Die mittlerweile üblich gewordene stereotype Sicht auf Still als klugen, aber eigensinnigen und kaum gebildeten, hinterwäldlerischen Exzentriker beleidigt nach Meinung des Autors den Mann und wird zudem seinem Genius nicht gerecht. Das vorliegende Buch wurde nicht geschrieben, um Still zu idealisieren. Es ist vielmehr ein Versuch, ihn in seinen wahren historischen und intellektuellen Kontext zu stellen als einen einfühlsamen Menschen, der auf profunde und positive Weise an der Vervollkommnung der westlichen medizinischen Kultur mitgewirkt hat.
Die Absicht war nicht, ein Monument für einen toten Mann zu errichten, sondern Stills Leben so zu porträtieren, dass junge Träumer, Denker und Reformer durch seine kühnen Gedanken angespornt werden, Ideen und Bemühungen weiterzuentwickeln als Teil einer lebendigen Tradition des Mitgefühls, des Wagemuts und der Experimentierfreudigkeit in dem Streben, herauszufinden, wer wir wirklich sind. Jene, denen Still den wertvollen Schatz seines originalen Gedankenguts als Erbe hinterlassen hat, haben die Chance, diese Gedanken weiterzutragen, indem sie anerkennen, welch enormer menschlicher Einsatz an deren Anfängen stand.
Gesundheit ist kein Absolutum, sondern ein dynamischer Prozess. Gesundheitsfürsorge als kulturelle Leistung ist ebenso dynamisch. Teile dieser Dynamik in der Medizin und Osteopathie werden durch Leidenschaft angetrieben. Wissenschaft bedeutet in der Osteopathie demnach Wissen, verflochten mit der Sehnsucht des menschlichen Geistes. Und all das stellt sich im Zusammenhang der individuellen Persönlichkeiten und der einzelnen menschlichen Beziehungen heraus.
Still war, so wie wir heute, eingebettet in einen historischen Kontext, der ihn zwang, seine tiefsten Erfahrungen in der Sprache seiner Zeit zu formulieren. Aber das, was zum Ausdruck gebracht wird, ist niemals die Erfahrung selbst. Er verwendete die reichhaltigste Sprache – Göttlicher Verstand, Philosophie, Körper-Geist-Seele, der Mensch als Maschine, Biogen – in dem Versuch, die gesamte Bandbreite seiner persönlichen Erfahrungen zu erfassen. Wie flüssiges Glas beim Abkühlen erstarrt, so werden jedoch auch die Einsichten und phänomenologischen Abenteuer eines aktiven Geistes fixiert oder eingeschränkt, sobald sie zum Ausdruck kommen. Während seines ganzen Lebens lebte Still wie auch jeder andere Autor oder Lehrer in diesem Spannungsfeld. In Stills Fall wurde dieser Zwiespalt verstärkt durch den Kampf, den es kostete, Stills Ideen zu einer großen internationalen Institution zu entwickeln. Eben jene Spannung im Leben eines großen Humanisten, eines Genies und Denkers herauszuarbeiten und den von ihm gegründeten Beruf darzustellen, versucht dieser in Form einer Fiktion vorliegende Bericht.
Als sich das Projekt entwickelte, musste ich mich vor meinem Gewissen mit dem Problem der Einbeziehung eigener Gesinnungen und Erfahrungen auseinandersetzen. So ein Einbeziehen lässt sich beim Schreiben kaum vermeiden, auch wenn es sich um eine historische Fiktion handelt. Mir wurde klar, dass ich durch all die Jahre meines bewussten Lebens Stills Streben in seiner mystischen Annäherung an die Welt der Natur teilte. Und ich erkannte, dass ich bereits vor 25 Jahren, als ich während meiner ersten Studienzeit seine Autobiographie las, mit Still in Verbindung getreten bin, und dieses Forschen und feinsinnige Wahrnehmen inzwischen in meine klinische Praxis übernommen habe.
Ich sah, dass meine Erfahrungen denen von Still sehr ähnelten. Meine »Interpretation« ist demnach eher Teil einer Vereinigung als eine Projektion. In den Epilog ist das eingeflossen, was ich vor vielen Jahren in einer knackig kalten Oktobernacht beim Lesen von Stills Research and Practice 1 auf einem Berggipfel in West Virginia erlebt habe.
Nun, mein Freund, die Arbeit ist, was sie ist. Ich hoffe, sie hilft, allen interessierten Osteopathen ein besseres Verständnis für die Position zu vermitteln, die wir alle im Grunde teilen. Für den Leser, der noch nichts über den osteopathischen Ansatz in der Medizin weiß, hoffe ich, dass das vorliegende Werk seine Neugierde weckt.
Zachary Comeuax
27. 9. 2007
Die Morgensonne spiegelte sich auf dem handpolierten Knauf von John Freemans Gehstock, als er die Harrison Street in Kirksville, Missouri, entlanghumpelte. Die Stadt pulsierte voller Leben und der Kutschverkehr an diesem Morgen war beachtlich. Es war der 2. Mai 1899, ein Dienstag. Unruhig und voller Erwartung schob Freeman seinen Mantel zur Seite und zog eine Taschenuhr aus seiner Hosentasche. 9 : 18 Uhr. Auf dem Terminzettel, den er aus seiner Hemdtasche gezogen hatte, stand 10 : 00 Uhr. Ganz oben auf dem Zettel war Krankenhaus der A. S. O. zu lesen. Endlich hatte er einen längst überfälligen Termin mit Andrew Still in dessen American School of Osteopathy .
Zu stolz, um die Farm im fernen Kansas aufzugeben, war Freeman nun sehr auf seine Familie angewiesen, die das Vieh fütterte und die Saat ausbrachte. Die Arbeit war für jeden schwer; es musste sich etwas ändern, und so war er gezwungen, seinen Stolz zu überwinden und hierherzukommen. Sein hinkender Gang sprach Bände über seine Rücken- und Hüftschmerzen.
Aufgewühlt von einem Wirbel aus Emotionen wartete er auf die Begegnung mit dem »Alten Doktor«, wie man Still nannte. Prophet, Wunderheiler, fanatischer Irrer – auch das waren Etiketten, die man ihm anhängte. Die Prediger zu Hause hatten, als sie von Freemans geplanter Reise hörten, versucht, ihm das Treffen mit dem »Diener des Teufels« auszureden.
Für John erschien die Lage hoffnungslos. Aber andere, die es müde waren, ihn die Schmerzen des lahmen Beines ertragen zu sehen, seine Verzweiflung, den Niedergang der Farm und das jahrelange vergebliche Herumdoktern mit Opium und »Fusel« hatten ihn ermutigt, Stills Hilfe zu suchen. John selbst hatte, was diesen Einfall betraf, so seine Bedenken, aber nun war er schließlich da. Ja, er war verzweifelt, aber – durfte er noch einmal hoffen? Wie tausend anderen schien auch ihm die Osteopathie diese letzte Hoffnung zu sein. Doch die alte Beinverletzung barg eine noch größere Belastung als nur die Schmerzen und das Hinken. Jene tiefere Wunde schwärte sogar noch nach all den Jahren. Würde Still diesen geheimen Teil bei seiner Befundaufnahme erkennen? Diese Frage und eine Art Scham nagten an Johns Gewissen.
Beklommen bewegte sich Freeman auf das Krankenhaus zu. Es schien beeindruckender als die meisten angrenzenden Gebäude. Als er näher kam, fühlte sich der eingefasste Schotter unter seinen Füßen ungewohnt an und seine ebenmäßige Oberfläche erleichterte das Gehen ungemein. Jemand wusste, was er tat, als er diesen Ort gestaltet hat, dachte Freeman. Zu Hause bestand seine Welt aus Wagenradfurchen in einer mit Erdhörnchenlöchern gespickten Prärie. Betrat er nun eine neue Welt?
Drinnen schufen die frisch geölten Holvertäfelungen und die großen Fenster eine Aura von Helligkeit und Frische – trotz der Anwesenheit von so viel Krankheit. Strom und fließend heißes und kaltes Wasser in allen Zimmern erschienen Freeman als ein Gipfel an Modernität. Seine Stimmung hob sich ein wenig, während er durch die Eingangshalle ging.
Familien auf Wartebänken, Patienten auf dem Weg zu ihren Zimmern oder in Rollstühlen sitzend – die Gründe für ihr Hiersein waren offensichtlich. Es ging sehr geschäftig zu, obwohl viele wie Freeman sowohl Zweifel als auch Hoffnung in sich trugen. Die etablierte Medizin war immer noch auf einem sehr primitiven Stand. Das Mikroskop wurde zwar allgemein genutzt, doch Diagnosen erstellte man anhand äußerlicher Symptome.
Herkömmliche Medikamente waren rar und nur wenig weiter entwickelt als die Kräuterheilkunde. Nach dem Bürgerkrieg gab es viele Verluste und Behinderungen. Morphium schien man dem Opium vorzuziehen. Es führte jedoch ebenfalls zu Abhängigkeit und versklavte viele, die die Versklavung ihrer Mitbrüder bekämpft hatten. Die Medizin machte reiche Versprechungen, brachte aber nur spärliche Tröstungen – und groß war die Zahl der Patienten, die unter dem Chirurgenmesser starben.
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