Niemand hatte mich verfolgt, nur das verzerrte Gesicht, die anklagenden Augen, sie jagten mich durch Monate, in den Nächten, den Träumen. Wieder und wieder schrak ich vor diesem Blick empor, mein Herz schlug dröhnend bis zum Hals herauf … Die Traumszenen waren nicht zu fassen, schattenhafte, chaotische Vorgänge versetzten mich in rasenden Schreck, und es gelang nicht, sie irgendwie zu ordnen. Der Fremde spielte sicher eine wichtige Rolle, aber welche …? Ich muss ihn schon früher gesehen haben, aber wann …? Vergeblich zerfurchte ich mein Gehirn nach ihm, suchte in jedem Winkel meiner Erinnerung … und fand nichts.
Viel träumte ich damals durcheinander – weniger von realen Dingen als von Empfindungen wie Angst, Furcht, Schuld. Dann wieder würgten mich schlangenhafte Finger, bis ich ächzend auffuhr und nach Luft rang. Dieses Gefühl verfolgte mich bis ans Tageslicht, sodass ich lange nicht fähig war, eine Krawatte umzubinden, ohne einen lähmenden Druck um den Hals zu spüren, der mir das Blut in den Kopf steigen ließ und meine Augen zum Tränen brachte. Solange der Kragen geschlossen war, bewegte ich mich unsicher und taumelnd. Erklärung hatte ich keine dafür. Oh – heute habe ich sie …
Die unruhigen fiebrigen Nächte wirkten sich schlecht auf mein Allgemeinbefinden aus. Der von meinen Eltern zurate gezogene Hausarzt verschrieb Tabletten, die jedoch wirkungslos blieben.
Erst etwas ganz anderes brachte Linderung.
In unserer Nachbarschaft lebten drei Schwestern, schon ältere Damen, zurückgezogen, von der Umwelt abgeschlossen. Eine von diesen war herzkrank und musste ständig das Bett hüten. Nun war es in unserer Familie zur Regel geworden, die Frauen zu besuchen, besonders die Kranke zeigte sich darüber stets erfreut.
Als ich – es war gerade die Zeit der Traumgeschichte – zu Neujahr glückwünschen ging, legte mir die Gelähmte die Karten. Ihre Bewegungen waren langsam, ihre Hände zerfältelt und gelbgrau wie verwelkte Blüten. Sie sagte zunächst nichts, sah mich aber lange mit Augen an, die mir voll Verstehen schienen. Dann kramte sie in einer alten Schachtel und holte eine dünne, feingearbeitete Kette hervor.
»Silber und Mangan«, sprach sie, »der Bär und der Widder. Mögen sie dich behüten, solange die Kette geschlossen ist.«
Die kranke Frau hatte in ihrer Einsamkeit seltsame Gewohnheiten angenommen, und niemand wunderte sich über ihr Tun. Ich aber bezog ihre Worte auf meine quälenden Träume, und von da an blieben sie aus.
Doch ich will mich nicht länger mit solchen Einzelheiten aufhalten, es drängt mich, mein eigentliches Ziel, die jüngsten Ereignisse, in Angriff zu nehmen, und das soll nun geschehen.
Nur ein Tuch werde ich noch rasch um meinen schmerzenden Arm binden, die hässlichen Flecken von geronnenem Blut beschmutzen sonst Schreibpapier und Tisch.
Die Sonne sandte ihre wärmenden Strahlen neidlos zur Erde herab, obwohl es erst Mai war. Schon glänzten Bäume und Sträucher in sattem Grün und erinnerten an Ferien und Landaufenthalt. Fröhlich verlebte Jugendsommer drängten sich in den Sinn, Wanderungen und Badeleben, heiteres Spiel am Holzplatz neben der Mühle, wo meine Eltern den Urlaub zu verbringen pflegten.
Ich wanderte auf der Straße dahin; ein Hungergefühl mahnte mich daran, dass die Mittagsstunde schon verflossen war. Die grünen Matten an den leicht gewölbten Hügeln luden zum Verweilen ein, und ich sah mich nach einem geeigneten Rastplatz um.
Ein magerer, hoch aufgeschossener Soldat kam mir entgegen, ein junger Mensch mit schlechter Haltung und zerschlissener Uniform. Er nickte mir zu, und ich lächelte zurück.
»Hast du vielleicht noch etwas zum Rauchen?«, fragte er, und ich holte Zigaretten hervor. So kamen wir ins Gespräch und beschlossen, uns gemeinsam eine Ruhepause zu gönnen.
Ein Waldrand zog westwärts den Hang hinauf, ein Weg lief dort entlang. Wenige Schritte weiter wies der Wald einen Einschnitt auf, ein bescheidenes von Brombeersträuchern umsäumtes Plätzchen. Einige Meter vom Wege entfernt, von der Straße aus unsichtbar, ließen wir uns nieder, lachten und unterhielten uns über die gegenwärtige Lage; bald versiegte die Unterhaltung, der laue Frühlingswind stimmte uns schläfrig.
Die Landschaft lag vor uns ausgebreitet wie ein buntes Tuch. Die Luft war würzig und roch nach Erde und Blättern; nur dort, wo – von hier aus unsichtbar – die Straße laufen musste, schwebte ein dünner Staubnebel. Ich lehnte mich zurück, sah Brombeerranken und Riedgrasähren über mir und schloss die Augen. Gelegentlich brauste unten ein schwerer Lastwagen vorbei; dann wieder rauschten Tannenzweige wie in festlicher Musik …
Ein Fußtritt schreckte mich auf, schlaftrunken fuhr ich empor. Einige Bewaffnete mit mattglänzenden Stahlhelmen standen um uns herum: eine Wehrmachtsstreife. Ich erkannte es an den Ketten, die die Männer um den Hals trugen, schwere bronzefarbene Ketten, an denen die für die Feldpolizei charakteristischen Metallschilder befestigt waren.
»Was haben Sie hier zu suchen!«, rief einer der Offiziere, dessen peinlich saubere Lackstiefel bei jeder seiner nervösen wippenden Bewegungen knirschten. »Wecken Sie den Kümmerling da auf!«
Der junge Mann neben mir atmete regelmäßig, sein hageres Gesicht zeigte einen friedlichen Ausdruck.
Ich beugte mich nieder und sagte: »Wach auf, du, … wach auf!«
Der Schläfer hörte nicht, nur ein Zucken lief über seine Stirn.
Die Mienen der Uniformierten wurden drohender.
»Hallo, wach auf!«, sagte ich wieder, und es tat mir leid, ihn stören zu müssen.
»Mensch, du Dussel, stell’ dich nicht so dämlich an, steck’ ihm den Stiefel in die Rippen!«, schrie der Militärpolizist. Er hielt sich für verspottet, obwohl ich nichts Derartiges beabsichtigt hatte. Ich rüttelte den Arm meines Kameraden, bis er die Augen öffnete, in der Sonne blinzelte und dann erschreckt aufsprang.
»Ausweise!«, befahl der Anführer der Patrouille. Wir suchten nach unseren Papieren und reichten sie.
»Bernhard Retroy, geboren sechsundzwanzig … Wien, natürlich aus Wien. Haben Sie einen Marschbefehl?«
»Und ein Halsband hat er auch«, fauchte der Unteroffizier, »hat man so was schon gesehen?«
»Jawohl, hier ist der Marschbefehl«, sagte ich und überreichte ihn.
»Diese jungen Knilche, schlapp bis in die Knochen«, bemerkte der zweite Offizier, der die Papiere meines Gefährten untersuchte. Mit seinem Schmerbauch und dem Doppelkinn sah er wie ein Metzger aus.
»Aus dem Lazarett entlassen, Marschbefehl Frontleitstelle Linz«, entzifferte mein Gegenüber, »wie kommen Sie hierher?«
Ich erklärte, dass ich von Budweis aus mit der Bahn gefahren sei; wegen der Zerstörung des Geleises bei einem Tieffliegerangriff auf den Zug wäre ich gezwungen, die Wiederinstandsetzung des Geleises abzuwarten, um weiterfahren zu können.
»Mensch, mir bleibt die Spucke weg! Da musst du doch selbst sehen, wie du weiterkommst …«
Mit ähnlichen unfreundlichen Redensarten wurde neben mir mein Leidensgenosse bedacht. Er war in einer Situation, die sich nicht wesentlich von meiner unterschied. Mir kam indes vor, als ob die Reden der Feldpolizisten an ihm genau so vorbeiklangen wie an mir.
»Sie drücken sich also hier herum, während andere ihr Leben einsetzen, um Führer und Vaterland zu retten.« Das ging uns beide an. »Wenn ich euch noch einmal hier sehe, dann lasse ich euch abknallen wie tolle Hunde!«
Wir rafften unsere Sachen zusammen und stolperten den Weg hinunter. Dabei beeilte ich mich gar nicht besonders; es ging mir durch den Sinn, dass ja doch keiner seinem Schicksal entgeht, und sollte es mir bestimmt sein, diesen Schergen in die Hände zu fallen, dann war es wohl nicht abzuwenden. So tat ich meinen guten Willen kund, indem ich jenen zeitlupenartigen Laufschritt andeutete, der auf den Kasernenhöfen die einzige Fortbewegungsart gewesen war.
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