Freeman brach als Erster die Stille im Untersuchungsraum.
»Doktor, Major, Sir, ich war an jenem Tag ein schlechter Schütze. Ich zielte auf einen Mann und erlegte ein Maultier.«
»Ich verstehe« , entgegnete Still, der jetzt zu Boden sah, mit tief tönender, ernster Stimme. Nun wurde klar, weshalb der Patient so zurückhaltend gewesen war. Nach einer langen Pause hob der Doktor erneut den Blick. »Das waren schlimme Zeiten. Bruder gegen Bruder, Nachbar gegen Nachbar. Aber aus irgendwelchen höheren Gründen hat es wohl so sein müssen. Wir alle haben getan, was wir tun mussten. Hinter Ihrer mangelnden Zielgenauigkeit in jenem Moment steckte vermutlich eine höhere Absicht, meinen Sie nicht auch? Lassen Sie uns nun Ihr Bein ansehen.«
Still begann, Oberschenkel und Bein seines Patienten zu betrachten, dann piekte er, befühlte die Oberfläche, und bewegte das Glied hin und her. Während er arbeitete sagte er »Ich glaube, ich kann mich an ein paar Freemans in der Gegend um Brycyrus erinnern. Gehören die zu Ihrer Familie?«
»Ja Sir, das sind wir.«
»Sagen Sie, was macht Ihr Bruder, Charles?«
»Meine beiden Brüder wurden im Krieg getötet.«
»Und wie geht es Ihrer Frau?«
»Sie ist auch gestorben. An Meningitis.«
Still nahm nachdenklich Anteil »Ja, ich verlor 1859 meine Frau – zwei Monate nach der Geburt unseres letzten Kindes. Die Meningitis nahm uns damals alle Kinder bis auf eines. Das Leben in der Prärie kann sehr hart sein, nicht wahr? Aber wir müssen weitermachen.«
Ein wissendes, mitfühlendes Schweigen erfüllte den Raum.
»Nun gehen Sie bitte ein wenig umher; ich glaube, ich kann sehen, womit wir bei Ihnen anfangen. Sie wissen, dass das schon viele Jahre da ist; dennoch sehe ich etwas, woran wir arbeiten können. «
Während der Doktor das Bein und die Hüfte des Patienten in verschiedene Positionen bewegte, fuhr er fort »Wo wohnen Sie denn? Ich sage, dass es gewöhnlich eine Woche Behandlung braucht, um ein Jahr der Erkrankung aufzuholen. In Ihrem Falle können wir aber sicher schneller Erfolge erzielen, weil Sie in ziemlich guter Verfassung sind. Sie werden dreimal wöchentlich behandelt, entweder von einem Mitarbeiter oder von mir selbst. Alle sind Absolventen meiner Schule und hervorragende Behandler.
Sie können in die Schule hinübergehen, wenn sie möchten. In den Pensionen gibt es Badezimmer, natürlich mit heißem Wasser und gutem Essen. Wenn Sie über die Konditionen reden möchten, sprechen Sie mit meinem Sohn Charles. Die Schwester, die Sie begleitet hat, gibt Ihnen eine Übersicht der Bestimmungen dieses Krankenhauses. Doch das Wichtigste ist: Versuchen Sie, Ihre Fragen im Sprechzimmer zu klären. Sollten wir uns in der Stadt über den Weg laufen, kennen wir uns nicht. Da jeder anders ist, sprechen Sie bitte nicht mit anderen Patienten über Ihre Behandlung. Jeder Mann und jede Frau befindet sich auf einem eigenen Weg. Verstehen Sie? Haben Sie noch Fragen?«
»Nein, Major, Doktor, die ›Sprech‹-Stunde hat mir sehr geholfen; die Wunde beginnt bereits zu verheilen.«
Die beiden Männer sahen sich in die Augen und umarmten sich.
»Denken Sie daran, John« , sagte Still in seinem leisen, sanften, ernsten Tonfall, »die Vergangenheit ist das eine; im Hier und Jetzt und im Jenseits werden wir immer Brüder sein. Nur der Allmächtige weiß, warum diese Dinge auf der Erde geschehen. Ich hege keinerlei Groll.«
Dr. Still ging zur Tür, Freeman wandte sich um, um sich anzuziehen, doch als er Still nachschaute, bemerkte er dessen Gehstock.
Der »Alte Doktor« fuhr damit fort, eine Reihe von Patienten zu untersuchen, die ihm wahlweise von seinen Mitarbeitern in der Schule gesandt worden waren. Schließlich, nach getaner Arbeit, ging Still über die Veranda hinaus in die späte Morgensonne. Er setzte sich auf eine Bank in der Nähe und rief sich – immer noch in Gedanken an die Konversation mit John Freeman – den Ausgang der Schlacht am Little Blue ins Gedächtnis.
Nachdem sie sich wieder gesammelt hatte, ritt die von ihm aufgestellte Kompanie der sich zurückziehenden feindlichen Armee hinterher. Doch sie griffen nicht an. Am nächsten Tag setzten sie die Verfolgungsjagd fort, um Land zurückzugewinnen und Abstand zwischen die Streitmacht der Konföderierten und die Siedlungen in Kansas zu bringen. Dann brachen sie die Verfolgung ab. Den Nachzüglern der Konföderierten wurde erlaubt, ihre Toten zu begraben. Dabei kamen 140 Konföderierte unter die Friedensfahne.
»Hunger?« , witzelte Still, als die Männer mit vorgehaltener Waffe zu ihm gebracht wurden.
»Fast nichts mehr da, Major« , antwortete ein Sprecher der rauen Truppe.
»Hört zu« , sagte Still ernst vom Rücken eines Pferdes herunter, »und unterbrecht mich nicht. Der Krieg ist etwas Schreckliches. Was uns treibt, ist teils die Loyalität unserer Familie gegenüber und die Vorstellung, dass die Dinge schon seit wir denken können so waren, und teils der Hunger und das Bestreben, denen zu folgen, die unser politisches Geschehen lenken. In jedem Falle ist es nicht unser innigstes Ziel, unseren Bruder zu töten oder unseren Nachbarn. Und doch tun wir es, verblendet von diesen anderen Gegebenheiten. Ich weiß, dass ihr Konföderierten eine Menge Brüder unserer Union umgebracht habt, obgleich sie die weiße Flagge gehisst hatten. Macht es Spaß, auf diese Weise zu töten?
Mit diesem Gedanken im Hinterkopf wollte ich euch heute erschießen, als ich euch kommen sah, und vielleicht sollte ich es auch tun … euch mit Kaffee und warmem Essen erschießen, um euren Kummer in Freude zu wandeln. Nun verschwindet und schleppt eure schmutzigen Gerippe zum Versorgungslager und langt tüchtig zu.«
Zusammengezogene Augenbrauen machten in den Gesichtern der verzweifelten Männer erleichtertem Lächeln Platz.
Am nächsten Tag folgten sie den Truppen von Price und sahen die Staubwolke ostwärts ziehen. Sie verfolgten sie etwa 90 Meilen bis über die Grenze zwischen Missouri und Kansas.
Bald erhielt Still den Befehl, die auf Zeit verpflichteten Freiwilligen unabhängig von ihrem Zustand aus seiner Kompanie zu entlassen und sie zu ihrer wohlverdienten Pause nach Hause zu schicken, damit sie wieder zu ihren Familien kämen. An der Grenze tobte der Krieg und die Verhältnisse waren schrecklich. Die Belastung für die Familien war auch ohne Krieg schon enorm. Vorwärtsgetrieben ohne Atempause, mit der Gefahr von Desertion und Demoralisierung im Nacken, wurden die Soldaten zu jener harten Bande geschmiedet, die sie nun eben waren. Mochte auch die eine Seite für die Union kämpfen: Beide Seiten fochten doch für das gleiche Ziel – Freiheit!
Drew setzte den Entlassungsbefehl um – allerdings in seiner ganz typischen Art. Er versammelte die Kompanie und forderte sie heraus:
»Ich möchte wie gesagt nicht, dass irgendeiner von euch den anstrengenden Marsch, der vor uns liegt, auf sich nimmt und sich weiter in diesen schrecklichen Konflikt begibt, wenn er dem nicht gewachsen ist. Sollte irgendjemand zu krank, zu zaghaft oder zu schwach sein, sich uns anzuschließen oder sich aus irgendeinem anderen Grunde nicht in der Lage fühlen, die Härte und die Gefahr zu ertragen, muss er nicht mitkommen. Aber all jene, die sich bereit erklären, mit mir durch jede Strapaze oder Gefahr zu gehen, treten sechs Schritte vor.
Na, wie viele von euch folgen mir? Wie viele haben den Ehrgeiz, die Entschlossenheit, die Sache durchzuziehen?«
Darauf folgte ein Moment der Stille und der Besinnung. Viele neigten ihre Köpfe und durchforschten ihre Seelen. Bilder von ihren Familien stiegen in ihnen auf, die Angst vor erneuter Verwundung und Erschöpfung, Hunger – das Grausen vor weiterem Töten – viele schreckten davor zurück.
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