Es war Zeit, sich für die Jagd umzuziehen. Gisela Florschütz ging zu ihren Kleiderschränken, um zu sehen, ob ihr der alte Lodenmantel noch passte.
Von Pirna ins Kirnitzschtal brauchte man mit einem Kraftfahrzeug kaum mehr als eine halbe Stunde, und da die sechsköpfige Jagdgesellschaft über einen Audi Typ K und einen Mercedes-Benz Viano verfügte, war das Ganze kein Problem. Auf die Minute pünktlich hielten sie vor dem Forsthaus: der Hotelier und Gastwirt Gerhard Pöhlau, der Gymnasialdirektor Ludwig Hölzel, der DNVP-Politiker Heinrich Nobitz, der Apotheker Meinhard Müschen und Dr. Florschütz mit seiner Frau Gisela. Oberförster Anton Scharrach hatte sich schon am Straßenrand aufgestellt, um sie in Empfang zu nehmen.
«Waidmannsheil, die Dame, die Herren!», rief er und fuhr mit der rechten Handkante hoch zum Hut.
Dr. Florschütz lachte beim Aussteigen. «Noch danken wir nicht, noch haben wir ja nichts geschossen.»
Das Wetter war nicht berauschend, vorwiegend war es wolkig, nur ab und an kam die Sonne hervor – wenigstens aber gab es keinen Regen. Hölzel hatte sein Jagdhorn mitgebracht und blies ein Stück von Karl Stiegler. Daraufhin kam die Frau des Oberförsters und reichte allen eine kleine Erfrischung.
«Ah, da ist unser Zielwasser!», merkte Heinrich Nobitz an. Auch Gerhard Pöhlau war in heiterer Stimmung ins Kirnitzschtal gekommen und begrüßte Gisela Florschütz mit einem Handkuss. «We are pleased to welcome the daughter of the U.S. president in our hunting party.»
«Wieso sollte meine Frau die Tochter des amerikanischen Präsidenten sein?», fragte Dr. Florschütz.
«Na, sie ist doch eine geborene Culitzsch!» John Calvin Coolidge, Jr. war im letzten Jahr der dreißigste Präsident der USA geworden.
Fröhlich und beschwingt machte sich die Jagdgesellschaft auf den Weg ins Revier der Wildhühner. Auf breiteren Wegen ging man plaudernd nebeneinander, auf schmalen Pfaden sicherheitshalber hintereinander. Es gab Felder und Wiesen im steten Wechsel, und ab und an kreuzte man ein stilles Wäldchen. Fliegenpilze leuchteten rot aus dem Gras, Schmetterlinge aller Farben und Arten erfreuten Auge und Sinne, es roch immer wieder nach frisch gemähtem Gras. Es war eine Idylle, wie sie im Buche stand.
Langsam näherten sie sich dem Gebiet, das viel Wildgeflügel versprach. An der Spitze der Gruppe – an der Tete, wie man es nannte – ging Meinhard Müschen, der die Namen aller Pflanzen kannte und die anderen gern belehrte. Ihm folgten Ludwig Hölzel, Gerhard Pöhlau und Heinrich Nobitz. Die letzten drei waren Gisela Florschütz, der Sanitätsrat und der Oberförster, der gern alles im Auge hatte.
Plötzlich krachte ein Schuss. Und ein zweiter. Nahezu zeitgleich mit dem ersten.
Als Heinrich Nobitz herumfuhr, sah er Gisela Florschütz zu Boden sinken.
«Der Sanitätsrat hat seine Frau erschossen!», rief der Oberförster.
«Ich bin auf meine Schnürsenkel getreten», stammelte Dr. Florschütz. «Die sind offen … Ich bin gestolpert … Und da muss sich versehentlich der Schuss gelöst haben.»
Der Apotheker hatte sich neben Gisela Florschütz gekniet. «Mein Gott, sie stirbt!»
AM MORGEN DES 7. SEPTEMBER schob Konrad Katzmann sein Motorrad vor sich her. Die Glocken von Lockwitz läuteten dazu, wenn auch nicht seinetwegen, denn es war ein Sonntagmorgen. Katzmann, Dresdner Korrespondent der Leipziger Volkszeitung. war unterwegs nach Pirna, weil ihn sein Redakteur gebeten hatte, über den mysteriösen Jagdunfall im Kirnitzschtal zu berichten, dem die Gattin des Sanitätsrates Dr. Florschütz zum Opfer gefallen war.
Katzmann fluchte und schwitzte, denn er schob immerhin das größte von der NSU bis dato gebaute Motorrad, ein Schwergewicht mit 8 PS und 1000 Kubikzentimeter Hubraum. Es verfügte über einen Beiwagen mit Phaetonkarosse, und in dem saß und bellte Harry, ein Terrier, den er vor Jahren aus der Elbe gerettet hatte und der ihn seitdem begleitete.
Katzmann hätte auch ohne diese Panne schlechte Laune gehabt, denn aus ideologischen Gründen hatte er etwas gegen Jäger. Bis ins Mittelalter war die Jagd immer mehr zum Privileg des Adels sowie staatlicher und kirchlicher Würdenträger geworden, und auch in der Weimarer Republik war sie nahezu ausschließlich den oberen Zehntausend vorbehalten – für das gemeine Volk blieb der Kammerjäger. Dazu fiel ihm Der Freischütz ein. Katzmann hatte die Oper zweimal gesehen und konnte sich noch an vieles erinnern: Der Landesfürst und sein Gefolge erschienen auf der Bühne, um dem Probeschuss des Kandidaten für die Erbförsterei beizuwohnen. Der Chor besang die Freuden der Jagd: Was gleicht wohl auf Erden dem Jägervergnügen? Der Landesfürst forderte den Jägerburschen Max auf, den Probeschuss abzulegen und eine Taube vom Baum zu schießen. Max legte an, zielte und drückte ab. Seine Agathe, die genau zu diesem Zeitpunkt mit ihren Brautjungfern das Gelände erreicht hatte, fiel – scheinbar getroffen – zu Boden. Schaut, o schaut, er traf die eigne Braut!
Es gab durchaus eine gewisse Parallele zum vorliegenden Jagdunfall, aber Dr. Florschütz war im Gegensatz zu Max ein gemachter Mann, und so sang Katzmann im Opernstil: «Das mit dem Probeschuss ist absoluter Stuss!» Harry empfand den Gesang seines Herrchens als widerliches Gejaule und begann, heftig zu bellen.
Nach ein paar hundert Metern erreichten sie eine Tankstelle, und einer der jungen Männer dort verstand einiges von Motorrädern.
«Ich bin selbst Rennen gefahren, auf dem Marienberger Dreieck sogar, zuletzt am 9. September 1923. Der Start und das Ziel waren auf der Heinzebank. Die Strecke ging hinunter nach Geringswalde, dann über Wolkenstein hinauf nach Marienberg und von da wieder zurück zur Heinzebank. Durchschnittsgeschwindigkeit achtzig Kilometer pro Stunde. Hinter Gustav Muth bin ich Zweiter geworden, auf NSU.»
«Gratuliere!» Katzmann streckte dem jungen Mann die Hand hin. «Dann können Sie mir ja vielleicht meine Kiste reparieren …»
Das konnte dieser tatsächlich, und nach einer knappen Stunde knatterte Katzmann durch die ruhigen Straßen von Pirna. Seine Maschine schaffte sogar den Anstieg hinauf zum Schloss Sonnenstein, von dem aus er – so hatte man es ihm an der Tankstelle beschrieben – über die Berg-, die Schandauer und die Hohe Straße die Sanitätsrats-Villa an der Doktor-Friedrichs-Höhe erreichen konnte. Er ließ seine Maschine hundert Meter vor Erreichen des Zieles ausrollen, zog den Zündschlüssel ab und hob erst einmal seinen Hund aus dem Beiwagen.
«So, Harry, such dir die schönste Toreinfahrt aus …» Wer hier wohnte, hatte ein Recht darauf, auch einmal mit den beschissenen Seiten des Lebens in Berührung zu kommen.
«Guerre aux châteaux! Paix aux chaumières!»
«Wie?», fragte Harry.
Katzmann lachte. Manchmal hatte er das Gefühl, sein Hund würde mit ihm sprechen. Sicherheitshalber übersetzte er ihm den Spruch aus den Zeiten der Französischen Revolution: «Krieg den Palästen! Friede den Hütten!»
Harry bellte zustimmend und legte postwendend eine wunderschöne Tretmine. Katzmann bedankte sich bei ihm und setzte ihn wieder in den Beiwagen. Was nun? Einen Plan hatte er nicht. Und als ihm nichts einfiel, murmelte er: «Da vertraue ich ganz meiner Intuition.» Ohne ein Hauch von Selbstironie war jeder Mensch unerträglich, und Katzmann wollte immer gut mit sich auskommen. Ein Glück, dass er Brillenträger war! So konnte er seine Sehhilfe erst einmal in die Hand nehmen und putzen. Das brachte Zeit. Er überlegte. Klingelte er jetzt bei Dr. Florschütz, machte garantiert keiner auf. Klar, der Schock. Wer seine Frau versehentlich erschossen hatte, befand sich am nächsten Tag ganz sicher in einem fürchterlichen Zustand und konnte leicht ein Fall für Schloss Sonnenstein werden, die Landesheil- und Pflegeanstalt gleich nebenan.
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