Ich taumelte vor und schrie: »Panzer vor uns!«
Und dann blieb ich wie gelähmt stehen.
Denn ich erkannte die drei Menschen, die neben dem Wagen hergegangen waren: den Alten und – ja, sie war es: Argela. Und ihr Begleiter. Ich bemerkte, wie dieser dem Alten die Peitsche aus der Hand schlug und die Pferde so scharf herumriss, dass fast der Wagen umgestürzt wäre. Der Weißhaarige kletterte auf den Wagen, und auch der Schwarze folgte. Um uns war die Hölle los, und alles jagte in panikartiger Flucht davon …
Ich hatte Argela die Hände entgegengestreckt und sie zu mir auf den Wagen gezogen. Und als wir in wilder Jagd dahinrasten, hielt ich ihre Schulter umfasst, um sie zu schützen und festzuhalten, vor jeder Gefahr zu bewahren. In all dem Wirrwarr sah ich nichts als ihr Gesicht; der Schimmer des noch hellen westlichen Himmels beleuchtete die mir abgewandte Seite, umriss aber das Profil mit einem goldenen Schein.
Jäh wurde ich aus meiner Versunkenheit gerissen. Ein Stoß mit dem Stiel der Peitsche traf mich. Das Schreien der geängstigten Menschen um uns, das Rattern des Wagens und dumpfes Rollen von hinten wurden übertönt vom Schrei des Mannes am Kutschbock vor mir: »Was willst du hier!?«
Ich hatte nichts zu antworten und hätte es auch nicht können. Der Schwarze schwang die Peitsche, der Wagen sprang über Stock und Stein, rollte über Regenrinnen und Äste auf der Straße, aufgewühlter Staub wehte an uns vorbei.
»Scher’ dich zum Teufel«, brüllte der Schwarze durch das Toben, und eine kräftige Hand ergriff mich am Kragen, um mich herunterzureißen. Krampfhaft klammerte ich mich an der Rückenlehne fest – und wurde unerwartet losgelassen. Der Alte hatte eine Hand gehoben, und mit verächtlichem Blick wandte sich der Schwarze wieder den Pferden zu.
»Schau’ nach hinten, unnützes Vieh!«, schrie er mir ins Ohr. Ich richtete mich auf, um über das Wagendach hinweg die Lage zu erkunden. Und was ich sah, erfüllte mich mit neuem Schrecken. Eine Gruppe von Panzern kam seitlich über ein Feld gegen die Straße gerollt. Mich ergriff die Angst des gejagten Wildes …
Ich drehte mich nach vorn, links lag ein freies Feld, rechts ein Wald … ein grasüberwachsener, aber breiter Weg tat sich auf … ich riss die Zügel an mich und lenkte dort hinein. Jäh hatten wir das Chaos verlassen und waren wie eingetaucht in ein schützendes, beruhigendes Nass, das uns aufleben ließ, Atem schöpfen und den Schweiß von der Stirne wischen. Der Lärm verebbte langsam, unsere Fahrt verlangsamte sich, die Pferde fielen von selbst in Schritt. Wir waren gerettet …
Langsam schwankte der Wagen weiter. Ich achtete nicht darauf. Wie gleichgültig war es mir, wohin uns der Weg führte. Argela saß neben mir – das war genug. Keine Frage war nötig und keine Antwort. Locker hielt ich die Zügel, wir bewegten uns ins Raumlose, die Finsternis hüllte uns ein. Wir hätten gerade so gut am Nachthimmel dahinschweben können, hoch über den Sternen. Argelas Hand ruhte auf meinem Arm, und ich spürte durch den rauen Stoff hindurch ein leises Vibrieren und konnte nicht erkennen, ob es das Schütteln unseres Wagens war oder das Zittern ihres schmächtigen Körpers. Wir fuhren durch endlose Weiten, unberührt vom Atem einer schreckhaften Welt, der wir längst entronnen waren, gereinigt durch die glasklare Luft, in der wir gewichtslos dahin glitten.
Nur wenige solcher Augenblicke durfte ich an Argelas Seite erleben, und wie unvergänglich sind sie mir geblieben! Die Erinnerung droht mich zu überwältigen, meine Sehnsucht steigt ins Uferlose, mein ganzes Sein jetzt ist nichts als Sehnsucht nach ihr. Ich werde das Rätsel lösen, das uns beide aneinanderkettet. Nur so kann ich den Weg zu ihr finden. Meine Fantasie zaubert ihre Gestalt in trügerischer Natürlichkeit vor mir her. Mir ist, als spüre ich ihre Gegenwart körperlich neben mir.
War eine Ewigkeit oder ein Augenblick verstrichen, ich wüsste es nicht zu sagen. Traumbefangen sah ich um mich, Trajan, der Schwarze, hatte mir die Zügel abgenommen und den Wagen zum Halten gebracht. Wir befanden uns auf einem Dorfplatz, links hob sich das geschwungene Zwiebeldach eines Kirchturms als dunkle Silhouette gegen den Himmel ab, rechts gleißte eine Wasseroberfläche, anscheinend ein Dorfweiher. Um uns rannten Soldaten durcheinander, ein Lagerfeuer war in Betrieb gesetzt, Funken sprühten hoch, der Kessel dampfte. Auch einige Flüchtlinge standen dort wartend herum.
Nachdem die Soldaten ihr Essen gefasst hatten, wurden auch wir eingeladen, unsere Näpfe zu füllen. Wir ließen uns an einem der Tische der Dorfschenke nieder, um unseren Anteil zu verzehren. Es war kühl geworden, die Soldaten unterhielten ein Feuer, an dem sie ein Schwein brieten. Die Dorfbewohner mischten sich unter sie, brachten Most in bauchigen Krügen. Es war ein abenteuerliches Bild.
Zuckende Schatten glitten über helle Hauswände, Flammenfinger griffen in die Luft. Obwohl ich nie eine ähnliche Stimmung erlebt hatte, erschien mir das Ganze irgendwie vertraut und bekannt. Doch dies dauerte nur einen Augenblick, dann war ich wieder gefangen von dem Dasein Argelas, auf deren Wangen Lichtreflexe dahinhuschten und sie schmückten, besser als Schmuck und Edelstein.
Inzwischen hatten die meisten ihre Sättigung beendet, die Landser gingen verschiedenen Arbeiten nach, die Offiziere blieben schwatzend an den Tischen sitzen. Auch Trajan beteiligte sich an den Gesprächen, niemand achtete auf Argela und mich.
Es drängte mich, mit Argela allein zu sein; ich hatte ihr so viele Fragen zu stellen, wollte alles von ihr wissen. Zart berührte ich ihre Hand und bedeutete ihr, dass wir uns zurückziehen sollten. Sie warf einen Blick über den jetzt mondbeglänzten Weiher. »Wir dürfen Trajan nicht allein hier lassen!«, flüsterte sie, »wer weiß, was er uns antut!« Ich fühlte die Wärme ihrer Hand und verstärkte den Druck meiner Finger. Wie hätte ich für Vernunftsgründe zugänglich sein können, handelte ich doch jetzt bar aller Überlegung, entsprach doch mein Handeln längst keiner Logik mehr. Mein Blick suchte den ihren, und es war mir, als verstärkte sich der Glanz ihrer Pupillen, die im Licht der Flammen glänzten.
Der Lärm um uns versank, wir erhoben uns und gingen am Weiher entlang, eilig, als gälte es plötzlich, nichts zu versäumen, jede Minute auszukosten. Wir hatten eine stille Stelle erreicht, ein Steg führte dort zum Wasser hinunter, über das nur selten schwacher Feuerschein lohte.
Wo war meine Absicht geblieben, Fragen zu stellen? Ich wusste keine mehr. Alles war klar, wir hielten uns an den Händen, ich fühlte die Nähe Argelas, es war mir, als könnte ich ihr Herz schlagen hören und ihr Blut durch die Adern pulsieren sehen, durch irgendeinen Sinn, der mir plötzlich geschenkt war, der es mir erlaubte, ihr Wünschen und Wollen zu erfassen, und es durchrieselte mich die Erkenntnis, dass es meinem eigenen gleich war, wie ein unbeschreibliches Glücksgefühl. Unsere Lippen wurden aneinandergezogen und fanden sich, wir schienen alle Körperlichkeit verloren zu haben und nur noch aus gelöstem, reinem Glück zu bestehen …
Schwere Schritte brachten uns unversehens in die Wirklichkeit zurück. In mir war kein Erschrecken oder Ärger darüber zu spüren, obwohl mir klar war, dass dies wieder die Rückkehr zur Erdgebundenheit bedeutete, das unwiderrufliche Ende meiner Liebe, die sich eben erst zu erfüllen schien. Mir war die Last und Qual der letzten Jahre schon so in Fleisch und Blut übergegangen, dass es mir ganz klar erschien, dass es auf der Erde kein solches schrankenlose Glück geben dürfe und das, was ich eben erlebt hatte, gleichsam widerrechtlich von mir angeeignet wurde. Ich musste dafür Tribut zahlen und war im Moment bereit dazu; ich hatte etwas erleben dürfen, was keinem dieser Menschen je vergönnt ist, wofür auf der Erde überhaupt kein Platz war.
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