waren. Der will, dass es Loth schlecht geht. Loth ist sich sicher, und Loth hasst den grellen Tag, und Loth schreit in sich hinein: Was wollen wir in diesem Moor?
Zehn. Achtunddreißig
Elija findet die Umgebung trüb. Obwohl so schönes Wetter ist, ist es ihr im Moor zu eintönig. Sie sieht Loths Umrisse einige Meter vor ihr. Elija schnauft, versucht, schneller zu sein. In ihren Seiten sticht es. Sie atmet unregelmäßig.
In der Theatergruppe ist sie die mit der meisten Ausdauer.
Elija steht im Probenraum. Dunkler Tanzboden und eine hohe Decke, keine Fenster in den Wänden. Nur die Scheinwerfer beleuchten die Gruppe. In einem Kreis liegen sie auf dem Boden. Elija mag es, den festen Untergrund zu spüren, all ihre Kraft hineinzudrücken. Der Boden gibt einfach nicht nach. Er hält sie.
Elija spiegelt Mio, Mio spiegelt Lena, und Lena spiegelt Nino. Komplett synchron bewegt sich der Kreis über den Boden. Konzentrierte Bewegungen, die Augen weit aufgerissen, keine Regung wird verpasst. Elija schaut nicht auf Mios Körper, nur in seine Augen. Darin kann sie sehen, welchen Körperteil er als nächsten verändern wird. Sein Bein streckt sich, wird höher als sein Kopf, Elija ist gelenkiger, könnte das Bein weiter anheben. Aber sie lässt es. Darum geht es jetzt nicht. Vom Scheinwerferlicht fühlt Elija sich beschützt. Es legt sich um sie und die Gruppe. Als Kreis rollen sie sich zur Seite. Verlieren dabei kurz die Form, kommen wieder zusammen. Mio beginnt mit dem Aufstehen. Erst die Knie durchstrecken, den Oberkörper aufrichten. Dann stehen sie alle, Mio lässt den Kopf hängen, beendet so den Kontakt.
Die Gruppe atmet aus, sie lösen sich voneinander.
Elija schaut zu Kassandra, der Regisseurin. Sie lächelt, kommt zu ihnen in den Kreis. Eine kurze Trinkpause. Dann geht es weiter.
Zehn. Sechsundvierzig
Ein hohes Tor aus Holz. Dahinter beginnt ein Weg. Der Bach biegt ab, schlängelt sich weiter durch das Moor.
Die Schwestern treten von den Planken auf betonierten Boden. Ein leerer Parkplatz. An vielen Stellen ist der Beton aufgeplatzt. Die ersten Birken zwängen sich aus den Spalten. Am Rand des Parkplatzes stehen hohe Bäume. Noa hebt die Arme, streckt sie aus. Versucht, bis an die Wipfel zu kommen, lacht, als sie es nicht schafft.
In ihr ist es ganz ruhig. Sie versucht, sich an die Zeit vor dem Moor zu erinnern. Der Morgen, das Aufwachen. Alles scheint so lange her zu sein. Genau wie Loths Anruf vor einem halben Jahr. Die Frage, ob sie Lust hat auf eine Wanderung, und Noa murmelt: Das muss ich mir erst überlegen. Und nimmt sich zwei Monate Zeit zum Grübeln, bis sie Ja sagt, obwohl sie eigentlich Nein denkt. In Noa ist es still. Ihr Herz pocht gleichmäßig. Sie sieht sich um. Ist plötzlich froh, dass Elija da ist. Und auch Loth. Gerne würde sie sie umarmen. Aber das würde Loth zu sehr durcheinanderbringen. Noa lässt es.
VON ELF BIS VIERZEHN
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