Der Sklave zuckte zusammen.
Die Domina lächelte in sich hinein. Das Motto ihrer Homepage Lady Caprice – der Name ist Programm! ging hundertprozentig auf.
Felicitas spürte, wie Birnbaum in seiner demütigen Haltung vor Spannung vibrierte. Der Herr Bankdirektor bot einen wunderbar jämmerlichen Anblick. Die Fingerspitzen der Lady Caprice kribbelten. Ich habe alles unter Kontrolle . Nicht zum ersten Mal stellte Felicitas mit Verwunderung fest, dass die Macht über einen anderen Menschen ihr ein ähnliches Geborgenheitsgefühl vermittelte, wie sie es als Nonne im Kloster empfunden hatte. Dominanz und Unterwerfung: zwei Schwestern im Geiste . Ein winziges Lächeln huschte über ihren Mund. Tja, Gott, aber heute entscheide ich, was passiert! Hier im Studio fühlte sie sich sicher.
Lady Caprice griff nach der Peitsche, schnalzte mit der Zunge und stand auf, stellte lautlos eine Stiefelspitze neben die Finger ihres Gastes. Sie roch seinen Schweiß, seine Angst. Die Domina sog den unwiderstehlichen Duft tief in sich auf. »Nicht bewegen!«
Eine Ader an Birnbaums Hals pulsierte. »Ja, Herrin!«
Felicitas umrundete den nackten Körper, ließ ihn nicht aus den Augen. Die breiten, niedrigen Sohlen der leicht spitzen Krokodillederschuhe verliehen einen guten Stand. Lady Caprice verabscheute High Heels. Sie verweigerte sich diesen Marterwerkzeugen, wurde den Verdacht nicht los, dass Männer diese Art Schuhe erfunden haben, damit sie ihre Frauen am Weglaufen hindern konnten. Minis, Korsagen und Netzstrümpfe hielt sie für unbequemes Nuttengedöns. Ihr einziges Zugeständnis war ab und an ein Push-up-BH.
Die Absätze der Domina klackten in der Stille. Sie blieb vor Birnbaums Stirn stehen, beugte sich nach vorne und blies ihm ihren Atem in den Nacken. Die winzigen Härchen stellten sich wie auf Befehl auf. Der Herr Bankdirektor stöhnte.
»Still, Kretin! Los, Stiefel lecken!«
Das Objekt streckte nach einem kurzen Zögern seine Zunge heraus, fuhr hektisch mit der Spitze über den Lederspann ihrer schuppigen Stiefelletten.
»Langsamer! Mit mehr Leidenschaft!«
Die Zunge des Gastes glitt breit und feucht den Stiefelschaft hinauf und wieder hinunter, zehn Minuten lang. Ein Glücksgefühl durchrieselte Felicitas. Das archaische Machtspiel hat begonnen .
»Gar nicht schlecht für eine erbärmliche Wanze. Jetzt darfst du in der Hocke tanzen.«
Der Bankdirektor blinzelte irritiert.
»Los, Lahmarsch! Tanz!«
Der Sklave ging zögerlich in die Hocke und hopste durch den Raum.
»Sehr schön. Und jetzt sing:
Auf der Mauer, auf der Lauer
sitz ich kleine Wanze.
Seht mich kleine Wanze an,
wie ich tanzen kann!«
Der halb erigierte Penis des Objekts schlug gegen die angespannten Oberschenkel.
»Auf der Mauer, auf der Lauer
sitz ich kleine Wanze.«
»Lauter!«
»Seht mich kleine Wanze an,
wie ich tanzen kann!«
»Fein.«
Die Domina schwang ihre Peitsche durch die Luft. Wenige Zentimeter über Birnbaums Kopf hinweg hallte der Knall von den Wänden wider. Der Wirtschaftsboss zog mit einem Ruck die Schultern zu den Ohren. Panik stand in seinem Gesicht.
Meine Fresse, Birnbaum , dachte Felicitas, wenn deine Angestellten wüssten, was du hier treibst …! Ich wette, für die Sekretärin wäre das ein echter Schenkelklopfer . »Was ist, Willi Winzig? Machst du etwa schon schlapp? Ich habe doch gerade erst mit dem Unterricht begonnen.« Der intelligente Mann als Volldepp. Köstlich!
Lady Caprice lachte – laut, höhnisch, böse.
Ihre Brustwarzen drückten gegen das anschmiegsame Lederhemd.
1Lebensweisheit von Lao-Tse. Anmerkung der Verfasserin (ebenso wie alle folgenden Anmerkungen)
ZWEI KILOMETER LUFTLINIE entfernt zogen am Samstagmorgen dunkle Wolken eilig über die Dächer des ehemaligen Lederfabrikgeländes hinweg. Jenseits des Trubels der Weddinger Hauptverkehrsstraße erinnerte nichts an die einstige Schmuddelecke Berlins.
Um zehn nach elf saß Marlene Burgfried im Schneidersitz in ihrem sanierten Loft auf einer Meditationsbank und entfachte das innere Morgenfeuer. Die Hände lagen mit den Handflächen nach unten auf den Knien. Öffnen . Ihr Atem strömte lautlos durch die Nase ein. Der Oberkörper der schlaksigen 71-Jährigen schaukelte sanft nach hinten. Gleichzeitig schob Marlene ihren flachen Bauch nach vorne. Warten. Durch das vierte Auge auf der oberen Stirnpartie Energie vom Himmel einfließen lassen. Verweilen. Mit dem Körper nach vorne schaukeln. Becken nach hinten loslassen. Ausatmen. Loslassen. Loslassen .
In die nächste Übungsfolge schlich sich der Gedanke an ihre Enkelin: Ein Glück, Felicitas bekommt allmählich wieder Boden unter die Füße. Öffnen . Gleichzeitig mit dem Einatmen fragte Marlene sich, aus welcher Quelle die junge Frau die neue Kraft schöpfte. Während der Scheidungsphase von Michael Heyn vor drei Jahren war die damals 29-jährige monatelang in eine Depression gefallen. Ausatmen. Loslassen . Und jetzt ruhte Felicitas in sich selbst. Marlene atmete tief ein. Hatte die junge Frau wieder Kontakt zu Gott aufgenommen? Marlene, konzentrier dich auf die Übungen!
Felicitas’ ovales Gesicht erschien ihr als Fata Morgana. Mit dem nächsten Atemzug überwältigte Marlene eine Ahnung : Meine Enkelin verbirgt etwas vor mir! Marlene atmete ein, vergaß, das Becken nach vorne zu schieben. Beim Ausatmen flatterten die Blütenkelche auf ihrem rot-beigen Kimono.
In Ordnung, Marlene, du kannst heute Abend in Ruhe darüber nachdenken. Aus. Loslassen. Ein. Energie vom Himmel .
Das Bild der Enkelin verblasste. Nach zwei weiteren Übungsfolgen schwebte Marlene minutenlang in watteweicher Leichtigkeit, bis sich ein haltloses Kichern den Weg bis zu ihren Ohren bahnte. Träge hob sie die Lider.
Die Herbstsonne blinzelte hinter den Wolken hervor, drang durch die bodentiefen Isolierglasfenster, erhellte 200 Quadratmeter Parterre und setzte das Rot der Backsteinwände wirkungsvoll in Szene. Lediglich die Bereiche Bad und Gästetoilette konnte Marlene nicht einsehen. Draußen im Lichthof zupfte der Wind Blätter von der jungen Buche, verteilte sie spielerisch auf Holztisch und Bänke in der Mitte.
Ihr Liebhaber lag auf dem breiten Bett im Kolonialstil an der Nordostgrenze des Lofts und bedachte Marlene mit wohlgefällig amüsiertem Blick. Kriminaloberrat Dr. Lorenz Vogelsang hatte den Kopf mit den verwuschelten grauen Haaren in die rechte Hand gestützt.
Zehn Minuten später erhob Marlene sich. Dank Fußbodenheizung kühlten die Fliesen ihre Glieder nicht aus.
Lorenz zog eine seiner breiten Brauen nach oben. »Schon fertig mit Krach Tsching Bumm ?«
Marlene liebte seine sonore Stimme. Sie blickte in das verschmitzte Gesicht, betrachtete sein Kinngrübchen, die freundlichen Fältchen rund um die Augenpartien und auf der Stirn. Marlene dachte mit Zärtlichkeit an die gedrungene Gestalt unter der Bettdecke, sah die breiten Schultern des langjährigen Freundes. Die Ähnlichkeit des Leiters des Berliner Morddezernats mit Marlenes Lieblingsschauspieler verblüffte nicht nur seine Kollegen.
Marlene streckte das Kinn gespielt hoheitsvoll nach oben, stolzierte auf nackten Füßen gemessenen Schrittes zum Bett. »Shin Tao, bester Rühmann, der Weg der Götter - Zen Yoga; belebt Geist, Körper und Seele. Nur eine achtsame Shiatsu-Therapeutin ist eine erfolgreiche Therapeutin.« Marlene übte jeden Tag und ging zwei Mal in der Woche zum japanischen Bogenschießen. Mit diesen fernöstlichen Praktiken hielt sie seit vielen Jahren ihre innere Balance aufrecht.
Lorenz zeigte seine unverwüstlichen Zähne, um die Marlene ihn beneidete. »Méo – die einzige Göttin, die mich belebt, bist du.«
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