Von Zabelsdorff gab dem alten Meister die Schuld. Er tönte von Unfähigkeit und Zersetzung an der Heimatfront, von alten Knackern, die nicht vom Siegeswillen angesteckt seien und nichts von Maschinen verstünden.
Wasikowsky blieb ihm nichts schuldig, und Karl Nassmacher fühlte sich verpflichtet, seinem so ungerecht beurteilten Förderer beizuspringen.
Das brachte von Zabelsdorff erst recht in Harnisch. Von sozialistischem Gesindel war da plötzlich die Rede, von Drückebergern und Simulanten, die sich dem heldischen Kampf einer ganzen Nation zu entziehen verstanden, was er, Oberleutnant Arndt von Zabelsdorff, nicht länger hinzunehmen geneigt sei. Und ebenso wenig die Gewerkschaftsumtriebe in einem Unternehmen von nationaler und möglicherweise kriegsentscheidender Bedeutung.
Da hatte also jemand geplaudert. Vor Kutzner hatten sie ihre Parteizugehörigkeit zwar nicht direkt geheim gehalten, aber der hatte sich um derlei nie geschert. Auf der gemeinsamen Heimfahrt hatten Nassmacher und der gar nicht zu beruhigende Wasikowsky zum ersten Mal seit langer Zeit mehr als zehn Worte miteinander gewechselt. Ein Ausweg, sich dieses Ekels von Zabelsdorff zu entledigen, war ihnen nicht eingefallen.
Als Wasikowsky am nächsten Morgen nicht wie gewohnt vor der Haustür wartete, war Karl im Hinterhaus bis in den dritten Stock gestiegen, wo er auf die weinende Minna Wasikowsky traf. Ihr Mann hatte sich die ganze Nacht über unruhig herumgequält und sich immer wieder im Bett aufgerichtet, um seinen linken Arm zu massieren. Gegen Morgen war er dann plötzlich mit einem lauten Stöhnen in die Kissen zurückgesunken. Vor einer Viertelstunde hatte der Arzt den Tod festgestellt. Erschüttert stand Karl neben der Leiche des Mannes, dem er so viel verdankte, und Wut stieg in ihm auf, als er an den Verursacher dieses Unglücks dachte. Der sollte ihn kennenlernen!
Von Zabelsdorff reagierte wie erwartet auf die Todesnachricht. In seinem gläsernen Kabuff, das er sich in erhöhter Position in der Hallenmitte hatte aufbauen lassen, nahm er Nassmachers grimmigen Rapport nahezu ungerührt entgegen. «An der Heimatfront gefallen», sagte er nüchtern. «Ich habe viele Männer sterben sehen, darunter bessere als ihn.»
Am liebsten hätte ihm Karl ins Gesicht geschlagen. Doch er bezwang sich und kehrte von Zabelsdorff wortlos den Rücken.
Der rief ihn zurück. «Ich habe ein Auge auf Sie, Nassmacher!», meinte er mit einem drohenden Unterton. «Und wenn Sie glauben, dass Sie jetzt den großen Maxen spielen können, dann irren Sie sich gewaltig. Hier bin ich der Befehlshaber. Und Sie sind allenfalls ein Armierungssoldat. Einer, den ich morgen an die Front schicken kann, wenn es mir beliebt. Daran sollten Sie immer denken! Es gibt Ärzte, die einen Simulanten mal etwas gründlicher untersuchen. Und es gibt Kräfte, die sich lebhaft für politische Unruhestifter in der kriegswichtigen Industrie interessieren. Das sollten Sie niemals vergessen, Nassmacher!»
Auch das hatte Karl schweigend über sich ergehen lassen. Nur als ihn von Zabelsdorff noch einmal zurückpfiff, um ihm mit einem maliziösen Lächeln mitzuteilen, dass er künftig keinerlei Vertraulichkeiten zwischen dem offiziell nie bestätigten Vorarbeiter und den Arbeiterinnen an den Maschinen dulden würde, entgegnete Karl mit vor Wut trockener Kehle: «Fräulein Boretzki ist meine Verlobte!»
Von Zabelsdorff grinste verkniffen. «So? Das haben Sie aber bisher geheim gehalten, wie? Und Ringe tragen Sie auch nicht.»
«Bei der Arbeit an Maschinen trägt man keine Ringe», sagte Karl kalt. «Außerdem sollten doch gerade Sie den Spruch kennen: Gold gab ich für Eisen.»
Vergeblich versuchte von Zabelsdorff, seine Linke mit dem klobigen goldenen Siegelring unter der Schreibtischplatte verschwinden zu lassen. «Kümmern Sie sich um die Bleischmelze!», sagte er wütend. «Da gibt es angeblich Schwierigkeiten.»
Als er Betti in der Mittagspause von der Auseinandersetzung erzählte, wollte Karl ihr den Teil mit der Verlobung eigentlich verschweigen. Dann siegte sein gutes Herz. Betti sah ihn ungläubig an.
«Meinste det ernst?», fragte sie zweifelnd.
Karl griente. Zum ersten Mal an diesem traurigen Tag. «Gesagt ist gesagt», meinte er.
Betti fiel ihm um den Hals. «Wenn et so is, denn komm ick am 1. Mai sojar mit zu deine Dämonstruierung oder wie det heißt.»
Das war mehr, als Karl erwartet hatte.
«Eine Frau jehört an der Seite ihres Mannes», verkündete Betti hoheitsvoll.
Karl widersprach ihr nicht.
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