»Das freut uns auch sehr. Du hast in deiner alten Abteilung auch gute Arbeit geleistet.«
Dr. Rosser bittet uns in sein Büro.
»Also, Herrschaften. Dann fange ich mal von vorne an. Das Opfer, männlich, etwa Ende fünfzig, war nach einem heftigen Schlag mit einem flachen, metallenen Gegenstand sofort wehrlos. Dieser Schlag zerschmetterte den zweiten Halswirbel, sodass sofort eine Querschnittslähmung eintrat. Auffällig ist, dass sich am Wirbelkörper Einkerbungen zeigen, was dafür spricht, dass der Gegenstand scharfe Zacken hatte. Doch dazu noch später. Dieser Mann muss sofort zusammengesackt und wehrlos auf dem harten Boden aufgeschlagen sein. Dafür spricht eine stumpfe Verletzung am Hinterkopf, in der wir Partikel des Pflasters von der Brücke fanden. Ob das Opfer dadurch bewusstlos war, kann nicht mehr geklärt werden. Wir nehmen an, dass er mit dem Rücken auf den Boden fiel und der Kopf dann hart auf dem Steinboden aufschlug, was sehr für einen Bewusstseinsverlust spricht.
Anschließend durchtrennte der Täter die Halsschlagader auf der linken Seite. Er wartete aber nicht, bis sein Opfer so viel Blut verlor, dass er daran starb, sondern er machte sich sofort an die übrigen Verstümmelungen. Letztlich ist der Mann zwar an Blutverlust gestorben, aber nicht wegen des Schnitts durch die Halsschlagader alleine. Sonst hätte ich vor Ort dort eine größere Blutlache finden müssen. Blut war aber praktisch überall. Also, der Täter muss anschließend mit einem extrem scharfen Gegenstand brutal von vorne auf die Sehnen und die Muskulatur im Hüftbereich eingeschlagen haben, also genauer auf die oberen Oberschenkelmuskeln, sodass diese durchtrennt wurden. Dann hat er die Kapsel des Hüftgelenkes angeschnitten. Danach bog er dem Opfer, das jetzt auf dem Bauch gelegen haben muss, die Beine mit brachialer Kraft so nach hinten, dass die Hüftköpfe aus den Pfannen sprangen und die Kapseln vollständig aufplatzten. Das kostet erhebliche Kraft, sodass ich jedenfalls eine durchschnittliche Frau als Täter ausschließen möchte.«
»Warum macht der so was?«
»Mmhh. Da müssen wir wohl noch einen Forensiker hinzuziehen, der sich mit Täterpsychologie bestens auskennt. Also ich meine einen Profiler, wie das jetzt heißt. Ich kann mir nur vorstellen, dass er dem Opfer genau an diesen Stellen heftigen Schmerz zufügen wollte. Er wollte sagen, da soll es dir am meisten weh tun.«
»Vielleicht wurde ihm da früher sehr weh getan?«
»Ja, genau, Frau de Fries. Das ist wohl ein richtiger Ansatzpunkt. Machen wir aber weiter. Er hat dann die Leiche, also zu diesem Zeitpunkt war der Tod ganz sicher eingetreten, mit dem Rücken auf die Beine gelegt. Die Knochen standen nach vorne raus. Aber das haben wir ja gesehen, Herr Schmitt.«
»Leider.«
»Dann ging alles sehr schnell. Er schlitzte die Arme der Länge nach auf und schabte die Gesichtszüge ab. Dafür muss er ebenfalls einen bestimmten Grund gehabt haben. Keinen Sinn macht allerdings, dass er den Unterleib aufschnitt. Das erfolgte ohne Konzept, einfach kreuz und quer. Ich nehme an, dass er sich einfach noch sicher fühlte und aus Wut oder Genugtuung diese tiefen Schnitte vollführte.«
»Und die Waffe? Wir können wohl nicht annehmen, dass er allerlei Besteck dabei hatte!«
»Warum nicht? So etwas gab es schon einmal in London! Aber nein. Ich habe die Schnitte und Wunden genau vermessen. Es war ein schwerer Gegenstand aus Metall. Es war ein sehr scharfer und langer Gegenstand. Eine Seite hatte eine Art Zacken oder Sägezähne, oder wie sie das nennen wollen.«
»Ein Jagdmesser!«
»Nun, es gibt solche Messer für die Jagd. Aber die sind zu klein und zu leicht. Ich habe mich daraufhin im Waffenbereich umgesehen. Für mich kommt nur ein sogenanntes Bowiemesser in Frage.«
»Wie im Wilden Westen?«
»Ja, ja. Aber die werden auch heute noch gerne gekauft. Also das sind fast Schwerter. So ein Messer hat eine Klinge mit etwa 30 Zentimetern Länge, die bis zu sechs Millimeter stark sein kann. Dazu kommt der Griff, also die Dinger sind so um die 40 Zentimeter lang und können über ein Kilo wiegen. Die Klingen sind extrem gehärtet und extrem scharf und spitz. Viele haben am Messerrücken diese typischen Sägezähne. Für mich passt eine solche Waffe perfekt zu allen Verletzungen.
Vor allem der Schlag in den Nacken mit dem Ergebnis eines Wirbelbruches ist für mich mit einer solchen Waffe absolut nachvollziehbar. Die kann man mit voller Wucht einsetzen.«
»Und die kann man einfach so mit sich rumtragen?«
»Hannah, man merkt, dass du bei der Sitte warst. Kann man, wenn’s keiner sieht. Das ist rechtlich eine richtige Grauzone. Aber jetzt fällt es mir ein. Da war doch in der Nacht ein Einbruch in einem Outdoorladen. Der hat sich das Ding vielleicht aus dem Schaufenster geholt. Wir müssen morgen gleich dahin. Was war mit den Laborwerten?«
»Nun, wie ich vermutete. Die Werte weisen auf sehr einseitige Ernährung und Alkoholismus hin. Hohe Leberwerte, so um die 90, hoher Cholesterinspiegel an die 300, erhöhte Harnsäure und so weiter. Weitere Werte sprechen für häufige Infektionen, wie sie bei einem Leben im Freien oft auftreten. Also meine erste Annahme, dass es sich um einen ›Nichtsesshaften‹ handeln könnte, dürfte bestätigt sein. Auch an dem Zustand der Haut kann man erhebliche Mangelerscheinungen ablesen.«
»Kann man die Gesichtszüge rekonstruieren?«
»Das kann man, Frau de Fries. Sogar ziemlich zuverlässig. Das würde aber nur Sinn machen, wenn sie den Täter im Umfeld des Opfers suchen und es deswegen eindeutig identifizieren müssen. Der arme Mann hier kreuzte rein zufällig den Weg dieses Monsters. Das ist meine Meinung.«
»Können Sie uns ein Fazit mit auf den Weg geben?«
»Es ist das Werk eines Psychopathen, der sich wahllos ein Opfer sucht, ein männliches Opfer, um irgendwelche erlebte und nie verarbeitete Traumata abzureagieren und seiner Umwelt dadurch etwas mitzuteilen. Mehr kann nur ein forensisch geschulter Psychologe dazu sagen.«
»Es geht weiter?«
»Wenn so einer einmal angefangen hat, dann können Sie damit rechnen. Hier oder anderswo. Aber es wird passieren.«
»Sie haben Recht, Dr. Rosser. Es dauert oft Jahre, bis solcher Wahnsinn aus dem Täter herausbricht. Latent ist er vorher immer gefährlich. Aber wenn das erste Opfer erledigt ist, dann will er immer mehr.«
»Sie ...«
»Einige Semester Psychologie.«
»Ah. Ich verstehe.«
»Bevor ich es vergesse. Einen ganz wichtigen Aspekt haben wir noch gar nicht angesprochen. Es gibt keine verwertbaren Täterspuren. Keine fremde DNA. Ich vermute, der Täter hat Schutzkleidung und Handschuhe getragen. Da gibt es so gummierte ABC-Schutzanzüge, die man sogar über die Schuhe ziehen kann. Die können sie bei ebay bestellen. Genau so einen muss er getragen haben, weil wir auf dem Pflaster frischen Gummiabrieb gefunden haben, der mit dem Material der Anzüge vergleichbar ist. Kein Wunder, der Täter wird sich hingekniet haben, um die Tathandlungen auszuführen.«
»Das sind keine guten Nachrichten. Ich muss gleich anschließend mit dem Chef reden. Wir müssen uns wegen der Sicherheit in der Stadt gründlich Gedanken machen.«
»Da könnt ihr alles versuchen. Verhindern können wir das nicht.«
Ich widerspreche Hannah nicht.
»Das mag zutreffen. Aber wir sind Organe des Staates. Und niemand darf uns vorwerfen können, dass wir nichts getan haben. Das ist wie mit diesen Terrorgeschichten. Verhindern kannst du es letztendlich nicht. Aber wenn du untätig warst, dann rollt der Kopf!«
»Komm, wir gehen noch in das Café da vorne, ich lade dich ein. Deine Frau sieht es ja nicht.«
Und wieder sehe ich Hannah lächeln.
Als ich auf dem Parkplatz den Wagen aufsperren will, der Schlüsselsender funktioniert mal wieder nicht, fällt mir der Schlüssel aus der Hand und ich hebe ihn vom Boden auf. Als ich mich wieder aufrichten will, legt Hannah ihre Arme um mich und zieht mich kräftig zu sich hin. Bevor ich reagieren kann, ist ihr Mund auf dem meinen. Sie drückt ihre festen Lippen gegen meinen Mund und ich öffne ihn. Gierig schiebt sie ihre Zunge hinein und ich erwidere die Zärtlichkeit.
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