Die eingangs erwähnten Berufsgenossen Schlink und Zeh, die beide auf ganz andere Weise Fachgröße erlangten und die beide neben belletristischen bemerkenswerte theoretische Schriften veröffentlichen, stehen gleichsam exemplarisch für unser Jahrhundert und den Juristen, der schreibt . Dies ist allerdings nur eine Facette der Dichter mit Zivilberuf.
Schriftstellerinnen und Schriftsteller haben natürlich auch viele andere Beschäftigungen und Broterwerbe, sie sind Ärzte, Germanisten, Historiker, Philosophen und nicht selten Journalisten oder Lehrer, sodass man zum Beispiel von Ärztedichtern oder Dichterärzten sprechen könnte. Doch ist der Konnex Schreiben und Jus, wie bereits erwähnt, wegen der Relevanz der Sprache in beiden Berufen mehr als naheliegend.
In diesem Band sollen nicht nur Dichterjuristen vorgestellt werden, Literatur über sie gibt es zuhauf, sondern ebenso Autorinnen und Autoren, die neben dem Schreiben einem anderen sogenannten Zivilberuf nachgehen oder ihn einige Zeit lang ausgeübt haben. Das Phänomen der Dichterin und des Dichters, der es nicht hauptberuflich ist und seinen Unterhalt aus einer anderen Beschäftigung finanziert, tritt ohne Zweifel weltweit auf. Dieser Band beschäftigt sich sowohl mit Autorinnen und Autoren der österreichischen Literaturgeschichte als auch der Gegenwartsliteratur, die eine Zeit lang oder das ganze Leben zwischen Beruf und Berufung gestanden sind.
In Alfred de Vignys Bühnendrama „Chatterton“ 2aus dem Jahr 1835 wird das eine sogar mit der Ehefrau und das andere mit der Geliebten verglichen beziehungsweise gleichgestellt. Eine im Eigentlichen dramatische Darstellungsweise, die den Poeten, würde sie richtig sein, ein Leben lang in einen nicht zu lösenden Zielkonflikt treibt, obwohl der Schreibort eines ernsthaften Dichters nichts anderes ist als eine einzige Klosterzelle, buchstäblich eine Klause, in der eine Partnerin oder ein Partner wohl schwer Platz finden kann. Ein Zielkonflikt, vor allem aber eine große Leidenschaft, die viel bewirken und manchmal noch viel mehr zerstören kann.
Bernard Lahire bezeichnet diese Umstände als Doppelleben 3, ein Begriff, mit dem ich mich nicht anfreunden kann, weil er zu abwertend und pejorativ ist, zumal er meist mit jenem Versteckspiel einhergeht, bei dem der gebundene (Ehe)Partner seinen heimlichen Geliebten vor der Welt … verdeckt. Die Dichterinnen und Dichter, die ich meine, haben aber weder ihre Profession noch ihre Bücher vor der Welt verheimlicht. Im Gegenteil. Sie waren fast durchwegs bemüht, erfolgreich zu sein.
Der Erzdichterjurist Franz Kafka ist natürlich – wie in jeder Hinsicht – die Ausnahme. Das Schreiben war ihm wichtiger als – beispielsweise – eine Ehe mit Felice Bauer oder Dora Diamant, aber dem Erfolg seiner Bücher ist er nie und nirgends nachgeeilt oder nachgejagt. Zuletzt und bis heute war es umgekehrt: Die weltweite Anerkennung und der unvergleichbare Erfolg waren – nach seinem Tod – hinter ihm her und sind nicht aufzuhalten. Millionenauflagen seiner Bücher und Übersetzungen in alle Kultursprachen der Welt sind beredte Zeichen.
Über Franz Kafka beziehungsweise seine Werke erscheint von Österreich über die Bundesrepublik Deutschland bis Japan, das eine erstaunliche Germanistengemeinde aufweist, nahezu wöchentlich ein sekundärliterarisches Buch, was sich in der heutigen digitalen Parallelwelt 4, 5gut nachvollziehen lässt. Das soll unmissverständlich heißen, dass man – mit Disziplin und Leidenschaft – durchaus in zwei Berufen, beziehungsweise in Beruf und Berufung reüssieren kann.
Es gibt Schriftsteller mit und ohne Nebenberuf. Den Vollzeitschriftsteller, der von seiner Tätigkeit, wie es heißt, leben kann, und den Schriftsteller in seinem unsicheren ureigensten Beschäftigungsverhältnis, wobei für die Leidenschaft wohl nicht der Blick auf das Konto entscheidend ist. Allein in Österreich gibt es ungefähr viertausend Autorinnen und Autoren 6, von denen mit Gewissheit nur eine Handvoll mit dem Schreiben einen würdigen Lebensunterhalt bestreiten kann. Diese Handvoll könnte man namentlich aufzählen.
Für die anderen, die mit dem Schreiben kein finanzielles Auslangen finden können, sind eine wichtige Einnahmequelle literarische Lesungen 7und Preise 8, da die Auflagen ihrer Bücher meist nicht besonders hohe Honorare einspielen. Dazu kommt die Unart sogenannter „Bezahl-Verlage“, natürlich auch österreichischer, ein Buch nicht ohne finanzielle Eigenleistung des Autors oder den Erwerb einer gewissen Anzahl von Exemplaren durch ihn herauszubringen, wovon aber jedem ernsthaften Schriftsteller unbedingt abzuraten ist. Gute Literatur setzt sich – und das stelle ich mit Überzeugung fest – von allein durch.
Eine rechtliche und vor allem sozialrechtliche Absicherung für den „freien Schriftsteller“ mit der Zusicherung eines staatlichen Minimal- oder Mindesteinkommens wird derzeit rechtspolitisch nicht einmal in Erwägung gezogen. Thomas Bernhard beispielsweise hat jede Subventionierung eines Schriftstellers strikt abgelehnt, Preise 9hat er dennoch angenommen. Natürlich stellt sich die Frage, ob dies überhaupt eine Lösung wäre. Die erste Fragestellung ergibt sich schon bei den Kriterien für die Gewährung eines solchen gesicherten Einkommens. Viele weitere wären ebenso ungelöst.
Zur sozialen Lage der Künstler und Künstlerinnen in Österreich 10hat das Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur eine Studie in Auftrag gegeben, die die Schriftstellerinnen und Schriftsteller berücksichtigt. Eine Grundschwingung, die in verschiedenen Zusammenhängen – den Fragebögen und persönlichen Gesprächen oder Experteninterviews – immer wieder zum Ausdruck kam, war das gesellschaftliche Image von Kunst und Kunstschaffen in Österreich.
Die zeitgenössische Kunst, konstatiert der Bericht aus dem Jahr 2008, erfahre zu wenig Interesse, der Wunsch nach einer eigenständigen Kunstszene mit internationalem Profil sei zu schwach und den Kunstschaffenden werde zu wenig zugetraut. Die Wertschätzung ihrer Arbeit sei zu gering. Als zeitgenössischer Künstler habe man es schwer – und gut dürfe es einem schon gar nicht gehen. Die Untersuchung kommt zum Schluss, dass qualitätsvolle künstlerische Arbeit auf individueller Ebene einer ökonomischen Grundlage und sozialen Absicherung bedürfe, um eine Kontinuität des Arbeitens herstellen zu können, die wiederum wesentliche Voraussetzung der künstlerischen Entwicklung sei. 11
An dieser Stelle sei erwähnt, dass die Literaturen der österreichischen Volksgruppen, so der Kärntner Slowenen und burgenländischen Kroaten, die ein wesentlicher Teil der österreichischen Dichtkunst sind, bis heute keinen einzigen freischaffenden Autor hervorgebracht haben, obwohl die Kärntner slowenische auf den Lyriker Gustav Januš 12und den Prosaisten Florjan Lipuš 13verweisen kann, die beide von Peter Handke ins Deutsche übersetzt wurden. Vielleicht ist darin ein unbewusster Beweggrund jüngerer Kärntner slowenischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller zu sehen, dass sie zweisprachig, auf Deutsch und Slowenisch, veröffentlichen. Aufgrund einer im Jahr 1990 erschienenen Lyrikanthologie 14, die vom Verlag hervorragend ediert und vom Herausgeber außergewöhnlich gestaltet wurde, kann man feststellen, dass die österreichischen Volksgruppen bereits vor mehr als zwei Jahrzehnten auf insgesamt neununddreißig – darunter nicht wenige namhafte – Lyrikerinnen und Lyriker verweisen konnten. Der Herausgeber hat in vorbildlicher Weise Autorinnen und Autoren der burgenländischen Kroaten und Ungarn, Jenischen, Juden, Kärntner Slowenen, Roma und Tschechen berücksichtigt. Eine aktuelle Bestandsaufnahme dieser Art wäre nicht weniger aufschlussreich.
Die Kärntner slowenische Literatur des zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhunderts schreiben achtzig Autorinnen und Autoren 15, die in fast allen Fällen zumindest eine eigenständige Buchpublikation vorweisen können, einzelne Schriftsteller haben mehr als dreißig Bücher veröffentlicht.
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