Alois Hitlers Herkunft und Kindheit ist von Mythen, Erfindungen und Vermutungen umgeben. Erstens, weil es kaum Quellen gibt: Wer hätte sich schon für eine kaum herausragende, weder reiche noch besonders auffällige und schon gar nicht wirklich hochrangige Person in der österreichischen Provinz interessieren sollen? Zweitens, weil Adolf Hitler, als er bekannt und mächtig wurde, alles getan hat, um seine eigene Geschichte und die seiner Eltern und Vorfahren zu verbergen oder in seinem Sinne zu drehen und so einerseits Quellen zu beseitigen und andererseits Mythen zu erzeugen. Und drittens, weil die meisten Darstellungen von Adolf Hitlers Kindheit ohne jede Ortskenntnis aus sehr weiter Distanz und vor allem ohne viel Kenntnis der damaligen Lebensweise in dem ländlich-kleinbürgerlichen Provinzmilieu ausgearbeitet sind, in welchem sich die Familie Hitler bewegte.
Tyrannische Väter und liebende Mütter sind kein Einzelfall in der Geschichte. Dass sich daraus Adolf Hitlers mörderischer und gewalttätiger politischer Weg ableiten ließe, ist nicht beweisbar. Einige Hinweise aber gibt es. Sich selbst zu überschätzen und andere Meinungen und Kenntnisse nicht gelten zu lassen, zeichnete sich schon beim Vater ab, ebenso die Neigung zur autodidaktischen Weiterbildung und zur Verachtung aller akademischen und schulischen Autoritäten. Auch der Hang zur Gewalt zeigt Parallelen, beim Vater im Erziehungsstil, beim Sohn im politischen Verhalten. In seinem Sexualleben hingegen unterschied sich der Vater ganz auffällig vom Sohn, auch wenn dieser mit ziemlicher Sicherheit nicht homosexuell war, was ihm gerade in der neuesten Literatur auffallend häufig unterstellt wird. Die ungeklärten Stellen und vorhandenen Lücken im familiären Stammbaum dürften zwar den Sohn mehr belastet haben als den Vater. Aber warum Alois Hitler im Alter von fast vierzig Jahren seinen Familiennamen von Schicklgruber auf Hitler ändern und eine Quasilegitimierung seiner unehelichen Geburt herbeiführen ließ, wirft bis heute Fragen nach dem Hergang und den Motiven auf.
Die Region, in der Alois Hitler sich Zeit seines Lebens bewegte, hat er durch viele erzwungene und freiwillige Ortswechsel in einem für damalige Verhältnisse überdurchschnittlichen Maß kennengelernt. Das beeinflusste seine Sprech- und Schreibgewohnheiten. Anders als bei den Wiener subalternen Zentralbeamten, deren Wienerisch durch das Schönbrunnerisch ihrer meist adeligen Vorgesetzten in einer häufig als herablassend empfundenen Weise verfärbt wurde, dominierte bei Alois Hitler die durch die vielen Milieuwechsel abgeschliffene regionale Mundart, der er mit hochdeutschen Floskeln, exzessivem Fremdwortgebrauch und bürokratischer Diktion einen amtlich-autoritären Ton zu geben versuchte. Seine Briefe schrieb Alois, obwohl ohne jegliche höhere Schulbildung, in einem gestelzten, mit Fachbegriffen untermischten Beamtendeutsch, in das sich immer wieder der Dialektgebrauch einschlich.
Alois Hitlers Herkunft war kleinbäuerlich, sein Status jener eines mittleren Beamten, seine Sehnsucht aber die nach einem Leben als Herrenbauer und einflussreichem Stadtbürger, nach einem Landgut, nach Pferd und Wagen und nach einem Grundbesitz, der über Bienenhütten oder den Umfang eines Kleingartens weit hinausging. Man hatte Dienstboten. Man pflegte Beziehungen zur Stadt. Die Taufpaten der Kinder nahm man aus Wien. Man machte Sommeraufenthalte im kühleren Waldviertel. Man schickte die Kinder in höhere Schulen. Was aber besonders hervorsticht: Man nahm nicht nur Anteil am politischen Geschehen, sondern suchte, es auch aktiv mitzugestalten.
Die zahlreichen Übersiedlungen hatten Alois in viele unterschiedliche Milieus gebracht: vom Waldviertel nach Wien, von dort nach Saalfelden und Salzburg, Wels, Braunau, Passau, Urfahr, Fischlham/Hafeld, Lambach und zuletzt Leonding und Linz. Sein Sohn Adolf hatte sie beginnend in Braunau mit dem Vater notgedrungen mitgemacht. Die ersten zehn oder zwanzig Jahre sind die prägenden Phasen im Leben eines Menschen: Es ist klar, dass Sprache, Ess- und Wohngewohnheiten, Umgangsformen, Bildung, Religion, Weltanschauung und sexuelle Gewohnheiten des jungen Hitler vom Elternhaus und von der Umgebung entscheidend vorgeprägt wurden. Über seine Herkunft wollte Adolf Hitler nie viel sprechen. Als Reichskanzler verbat er sich alle Veröffentlichungen darüber. Wesentliche Dokumente ließ er beschlagnahmen oder vernichten. Vieles bleibt daher ein Rätsel.
Eine Biografie ist immer ein Puzzle mit vielen Einzelteilen, aus denen die einzelnen Lebensabschnitte und die durchgehende Lebenslinie zusammengesetzt werden sollen. Doch es bleiben dazwischen nahezu unendlich viele Tage, gleichförmige und doch erlebnisreiche, über die man gar nichts weiß. Beim jungen Hitler und seinem Vater ist das in ganz besonderem Maße der Fall.
Seine Vorfahren aus dem niederösterreichischen Waldviertel rückte Adolf Hitler in ein mythisch-mystisches Dunkel: »Als ich noch ein Bub war, fand sich das ganze Gebiet meiner Heimat mit Findlingen, erratischen Blöcken, übersät. Die Bauern sind hinaus, um die Findlinge zu sprengen. Es muss das ein Gletscherauslaufgebiet sein, Moränen haben sich vorgeschoben. Das geht herüber bis nach Niederösterreich. Irgendwie macht das die Landschaft liebenswert, sympathisch.« 21 Hitler irrte zwar in seiner Einschätzung der Geologie des Landes seiner Vorfahren. Denn vergletschert war das Waldviertel auch in der Eiszeit nie. Er bediente sich hier der romantischen Märchen und Mythen vom deutschen Wald, von seinen Geistern und Hexen, seiner Unzugänglichkeit und Einsamkeit. 22 Aber das herbe und kalte Hochland hatte den dort wohnenden und arbeitenden Menschen zu jeder Zeit viel abverlangt. Dem Dunkel des Waldes entsprach die soziale Situation der Leute im Waldviertel.
Als Adolf Hitlers Großmutter Maria Anna Schicklgruber schwanger wurde, war sie vierzig Jahre alt. Der Vater des Kindes war unbekannt: Ob der Müllergeselle und herumziehende Arbeiter Johann Georg Hiedler der Kindesvater war, der sie schließlich fünf Jahre nach der Entbindung heiratete, aber seine Vaterschaft nie offiziell anerkannte, oder dessen Bruder, der Bauer Johann Nepomuk Hüttler, der den Buben schließlich zu sich nahm, weil er vielleicht der wirkliche Vater war, aber als es um eine Legitimierung ging, seinen schon lange verstorbenen Bruder vorschob, ist unsicher. Oder ob irgendjemand aus der Nachbarschaft, aus der Dienstgeberschaft oder eine der vielen Zufallsbekanntschaften infrage kommt, die man in einem Leben einfach macht, oder vielleicht doch ein Jude, wie es sich die Sensationspresse und manche politische Gegner ausdachten? Eine sichere Antwort wird nie möglich sein. 23
Uneheliche Kinder waren in Ober- und Niederösterreich so häufig, dass sie kaum Anstoß erregten. Als junge Arbeitskräfte waren sie auf den Bauernhöfen gut zu gebrauchen, auch wenn sie kaum Liebe, Anerkennung, finanzielle Abgeltung oder gar Erbansprüche erwarten konnten. Ebenso schwierig war die Situation für die ledigen Mütter, weil nicht nur manche Verwandte und ein paar Tratschtanten und Moralapostel im Dorf sich über sie den Mund zerrissen haben mögen, sondern weil auch die Kirche nicht müde wurde, in den Predigten und Beichtlehren jede Form vorehelicher Sexualität scharf zu verurteilen. Weil die Heiratschancen und Lebensbedingungen für alleinstehende Frauen mit Kindern deutlich ungünstiger waren, waren sie aus der Not heraus meist gezwungen, ihre Kinder zu Zieheltern wegzugeben. Das machte die Überlebens- und Lebenschancen für uneheliche Kinder deutlich schlechter als für eheliche. Niemand hat sich für ihr Schicksal wirklich interessiert. Und auch die Geschichtsforschung hätte sich für Alois Schicklgrubers uneheliche Herkunft nicht interessiert, wäre der Neugeborene nicht der Vater Adolf Hitlers geworden.
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