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1Das Genie Dr. Tsien hilft Amerika, sein Raketenprogramm zu zünden
Zweifellos die wichtigste Figur in Chinas Weltraumprogramm war Tsien Hsue-shen, der von 1956 bis 1991 die Entwicklung von Chinas Flugkörpern und Trägerraketen verantwortete .
– SpaceTech Asia, 2017 –
Dr. Tsien Hsue-shen oder, in chinesischer Schreibweise, Qian Xuesen war ein chinesischer Mathematiker, Physiker, Kybernetiker und Luft- und Raumfahrtingenieur, dessen glanzvolle wissenschaftliche Karriere die Vereinigten Staaten und China auf unauslöschliche Weise beeinflusste. Letztlich ließen die Früchte seiner Arbeit diese beiden stolzen Nationen in einen Machtkampf um die globale Vormachtstellung eintreten. Wie hat das alles begonnen? Genie und Schicksal spielten gleichermaßen eine Rolle in Tsiens Geschichte von persönlichem Triumph und überraschendem Sturz in Amerika, wo seine Karriere 1950 jäh endete. Sein Heimatland applaudierte fünf Jahre später bei der Rückkehr des verlorenen Sohnes, dem es nun möglich war, durch seine vielen Talente und die in den USA erlangten Geheimnisse China zu helfen. Tsien wurde 98 Jahre alt, und sein Tod im Jahr 2009 wurde in den Medien beider Länder gewürdigt. Sein Lebenswerk legte die Fundamente für die nationalen Geheimen Weltraumprogramme in beiden Ländern. Diese erstaunlichen Ergebnisse werden im vorliegenden Buch zum ersten Mal enthüllt.
Tsien wurde 1911 in Hangzhou, China, geboren und schloss 1934 sein Maschinenbaustudium an der Shanghai-Jiaotong-Universität ab. Er absolvierte ein Praktikum auf der Nanchang-Air-Force-Basis, bevor er 1935 mit einem sogenannten Boxer-Indemnity-Stipendium in die USA reiste, um im Alter von vierundzwanzig am renommierten MIT zu studieren. 1Er absolvierte das MIT mit einem Master of Science in Maschinenbau. Anschließend wechselte er zur Caltech nach Pasadena, Kalifornien, um dort zu promovieren.
Damit folgte er dem Rat eines Mannes, der zu Tsiens langjährigem Mentor, Freund und Kollegen werden sollte.
Durch diesen Wechsel wurde der legendäre Physiker und Luft- und Raumfahrtingenieur Dr. Theodore von Kármán (1881-1963), dessen Theorien und Experimente ihn weithin als »Vater des Überschallzeitalters« bekannt machten, auf der Caltech zum Betreuer der Abschlussarbeit des jungen Mannes. 2Von Kármán spielte eine Schlüsselrolle in der Entwicklung amerikanischer Weltraumprogramme, die sowohl konventionelle Raketen- als auch neuartige Antriebssysteme verwenden. Während und unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg war er der wichtigste wissenschaftliche Berater von Henry »Hap« Arnold, dem kommandierenden General der 1941 offiziell gegründeten U.S. Army Air Force. Arnold, ein weitsichtiger Visionär, war der einzige Fünf-Sterne-General, der jemals in zwei Waffengattungen diente: der U.S. Army und der U.S. Air Force.
Es gibt Äußerungen von Kármán über sein erstes Treffen mit Tsien. Dabei erläuterte er, wie sich schnell eine enge Beziehung zwischen ihnen entwickelte:
»Eines Tages im Jahr 1936 kam er zu mir, um Ratschläge für weitere Studienabschlüsse zu erhalten. Dies war unser erstes Treffen. Ich sah einen kleinen jungen Mann mit ernstem Blick, der meine Fragen mit ungewöhnlicher Präzision beantwortete.
Ich war sofort beeindruckt von der Schärfe und Schnelligkeit seines Geistes, und ich schlug vor, dass er sich für ein fortgeschrittenes Studium an der Caltech einschrieb.
Tsien stimmte zu. Er hat mit mir an vielen mathematischen Problemen gearbeitet. Ich fand ihn ziemlich einfallsreich, mit einer mathematischen Begabung gesegnet, die er erfolgreich mit einer großen Fähigkeit kombinierte, das physikalische Bild natürlicher Phänomene genau zu visualisieren. Schon als junger Student half er mir dabei, einige meiner eigenen Ideen zu verschiedenen schwierigen Themen zu klären. Dies sind Gaben, denen ich nicht oft begegnet bin, und Tsien und ich wurden enge Kollegen.« 3
Diese Begabungen sind auch ein frühes Zeichen des außerordentlichen Interesses von Tsien an übersinnlichen Phänomenen. Später in seinem Leben befasste er sich mit der wissenschaftlichen Untersuchung von Telepathie, einem Gebiet, das von chinesischen Wissenschaftlern allmählich akzeptiert wurde.
Tsien erhielt seinen Doktor der Philosophie 1939 und wurde der Schützling von Kármáns. Er wurde in das neue Gebiet des Raketenantriebs eingeführt und baute zusammen mit zwei anderen Ingenieuren der Caltech frühe amerikanische Versionen der deutschen V2-Rakete. Die Nähe, die sich zwischen von Kármán und Tsien entwickelte, findet in von Kármáns Autobiografie ihren Ausdruck, in der Tsien der einzige Student ist, dem er ein ganzes Kapitel widmet. Iris Chang, Tsiens Biografin, fasste diese enge Beziehung wie folgt zusammen:
»Die beiden waren das reinste Ehepaar. Kármán hatte das Genie der physischen Einsicht – die Fähigkeit, aerodynamische Probleme zu visualisieren und ihre Schlüsselelemente herauszuarbeiten. Tsien indessen besaß Beharrlichkeit und die Gabe der angewandten Mathematik, die notwendig waren, um die Details zu Papier zu bringen. Die Arbeitsteilung schien gut definiert zu sein. Wenn Kármán in einer jähen Erkenntnis das große Bild und die Struktur einer Theorie vor sich sah, war es oft Tsien, der sie sorgfältig Zeile für Zeile in eine mathematische Formel umsetzte. Betrachtete der spontane, gesellige Kármán die Mathematik vor allem als Werkzeug, als Mittel zum Zweck, sah der akkuratere Tsien sie als Selbstzweck, genoss ihre Eleganz und Form.« 4
Der ehemalige Leiter des Antriebs- und Verbrennungslabors der Princeton University, Dr. Martin Summerfield, studierte ebenfalls an der Caltech und war einer von Tsiens Freunden. Er erinnerte sich, wie Tsien für von Kármán schnell unschätzbaren Wert bekam:
»Er war Kármáns rechte Hand. Er führte alle Arten von Projekten und Gedanken aus, die Kármán hatte, und er konnte sie mit Schnelligkeit ausführen, und indem er Tag und Nacht arbeitete, lieferte er das Manuskript oder die Berechnungen immer umgehend, aber auch sehr brillant ab. Er wurde ein enger Assistent – Kármáns rechte Hand –, und er arbeitete Formeln aus, die Kármán entwickelt hatte. Er hatte die Brillanz und er hatte die Geschwindigkeit. Es war ungewöhnlich, jemanden wie ihn zu finden.« 5
Anfang 1937 schloss sich Tsien einer kleinen Gruppe von Caltech-Studenten an, die die Machbarkeit von Raketen als zukünftige aerodynamische Fluggeräte untersuchten. Am 29. Mai 1937 schrieb er einen Bericht mit dem Titel »The Effect of Angle of Divergence of Nuzzle on the Thrust of a Rocket Motor« (»Die Auswirkung des Divergenzwinkels der Düse auf den Schub eines Raketenmotors«), die von der Gruppe als Teil ihrer »Bibel« angenommen wurde. 6Von Kármán war so beeindruckt von Tsiens Arbeit und der der anderen Doktoranden, dass er der Gruppe half, offizielle Anerkennung als Guggenheim Aeronautical Laboratory der Raketenforschungsgruppe des California Institute of Technology (GALCIT) zu gewinnen. 7
Nach der Abgabe des ersten Konferenzpapiers über Raketen am Institut of Aeronautical Sciences (IAS), dem Institut für Luftfahrtwissenschaften mit Sitz in New York, im Januar 1937 berichtete die Studentenzeitung California Tech über die Caltech-Raketengruppe:
»Die Rakete ist aus dem Reich der Fiktion herausgetreten und Wirklichkeit geworden. In den nächsten drei Monaten werden Frank J. Malina, A. M. O. Smith und Hsue-she Tsien, Caltech-Absolventen der Luftfahrt, bessere Informationen über Raketenmotoren haben, als die ganze Welt sie bei früheren Versuchen bekommen konnte.« 8
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