Religiöser Eifer ließ den Wirbelsturm an weltanschaulichen Ideologien und politischen Überzeugungen noch stärker aufbrausen. Prediger wie John Brown und Henry Ward Beecher stachelten die Minderheit der Sklavereigegner zu einem wahren Kreuzzug an. Beecher predigte sogar das Anlegen von Waffenlagern, die man Beecher-Bibeln nannte. Brown brachte Verwandte und Nachbarn ins Spiel, die wie Kämpfer bewaffnet waren.
Mit seinem Streben nach höheren Werten, zu denen auch Freiheit für alle Geschöpfe Gottes gehörte, trat Still in die Fußstapfen seines Vaters Abraham Still, eines umherziehenden Methodistenpredigers, der sich mit seinen Überzeugungen bei den meisten Methodisten nicht gerade beliebt gemacht hatte. Die Familie war daher sicherheitshalber nach Baldwin, Kansas, eine Gemeinde Gleichgesinnter, umgezogen. Allerdings war die Sicherheit auch dort nur relativ. Missouri und Kansas wurden zu einem Schachbrett nationalpolitischer Interessen.
Leidenschaften und Fanatismus brodelten auf beiden Seiten, denn alle Grenzland-Siedler waren Menschen von starkem Charakter, ausdauernd und voller Visionen. William Clarke Quantrell, der die Meinung der Mehrheit in Kansas vertrat, startete einen Feldzug und brandschatzte und plünderte im August 1855 die Freistaatengemeinde von Lawrence, nördlich und östlich von Baldwin. Brown organisierte einen Gegenschlag durch seine Gefolgsleute und metzelte Familien der Sklavereibefürworter am Pottawatomie Creek nieder, schleppte die unbewaffneten Bewohner in die Nacht hinaus und quälte sie brutal mit Kavallerieschwertern.
So waren die Zeiten damals. Die Wunden verheilten nur langsam und nicht Wenige verbrachten jahrelang ihre Nächte in Höllenqual, unfähig, die entsetzlichen Bilder der Vergangenheit mit denen zu teilen, die neben ihnen lagen.
Noch immer durchforschten beide, Still und Freeman, das Gesicht des jeweils anderen und stießen dort auf die disziplinierte Kälte unterdrückter Erinnerung.
Still war Hauptmann und Wundarztassistent. Seine Einheit aus Freiwilligen, wenngleich nur Begegnungen mit ähnlich kleinen Truppen gewohnt, bedrängte erfolgreich die Übermacht des unmittelbar vor ihr stehenden Feindes, fand sich jedoch im Eifer des Gefechts plötzlich jenseits der Frontlinien der sich zurückziehenden Konföderierten wieder – abgeschnitten von der Union Force.
Der Kampf tobte heftig, aber Drew – so hieß Still zu Hause – und sein Maultier tricksten die Kugeln aus. Einige Patronen durchlöcherten zwar Stills Mantel, er selbst blieb jedoch unverletzt. Doch dann, war es nun Rücksichtnahme, Zufall oder Ungeschick, erschoss der Gegner statt Drew dessen Maultier, das im Niederfallen aber seinen Besitzer unter sich begrub. Verkrampft und benommen vor Schmerz lag Drew eine Weile reglos. Im wurde klar, dass er sich nicht mehr verteidigen konnte. Die Kameraden hatten ihn als vermeintlich Toten zurückgelassen – und nun erwartete ihn wohl der Tod. Nur nicht bewegen jetzt! Das war seine einzige Chance, Klinge oder Kugel des Feindes zu entgehen. Langsam glitt sein Geist aus diesem Zustand von Schock und verzweifeltem Zaudern in zeitlose Bewusstlosigkeit hinüber.
»Alles wird gut, komm einfach nur nach Hause …« , flüsterte eine sanfte Stimme in die Stille seiner Seele.
»Mary?«
Der Geist seiner verstorbenen Frau schien ihn zu trösten.
Drew, immer noch betäubt und reglos in der hereinbrechenden Dämmerung liegend, fragte sich, warum. Die knatternden Schüsse und der Gestank von Schießpulver, Dreck, Schweiß und Blut durchdrangen seine Sinne in einem Wirbel eingetrübten Bewusstseins. Das enorme Gewicht des Maultiers drückte ihn zu Boden, während ein heißes Brennen wie Feuer sein rechtes Bein hinunterkroch. Als der Kugelhagel ein wenig nachließ, begann er, sich zu sammeln.
»Bin ich erschossen worden? Wer hat gesiegt?« , fragte er sich. Doch es wurde ihm klar, dass es, solange er lag, keine sicheren Antworten gab.
Drückende Stille hatte sich über die Lichtung gebreitet. »Drew, steh auf, rette dich! Du hast noch einiges zu vollbringen.« Wieder weckte eine vertraute Stimme den todesmüden Mann, doch als er sich umschaute, sah er niemanden. War es wirklich seine Frau, die da sprach? Seine liebe, verstorbene? War es Mary? Aber nein, natürlich nicht! Hatte ihn die Todesangst verrückt werden lassen? Und doch: Die Stimme schien so klar, so nah. Während Drew weiter lauschte, öffnete sich sein Blick und ließ das grauenvolle Bild ein, das sich ihm ringsum bot. Sterbende, wohin man auch sah. Ihr Ächzen und Stöhnen ersetzte nun das Pfeifen und Knattern der Gewehrsalven. Allmählich wich der Schlachtenrauch dem milden Dunst der Dämmerung. Die Nacht zog herauf. Ihr Atem machte Drew seine missliche Lage bewusst und weckte seinen Überlebenswillen. Höchste Zeit, zu handeln! Er vernahm die Stimme seines Vaters: »Du musst dich jetzt um dich selbst kümmern, mein Junge.« Zum Glück war Drew auf dem schlammigen Feld unter der weichen Flanke des Maultiers eingeklemmt und konnte so nach langem Bemühen erst seine Schultern und dann Brust, Becken und Beine unter dem erschlafften Tier hervorziehen.
Als er sich mühsam hochrappelte, wurde er seiner Verletzungen gewahr. Glücklicherweise hatte er nur Prellungen und keine Knochenbrüche oder Schusswunden erlitten. Ein dumpfer Schmerz in der Leistengegend sollte sich allerdings später als schwerer Leistenbruch herausstellen, der ihn für den Rest seines Lebens quälen würde. Zwar hatte seine Truppe Price zum Rückzug gebracht, doch hüben und drüben hatten viele ihren Einsatz mit einem hohen Preis bezahlen müssen und waren nicht wie er glücklich mit einem zerschossenen Mantel davongekommen. Unter den Nachbarn, die Drew auf beiden Seiten der Front wiedererkannte, war jedenfalls keiner, dem seine Hilfe noch etwas genützt hätte.
Es war weniger Zeit verstrichen, als er gedachte hatte. Seine Männer erwarteten einen Befehl. Er rief nach dem Trompeter, um die Truppen in geschlossene Reihen zu sammeln, bestieg eines der erbeuteten Pferde und folgte mit seinen Leuten der zurückweichenden feindlichen Armee, ohne jedoch einen erneuten Angriff zu forcieren. Am folgenden Morgen setzten sie die Verfolgung fort und es kam über den Tag hinweg zu kleineren Scharmützeln. Schließlich ließ man den Feind entkommen.
Als Freeman nun auf dem Untersuchungstisch des Krankenhauses saß, musste auch er an diesen Tag denken. Er und seine Nachbarn hatten mit Quantrell und den Konföderierten sympathisiert. Die meisten waren gen Westen in Richtung Freiheit gezogen, eine Freiheit, die ihnen von den Gründervätern des Landes versprochen worden war. Doch die Regierung im Osten schien gespalten zu sein. Teilweise traten die Argumente für eine Unterdrückung der Schwarzen vor staatsrechtlichen Belangen in den Hintergrund. In Illinois rief Stephen Douglas: »Lasst das Volk entscheiden!« Und nirgends war die Spannungen in Bezug auf das Thema Sklaverei stärker zu spüren als in Kansas. Sklavereigegner wurden als Fanatiker betrachtet, als eine Bedrohung etablierter Zustände, die es zu verteidigen galt, und ihr Feuer ließ sich durch nichts anderes löschen als durch Pulver und Blei.
John Freeman spann seinen Gedankenfaden weiter, während Stills Blick und der seine nach wie vor ineinanderruhten. An jenem Tag im Mai hatten Freeman und zwei seiner Brüder unter Quantrell in einer Division der Armee von General Shelby und Price in Westport auf der Missouri-Seite gekämpft und waren auf beachtlichen Widerstand seitens der Union und der gemischten Bürgerwehr gestoßen. Am Nachmittag hatten sie beschlossen, dem Feind zunächst auszuweichen und ihn dann an der Kampflinie zwischen Westport und Little Blue Creek aus einem Erlendickicht heraus zu attackieren.
Zeitweise hatte er in den feindlichen Reihen sogar Nachbarn erkennen können, die im Grunde ebenso für Freiheit fochten wie sie selbst. Alle kämpften sie gleichermaßen um ihr Leben und feuerten im Eifer des Gefechts einfach drauflos. Dann, plötzlich, hatte er die berittene Gestalt von Drew Still, dem anerkannten Arzt aus Baldwin, im Visier. Der überraschende Anblick bracht in ins Schwanken. Schießen oder nicht? Verwirrt zögerte er mit dem Finger am Abzug, ohne wirklich zu zielen. Dann hörte er doch seinen Schuss krachen und sah Maultier und Reiter fallen. Alles geschah blitzschnell. Durch den Gewehrrauch blies irgendwann die Trompete zum Rückzug und sie zogen mit der Armee von General Price weiter Richtung Osten. Noch lange nach Kriegsende quälten ihn Gedanken über die Folgen jenes Schusses. Irgendwie brachte ihm dieser Vorfall immer wieder das ganze Grauen des Krieges zu Bewusstsein und störte seinen Schlaf.
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