Und dann war da noch der Untergrund. Im Volkspark Humbolthain wurde aus 1,5 Millionen Kubikmetern Trümmer und Erde ein Mont Klamott . Diesen Teil des Ruinenbergs konnten Touristen begehen. Apokalyptische Katakomben, in denen Dark Raven seine Spiele trieb. Der Teufel allein wusste, wie er dem Betreiber einen Schlüssel für den Zugang seiner Hölle am Gesundbrunnen abluchsen konnte. SM-Clubs waren Kindergärten dagegen. Die Erinnerung an ein paar hammergeile Sessions, die sie dort mit ihrem Sado genießen durfte, trieb Daniela einen Schauer über die Haut. Das Mädchen mochte es, wenn ihr Spielpartner die Regie übernahm, sie von jeder Verantwortung entband. Kajira lieferte sich gern bedingungslos aus; mit jeder Faser ihres Körpers, alle Sinne auf Empfang; nicht denken, nur sein. Das Ego löst sich auf, zerfließt - pure Energie, die auf Wellen aus Schmerz und Lust reitet: mächtig, magisch. Nur Gabriel kann mir diesen Kick verpassen .
Daniela ging auf ihren altersschwachen Mini zu, spürte nichts, weder den Wind, der ihr entgegenschlug, noch die Kälte, die den schutzlosen Körper unter dem offenen Mantel traf. Die Rostlaube brauchte drei Anläufe. Daniela schlug auf das Lenkrad ein. Endlich sprang die Karre an. Daniela schaltete Heizung und Scheibenwischer ein.
Den Weg nach Grunewald fand sie trotz Nieselregen im Schlaf. Der Ortsteil im Berliner Westbezirk Charlottenburg-Wilmersdorf war nach dem gleichnamigen Forst benannt worden. Die Stadtvilla ihres Herrn und Meisters stand im teuersten Viertel der Metropole – im Gedenken an das Jagdschloss Grunewald. Am zweiten Januarsonntag des Jahres 1891 sollen sich dort Mitglieder des Kaiserhofs zu einer wilden Sexnacht versammelt haben. Daniela grinste. Lord Gabriel von Regenstein war verrückt nach adligen Traditionen.
Die Wischblätter quietschten auf der Frontscheibe des Minis.
MARLENE holte ihren Bambusbogen, den Köcher mit den Pfeilen und den maßgefertigten Lederhandschuh aus dem begehbaren Kleiderschrank. Sie steckte die traditionelle weiße Bluse, eine schwarze Hose mit rockweiten Beinen und den schwarzen Gürtel in eine Sporttasche.
In den Achtzigern hatte sie sich in Japan fünf Jahre lang zur Shiatsu-Therapeutin ausbilden lassen. In der Freizeit brachte Meister Emiko ihr Kyudo bei: den Weg des Bogens . Der alte Mann machte sie mit den für den Sport üblichen Bewegungsabläufen vertraut.
Seitdem verbesserte das regelmäßige Üben ihre Konzentrationsfähigkeit, wirkte sich positiv auf Körperhaltung, Kraft, Balance und Bewegungskoordination aus. Marlene ruhte in sich, betrachtete jeden Tag als ein Geschenk.
DREI STRASSEN vor dem Ziel ging Kajira auf, dass Dark Raven »oben« gesagt hatte. Mein Gott, »oben«! Ihr Herz fühlte sich an, als würde es vor Freude einen Salto schlagen. Er wollte sie tatsächlich in seinem Haus haben, in seinem Wohnzimmer, vielleicht sogar in seinem Schlafgemach. Adrenalin schoss durch ihren Körper. Seit 18 Monaten zitierte Gabriel sie in unregelmäßigen Abständen in seinen perfekt ausgestatteten Dungeon – ein Keller, in dem Schmerz und Lust sich die Hand gaben –: mit Pech versiegelte Wände, Kopfsteinpflaster, Standkäfig, Verlies, in die Wand gerammte schmiedeeiserne Ketten, Streckbank. Schraubzwingen. Der Sado musste ein Vermögen für sein Inquisitoren-Paradies aus dem Mittelalter hingeblättert haben.
Sein merkwürdiges Verhalten während der Session vor zehn Tagen in der Folterkammer hatte die Sklavin in Verwirrung gestürzt. Sie biss die Lippen zusammen. Eine diffuse Angst verwandelte ihre Finger auf dem Lenkrad in Eiszapfen. Sie stieg aus dem Auto. Ihre Knie waren weich.
Oben! Eine winzige Hoffnung machte sich in Daniela breit. Wir sind uns ungewöhnlich nahe gekommen . Wollte er sie heute Nacht zu seiner Haussklavin ernennen? Ihre Wangen glühten vor Aufregung. Kochen, putzen, waschen, ihm jederzeit bedingungslos dienen . Sie seufzte. Ihr größter Traum. Aber bin ich - eine nutzlose Kreatur - der Aufmerksamkeit des gefragtesten Sados der Stadt würdig? Kajiras Herz setzte einen Takt aus, wie immer, wenn sie das Auto vor dem Gebäude abstellte, das den Namen Domizil verdiente. Es sah von außen aus wie eine Burg: grobe graue Steine, Türmchen, schmaler Graben rund um das gesamte Grundstück, Minizugbrücke vor der Eingangstür.
Gabriel von Regenstein öffnete. Die Masochistin starrte ihn an. Anstelle eines Anzuges trug er einen lässig geknoteten Morgenmantel aus schwarzer Rohseide. Sein straffer Körper überragte sie um Kopflänge. Der Bauch war fest. Er wirkt auf keinen Fall wie ein alter Sack von 41 . Die bloßen Füße steckten in mittelalterlichen Stulpenstiefeln aus braunem Wildleder. Das glatte Gesicht sah aus wie höchstens 30. Nicht nur deshalb erinnerte er Daniela an Oscar Wildes ewig jungen Dorian Gray . Unter dem Blick seiner gelben Tigeraugen mit der dunklen Iris betrat sie den quadratischen Flur. Er roch nach Lavendel und Eichenmoos. In Gabriels welligem, schwarzem Haar schimmerten Wassertropfen. Mit einem Scheitel in der Mitte fiel es auf seine breiten Schultern. Die silberne Schneide des Kurzschwertes, das der Gentleman-Sado in seiner Hand hielt, glänzte im sanften Licht.
Kajira erschauerte wohlig unter den Deckenleuchten, die aussahen wie Ufos im Landeanflug. Eine gelungene Überraschung .
Dark Raven schaute sie ausdruckslos an. »Mantel ausziehen!«
Die Sklavin konzentrierte sich. Sie wollte jede Silbe verinnerlichen.
»Ja, Herr und Meister!« Kajira ließ den Mantel auf die Schachbrettfliesen fallen. Ihr Schoß kribbelte. Das Spiel der absoluten Unterwerfung beginnt .
Der Blick des Dom fiel auf ihre durchnässten Schuhe und das Schlafhemd. »Badelatschen und Schottenkaro.« Er schüttelte den Kopf, kräuselte die Nase. »Wieso mutest du ausgerechnet einem Ästheten wie mir derartig grausame Geschmacksentgleisungen zu?«
Heiße Röte stieg Daniela vom Hals hinauf ins Gesicht.
Gabriel von Regenstein ließ seine Maßanzüge vom ersten Schneider der Stadt bauen , wie er es so wundervoll ausdrückte. Kajira liebte es, wenn ihr Gebieter sich fein anzog, sich in der Öffentlichkeit höflich und gewählt ausdrückte. Der englische Akzent rundete das Bild eines Gentlemans ab. Warum die meisten Sados jedoch selbst auf den Bizarr-Parties keine SM-Klamotten trugen, war ihr zu hoch. Auf den ersten Blick sah Dark Raven aus wie ein Latin Lover im Edelzwirn.
Sie fühlte den kalten Stahl des Schwertes unter ihrem Kinn. »Antworte mir, Sklavin!«
Kajira traute sich kaum zu atmen. »Ich sollte in meinen Schlafklamotten kommen, in meinem Hausschuhen.«
Der Dom knurrte und erinnerte das Mädchen an einen wütenden Hund. »Das renitente Stück Scheiße will mir also sagen, dass ich schuld bin, wenn es aussieht wie ein Mülleimer?« Er packte sie mit der freien Hand an den Haaren, zog sie nach hinten, zwang sie auf die Knie.
Daniela spürte den Schmerz. Nie hatte sie sich lebendiger gefühlt als in seiner Gegenwart. Reflexartig wollte sie den Kopf schütteln. Es blieb bei einem Versuch. »Nein, mein Gebieter, es ist allein meine Schuld. Sie bestimmen die Regeln. Ich verdiene eine Strafe.« Sie genoss den harten Griff im Nacken. Oh Gott! Seine Hand auf ihrer Haut ließ sie erschauern.
»Nicht so vorlaut, Kajira . Ich entscheide, wann du leidest.«
»Natürlich, Herr.«
»Aufstehen!«
Die Lüsternheit in seinen Augen war ein Versprechen.
Kajiras Wangen glühten.
Dark Raven führte das Kurzschwert vor ihrer Nase in einer eleganten Bewegung durch die Luft. Ohne Übergang packte er das Schlafhemd am unteren Ende und schlitzte es bis zu zum Hals auf. Der grobe Stoff plumpste von Danielas Schultern.
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