Wieder zurückgehen?, fragt Elija.
Ja, sagt Noa. Sie dreht sich um, zieht den Fuß aus dem Schlamm. Das kostet Kraft. Der Schlamm suppt. Die Hose wird dreckig. Elija kichert, patscht hinter Noa her. Beide schnaufen nach wenigen Schritten. Noa spürt ihren Schweiß. Er perlt auf ihrer Stirn, verdunstet schnell. Noa ist dankbar, reißt die Beine Schritt für Schritt vor. Die Planken scheinen Meter entfernt. Um besser vorwärtszukommen, zertrampeln sie das frische Gras. Ein Käfer rettet sich auf Noas Bein. Sie schüttelt ihn nicht ab. Noa erreicht als Erste das Holz, gibt Elija die Hand. Elija stützt sich mit ihrem ganzen Gewicht auf Noas Arm. Dann kommen sie an. Sie klammert sich an Noas Hals. Küsst ihre Wange, reibt die Nase an Noas Hals. Noa lächelt erschöpft, lässt sich auf die Bank fallen.
Wollen wir dann endlich weiter?, fragt Loth.
Neun. Achtundvierzig
Beim Laufen zerpflückt Noa die Halme so, wie sie es bei der Arbeit mit dem Salat macht. Sie legt ihn in die Porzellanschälchen, gießt weißes Dressing darüber. Bis der Salat schwimmt. Bis sie sich vorstellen kann, dass der Salat eine Insel ist, in einem Joghurt-Kräuter-See.
Wenn sie fertig ist, dichtet sie den See mit Frischhaltefolie ab. Dann stellt sie ihn in die Auslage. Mit einer Stunde Arbeit verdient sie so viel, wie ein Gericht mit Nachtisch in der Glasturmkantine kostet. Deswegen hat sie die Stunden erhöht und hilft zweimal in der Woche noch beim Abwasch.
In der Kantine riecht es nach gekochtem Spargel. Die Luft voller Dämpfe. Noa kann die anderen kaum sehen, hört nur das Rühren in den Töpfen und das Schlurfen von Gummisohlen. Früher haben sie ab und zu Radio in der Kantine gehört. Das ist verboten worden. Weil sie sich mit Musik nicht richtig anstrengen, hat die Firma gesagt.
Noa hat das Akim erzählt. Er hat gelacht und gesagt: Als ob das eine Arbeit wäre, bei der man sich konzentrieren müsste. Noa hat auch gelacht. Aber ein bisschen bitterer als er. Akim arbeitet fünf Etagen über ihr im Glasturm.
Noa überlegt, wann er heute in die Kantine kommt. Meistens isst er schon um halb zwölf. Damit die beiden sich noch kurz sehen, bevor Noa frei hat. Akim stellt sich dann in die Schlange, umklammert sein Tablett. Noa setzt ein Schälchen mit Salat und ein Hauptgericht darauf. Sie ist jedes Mal überrascht, wie gut diese Mahlzeiten aussehen, wenn sie serviert werden. Wie frisch. Vielleicht wegen der Farbstoffe.
Wann sehen wir uns?, raunt er jedes Mal. Das findet er romantischer, als ihr eine Nachricht zu schreiben.
Noa lächelt nur, sagt nichts, legt ihm in Servietten gerolltes Besteck hin. Lässt ihre Augen kurz aufleuchten. Dann ist sie wieder unauffällig.
Der Salat ist heute besonders hartnäckig, lässt sich nicht zerpflücken, sondern muss geschnitten werden. Mit dem Messer rollt sie über die Blätter, es knackt, und der Sud sammelt sich auf der Schneide.
Sie mag das grüne Blut, sie mag, wie die Blätter austrocknen, dunkler werden und dann nur noch hübsch sind, wenn sie Dressing drübergießt.
Sie wartet auf Akim.
Schon oft hat sie überlegt, die Stelle in der Kantine aufzugeben. Zeitungen auszuliefern oder mit einem Paketauto umherzufahren. Sie hat es nie gemacht. Vielleicht wegen Akim. Vielleicht wegen des Salats.
In der Küche wird der Nebel dichter. Die alte Frau hat angefangen, die Schnitzel in die Pfannen zu werfen. Sie tauen auf und braten gleichzeitig. Das riecht wie auf einem Schlachthof, denkt Noa. Aus den Pfannen steigen dampfende Geister auf.
Vom Salatschneiden wird sie träge. Kurz überlegt sie, ob Akim eine Nachricht geschrieben hat. So was wie: Ich komme heute nicht runter zum Essen. Muss mit einem Kunden ins Restaurant. Sehen wir uns heute Abend?
Noa guckt in die Schwaden. Fragt sich, warum alles so weiß ist und warum das Salatblut die einzig richtige Farbe hier ist. Und warum gut verdienende Menschen so ein Zeug essen. Zeitdruck muss das einzige Argument dafür sein, denkt sie. Atmet die Dämpfe ein. Davon wird sie satt, und ihr wird etwas übel. Noa schnibbelt weiter. Schaut nicht hoch, bis ihr das Messer aus der Hand rutscht, runterfällt, sie hebt es auf, blickt umher. Am Kaffeeautomaten steht Akim, er achtet nicht darauf, wie das Instantpulver mit Wasser in die Tasse läuft. Er sucht den Dunst nach Noa ab.
Sie lächelt, weiß aber nicht, ob er es sieht. Sie will nicht, dass er sie fragt: Was machst du heute Abend? Diese Diskussion soll nicht losgehen.
Akim tritt näher an die Scheibe, hinter denen die Muffins liegen. Er sucht sich einen aus, wartet, bedient zu werden. Eigentlich ist das heute nicht Noas Aufgabe. Sie geht trotzdem zu ihm. Er grinst.
Ich muss mit einem Kunden zu Mittag essen, haucht er. Aber abends habe ich Zeit.
Noa nimmt den Muffin vorsichtig aus der Auslage.
Ich muss arbeiten.
Sie setzt den Muffin auf einen Teller, legt eine gemusterte Serviette dazu und trägt ihn zur Kasse.
Ach, so nennst du das, murrt er, hält seine Karte an das Lesegerät. Es piept, bucht den Betrag ab.
Ja, so nenne ich das, sagt Noa schroff.
Und wen machst du glücklich?
Noa sieht, wie Akim seine Schultern anspannt, wie sein Gesicht hart wird. Wie jedes Mal, wenn sie über Noas richtigen Beruf reden.
Du hättest es am liebsten, wenn ich hier den ganzen Tag Muffins verkaufen würde, faucht sie leise. Sie will nicht, dass die anderen etwas mitbekommen. Sie will sich vorstellen, dass die anderen nicht wissen, was da zwischen ihr und Akim ist. Dass sie nicht denken: Von der Kantine in die Chefetage. Aber das denken sie eh schon.
Nein, lügt Akim. Ich will nur …
Ich will jetzt nicht darüber reden, Akim.
Und ich würde dich gerne heute Abend sehen.
Ich kann zu dir kommen, nachdem ich fertig bin, schlägt Noa vor.
Akim muss nichts sagen, nicht den Kopf schütteln. Er streckt die Hand nach ihr aus. Sie weicht zurück.
Mach’s gut, zischt er, und sie nickt.
Zehn. Sechsundzwanzig
Das Moor erstreckt sich weiter, als die Schwestern gedacht hätten. Loth fährt mit dem Finger den Weg ab, den sie gelaufen sind. Merkt, dass sie einen Umweg gemacht haben, dass es eine Abkürzung gegeben hätte. Die haben sie übersehen. Und jetzt geht es nur noch die Holzplanken entlang. Immer die Holzplanken entlang, mal etwas gerader direkt am kleinen Bach, dann gewundener. Loth geht schneller. Sie will dieses Moor nicht mehr sehen.
Sie trauert dem Moor von früher hinterher. Dem aus der Kindheit. Das war doch ein anderes, oder nicht? Loth hätte gedacht, dass wenigstens die Natur bleibt, wie sie ist. Oder sich nur langsam verändert. Dass mal ein Baum stirbt und ein neuer wächst. Aber nicht, dass sich die Farben so austauschen und die Größenverhältnisse.
In ihrem alten Kinderzimmer hängt ein Bild vom Toten Meer. Zeigt die Schwestern als Kinder, wie sie auf der Wasseroberfläche treiben, mit Zeitungen. Loth weiß, dass das Meer geschrumpft ist und das Moor sich hier ausgebreitet hat. Dass irgendwelche Forscher da wieder einen Zusammenhang sehen. Diese Forscher, die behaupten, dass alles irgendwie aufeinander wirkt. Aber Loth kann das nicht glauben. Dieses Moor steht doch nur für sich allein. Hat nichts mit dem Moor drei Berge weiter zu tun und auch nichts mit dem Toten Meer. Und auch nicht mit dem Moor, in dem Loth eigentlich sein möchte.
Vielleicht ist es auch gar nicht das Moor, durch das sie früher gelaufen sind. Vielleicht haben die Eltern sie angelogen. Dieses Moor hier mit einem anderen verwechselt, den Namen im Fotoalbum verkehrt zugeordnet.
In diesem Moor ist sie zum ersten Mal. So muss es sein. Sie und die Schwestern gehen gar nicht die alte Route, die alte Wanderung, die sie mit den Eltern gemacht haben. Das hier ist ein ganz neuer Pfad. Nur dass Elija und Noa es nicht merken. Elija und Noa denken, sie kommen zurück. Aber das stimmt nicht, denkt Loth und ist sich sicher.
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