Vor mir ritt der Späher, tief über sein Pferd gebeugt, vom freien Kopf flatterte das schwarze Haar. – Mein Schädel war leer … Es kostete mich Anstrengung, mich zu erinnern, wo ich war, wohin es ging … Hinter mir das Getrampel der Hufe, mein Trupp. Wie weit waren wir schon von der Burg entfernt? Zwei Tagesritte, zwei Stunden? Jetzt ging es ihm an den Kragen: Zadek, dem Hussiten. Nochmals trieb ich meinen Rappen die Sporen in die Weichen. Vorwärts! Vorwärts, mein Degen war scharf, mein Messer geschliffen. Zadek, der Unbezwingbare! Heute fühlte ich mich der Welt überlegen. Er hatte sich feige verkrochen! Was war mit seiner sprichwörtlichen Tapferkeit, seinem Mut! Bei den Weibern und Alten in der Wagenburg war er geblieben, während seine Buben die Dörfer verwüsteten.
Vorwärts, Rappe!
Die Hufe polterten; Wälder und Gesträuch flogen vorbei, als wenn sie sich unter mir voran bewegten, ich aber unbewegt darüber schwebte …
Nur weiter!
Doch nun stoppte der Späher das Pferd und bedeutete mir zu halten.
Wir sprangen ab, und ich folgte ihm über die nächste Anhöhe. Und unten im Tal, da standen die Plachenwagen im Kreise angeordnet, ein Gefährt eng an das andere geschoben, die Zwischenräume kaum drei Ellen weit. Doch von unserem erhöhten Standpunkt aus sahen wir über die leinenen Wagendächer ins Innere des Kreises, wo sich die Franzosen emsig tummelten. Bunt schillerte ihre farbenfrohe Tracht, oft drehte sich ein Frauenrock dazwischen; auch Kinder tollten schreiend durcheinander. Die Männer aber machten diesen friedlichen Eindruck wieder zunichte, bis an die Zähne bewaffnet stolzierten sie umher.
Etwas abseits davon lag der Tross, einige Burschen bewachten die weidenden Pferde, ein Hund jagte kläffend hin und her.
Endlich war die Stunde der Vergeltung gekommen. Die gebrannten Dörfer kamen mir in den Sinn, die verwüsteten Äcker, das mutwillig getötete Vieh. Die geschundenen Leiber unserer Getreuen, die ihnen in die Hände gefallen waren, die dahingemordeten Kinder, die missbrauchten Frauen, alles das verlangte Rache, Rache, Rache …
Sie waren besser bewaffnet, als wir vorausgesehen hatten, und in Überzahl dazu. Aber zu unseren Gunsten sprach unsere Tapferkeit, unser Wille dieses Geschmeiß zu vernichten, diese Brut endgültig zu zertreten. Für uns sprach die Gewandtheit im Gebrauch der Waffen, die Schnelligkeit unseres Angriffs und die Überraschung dieser Stunde.
Ich konnte das Jagdfieber kaum mehr bändigen. Wir liefen zu den Pferden und den wartenden Männern zurück und sprangen auf.
»Herunter! Und keine Schonung!«
Wie ein Unwetter wirbelte der Trupp den Berg herab, ich allen voran. Die da unten hatten uns bemerkt, es wirrte wie in einem Ameisenhaufen, den man mit einem Stock auseinanderreißt.
Ich trieb mein Pferd zu einer Stelle, wo der Abstand zwischen den Wagen etwas breiter schien, und setzte in einen Sprung über die Deichsel mitten in das Lager herein. Mit einem Fuß blieb ich an der Plache hängen und riss sie herunter. Meine Leute stürmten mir nach … Vom Pferd herunter war ich den Unberittenen überlegen; was sich mir entgegenstellte, ritt ich einfach nieder … schon wogte der Kampf im Inneren um mich herum. Nur Jan, den Löwen, sah ich nicht.
»Wo ist er, euer Löwe?«, schrie ich. »Komm heraus aus deinem Loch, feiges Aas!«
Und wirklich: Eine Decke hob sich, und er trat hervor. Ich erkannte ihn sofort, obwohl ich ihn nie gesehen hatte. Schon sein Wams aus weißem Leder mit den gekreuzten Schwertern war unverkennbar. Und dann sein goldener Degen! Das Kampfgetümmel schien einen Augenblick zu stocken, alles schaute zu seiner achtungsgebietenden, hellen Gestalt auf. Ich sprang vom Pferd, um keinen Vorteil zu haben. Mit gleichen Waffen wollte ich ihn besiegen … Eine Gasse wurde mir zu ihm frei gemacht … alles wich zurück.
Aug in Aug stand ich vor ihm. Sein Ausdruck war so zwingend, dass ich einen winzigen Augenblick wie erstarrt stehen blieb. Die dunklen Augen blickten in mich hinein …
Mit einem unartikulierten Schrei riss ich mich los und stürzte vor. Ein Schlag – pariert, noch einer – wieder pariert. Ich griff immer wieder an, wütend, ohne Hemmung … ich achtete gar nicht darauf, mir keine Blöße zu geben, ich haute drauf los. Ich wurde immer zorniger, der Mann stand da, fast ohne Teilnahme, wie gleichgültig. Er parierte nur, ohne hastige Bewegung, ohne Gegenschlag. Und keiner meiner Hiebe konnte ihn auch nur ritzen. Ich wusste nicht mehr, was ich tat, in mir war nur der Wille zu vernichten, zu töten. Ohne an die eigene Abwehr zu denken, holte ich zu einem Streich aus, einen Streich, über den jeder meiner Lehrmeister gelacht hätte, von unten heraus in halbem Bogen gegen die Brust des Gegners, als gelte es, ein Schwein abzustechen, stünde es aufrecht vor mir. Ich selbst war dabei völlig ungedeckt, und während der Bewegung fiel mir plötzlich das Fehlen jeder Überlegung ein und ich erwartete schon, den Hieb in meinem ungedeckten Hals zu spüren. Jetzt wusste ich auch, wieso dieser Mann unschlagbar war; seine Abwehr war unüberwindlich und der erste Fehler seines Widersachers bedeutete dessen Niederlage. In diesem Augenblick blickte ich in diese starren Augen meines Gegners, und ich sah: Er war ruhig wie zu Beginn des Kampfes. Doch mein Fehler war gemacht. Gleich musste sein tödlicher Schlag niedergehen. Auch er sollte mich in die dunklen Gefilde begleiten. So stach ich zu. Während sich meine Degenspitze durch die Brust bohrte, sah ich wieder seine Augen. Sie waren plötzlich unendlich traurig, wie die eines waidwunden Tieres, und während des Sturzes sahen sie mich an …
Ich musste mit einem Mal die Hände vors Gesicht schlagen, um das nicht mehr zu sehen. Ich hatte gesiegt. Ich war unversehens berühmt. Überall würde man von mir sprechen, von dem Bezwinger des Löwen. Ich wusste aber auch, dass ich um ein Haar dem Tod entgangen war. Nur ein Wunder hatte mich retten können.
Um mich war es still. Tief atmend blickte ich auf. Unsere Gegner waren entwaffnet, sie hatten sich ergeben. Alle Blicke waren auf Zadek gerichtet. Es musste mit ihm vorbei sein. Ich zwang mich, hinzuschauen. Über seinem Körper kauerte eine Frauengestalt. Jetzt trat ein altes, ungeheuer häßliches Weib aus einem Wagen und zog die Kauernde empor. Es war ein junges Mädchen mit schwarzen langen Haaren, sein Gesicht konnte ich nicht sehen.
Einer der gefesselten Gegner murmelte neben mir: »Argela, armes Kind.«
Die Alte hatte das Mädchen schon halb in den Wagen gezogen, da dreht es sich plötzlich um und sah mich an. Und in dem Blick lag der Hass zweier Welten, der Hass des Feuers gegen das Wasser, des Tages gegen die Nacht.
Und um dieses Blickes willen hätte ich gerne alles hergegeben, meinen mir sicheren künftigen Ruhm, meinen Besitz, meine Ahnenreihen, und wäre ein Baumstumpf auf einer mondhellen Wiese geworden oder ein Brunnenstein an einem kühlen Quell.
Das Nächste, dessen ich mich zu entsinnen vermag, war ein Stampfen und Rütteln, das mich ins Erwachen zwang, so sehr sich die Müdigkeit in mir dagegen auch wehrte. Wie Blei lagen die Lider über meinen Augen, und es kostete mich ungeheure Willensanstrengung, sie zu einem Spalt zu öffnen. Allmählich drangen bildhafte Eindrücke in mein Bewusstsein, eine graubraune Leinenjacke über mir, Kleidungsstücke, die an einer Verstrebungsstange baumelten, Kisten und Körbe zu schwankenden Türmen aufgeschichtet. Ich lag auf einigen Decken ausgestreckt im Hintergrund des Raumes, offenbar dem Inneren eines Wagens. Von vorne kam gedämpftes Licht, mühselig richtete ich mich auf und sah über den Rücken zweier Pferde auf eine Landstraße und auf ihr einen ungeordneten Menschenstrom, zu Fuß, mit Leiter- und Pferdewagen, manchmal flitzte der Schatten eines Autos vorbei. Weit sah ich von meinem erhöhten Standpunkt aus über das Land. Ganz vorn schien der Fluss der Vorwärtsstrebenden ins Stocken geraten zu sein. Ein Durcheinander machte sich bemerkbar, Pferde bäumten sich auf, einige Autos kamen in scharfem Tempo zurück. Wie eine Welle breitete sich die Unruhe aus, lief auf uns zu, die Leute kehrten um, warfen ihre Habe fort und rannten. Und da sah ich auch den Grund.
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