So verließen die Klöstitzer Bauern, somit auch mein Vater, ihre Heimat.
Am Morgen des 30. September 1940 begann für die Klöstitzer der Abschied von ihrem Dorf. Mit Pferd und Wagen ging es zum Donauhafen Galatz. Die Männer machten mit ihren Wagen den Anfang der Umsiedlung nach Deutschland. Es folgten die Frauen mit ihren Kindern in Bussen und auf LKW. Es ereigneten sich herzzerreißende Abschiedsszenen am Wegesrand, bis sich dann die Fahrzeuge in Gang setzten. Ich hatte ein großes Problem mit meinem bulgarischen Hirtenhund Tschornig, der unserem Bus nachlief, bis ihn der aufgewirbelte Steppenstaub verschlang. Es tat mir in der Seele weh und meine Tränen konnte ich nicht zurückhalten. Es war eine Tragödie zu sehen, wie das freigelassene Vieh umherirrte. Da wünschten sich sicherlich alle, in unserem Dorf Klöstitz zu bleiben. Noch hörten wir den Glockenklang der Klöstitzer Kirche, bis ihn das Motorengeräusch des Busses übertönte. Die Weiterfahrt nach Galatz, wo uns die Donauschiffe erwarteten, wurde mit Klagen und Weinen der Frauen und Kinder begleitet.
Pastor Immanuel Baumann verabschiedet die letzten Klöstitzer.
Am späten Nachmittag erreichten Busse und LKW den Donauhafen Galatz, wo die Umsiedler in bereitliegenden Schiffen an Bord gingen. Es herrschte drangvolle Enge an Bord, zumal noch die Väter der Familien hinzukamen. Kurzfristig kam Freude auf, waren doch die Familien wieder vereint. In die Freude des Zusammenseins hinein ertönten die Schiffssirenen und ein Schiff nach dem anderen nahm donauaufwärts Fahrt auf. Diese endete nach zwei Nächten und einem Tag in Serbien bei Belgrad. Nach einer Woche Lagerleben ging es mit der Eisenbahn in das Deutsche Reich, wieder in ein Lager. Das Lagerleben in Mülhausen Thüringen dauerte bis 1941. Dann siedelte das NS-Regime die bessarabischen Bauern im besetzten Polen an.
Heute beleben moderne Schiffe die Donau
Dampfschiffe brachten 93.000 Bessarabiendeutsche 1940 nach Semlin (Serbien)
Das Leben im besetzten Polen endete wegen des Krieges gegen Russland im Januar 1945. Als Familie ohne unseren Vater mussten wir uns mit Pferd und Wagen am 04. 01. 1945 auf die Flucht nach Deutschland begeben. So verloren wir zum zweiten Mal innerhalb von fünf Jahren unsere Heimat. Vater war Soldat an der Ostfront, wo er an einem verlorenen Krieg teilnehmen musste. Nach einer 14tägigen Flucht war Mutter mit uns vier Geschwistern per Eisenbahn am 21. 01. 1945 in Belzig, Mark Brandenburg, angekommen. Hier hat man uns warme Mahlzeiten verabreicht und unsere erfrorenen Gliedmaßen behandelt. Das Dorf Mörz bei der Kreisstadt Belzig wurde unsere dritte Heimat.
Der Krieg erreichte uns noch einmal im Mai 1945 mit voller Wucht und wieder gab es viele Tote und einige Bauerngehöfte im Dorf brannten nieder.
NEUANFANG 1945 IN DER RUSSISCHEN ZONE
Als die seelischen und moralischen Wunden, die uns der Krieg geschlagen hatte, nicht mehr so wehtaten, gingen wir Heimat- und Mittellosen ohne finanzielle Mittel daran, den Neuanfang zu wagen. Dies geschah, indem Mutter als Magd und ich als Knecht stundenweise auf dem Bauernhof eine Arbeit aufnahmen. Später erhielten wir eine Vollbeschäftigung, die bis zum 15. 10. 1947 andauerte, dann erlernte ich in Belzig den Schmiedeberuf. Mein Lehrbetrieb war mit kurzer Unterbrechung für viele Jahre mein Arbeitsplatz, bis ich 1966 die Meisterprüfung ablegte und den Betrieb übernahm. Diesen kleinen Reparaturbetrieb baute ich zu Gunsten einiger VEB-Betriebe zur Serien-Produktionsstätte aus. Mit meinen Mitarbeitern erzielte ich hohe Umsätze, was vom Finanzamt jährlich überprüft und bestätigt wurde.
So fing alles es an
In dieser alten Schmiede lernte ich und machte Kariere
Amtlicherseits abgesichert, konnte ich sagen, die Investition und vor allem die eigene Arbeit hatten sich gelohnt. In der Zeit meiner Aufbauphase war aus der Russischen Zone die so genannte DDR entstanden, die den Privatunternehmen nicht wohlgesonnen gegenüber stand und 1972 die Sozialisierung derselben beschloss. Dem widersetzte ich mich mit allen Mittel der Rechtsprechung des Landes. Ich verwehrte mich entschieden dagegen, mir als Arbeiter- und Bauernsohn mein Lebenswerk zu nehmen. Auch mein Hinweis, dass meine Eltern durch Krieg, Flucht und Vertreibung schon zweimal Habe und Heimat verloren hatten, stieß auf taube Ohren. Ich beschwerte mich und riet, dass hierzulande die Diktatur des Proletariats solche Fehler wie Hitler und Stalin nicht machen sollten. Meine Verärgerung war so groß, dass ich der Abordnung Hausverbot erteilte.
Das war wohl zu viel für die SED- und Stasi-Genossen, so dass sie beim Verlassen der Werkstatt mir Folgen androhten, weil ich mich nach ihrer Meinung mit der Staatsmacht angelegt hätte. Fortan wurde gegen mich ermittelt, so dass ich spürte, wie eine Lawine auf mich zurollte. Dies bestätigte sich Wochen später, als ich eine Ladung der VP (Volkspolizei) erhielt, „zwecks Klärung eines Sachverhalts“ nach Potsdam zu kommen. Wie es in Diktaturen üblich ist, wird kurzer Prozess gemacht. Ein Uniformierter brachte mich zu einem Staatsanwalt, der mir meine angeblichen Vergehen vortrug. Es waren dies:
1 Verbrechen zum Nachteil sozialistischen Eigentums
2 Widerstand gegen die Staatsgewal.
3 Boykotthetze
Als ich dann noch einem Haftrichter vorgeführt und verhaftet wurde, brach eine Welt in mir zusammen. Ein Beamter der JVA legte mir die Handschellen an und brachte mich auch in die U-Haft Potsdam. Auf dem Weg dorthin wurde ich von ihm misshandelt. Sein Schlagstock landete des Öfteren in meiner Nierengegend, so dass mir die Luft wegblieb. Auch auf dem Weg zur Sammelzelle spürte ich seinen Knüppel auf meinem Rücken. Als 18. U-Häftling stieß mich der Schließer in die Zelle hinein, mit dem Bettzeug auf den Händen machte ich eine Bauchlandung. Nun war ich in der Hölle angekommen und bezog ein Dreistockbett, ganz oben unterhalb der Zellendecke.
FOLTERHAFTE TAKTIK IN DER U-HAFT
Die erste Nacht in der U-Haft belastete mich sehr, zumal meine Familie nicht wusste, wo ich abgeblieben war. Auch die Ankündigung des Schließers, dass ich diese Nacht nicht vergessen werde, bestätigte sich. Zum wiederholten Male riss man mich in dieser Nacht bei höllischem Lärm aus dem Schlaf und brachte mich zum Verhör. Immer spürte ich den Knüppel im Rücken und ich musste mir Sprüche anhören: „Wir haben bis jetzt alle klein gemacht!“ Diese Schikanen dauerten etwa eine Woche bei Tag und Nacht. Als der Druck nachließ und etwas Ruhe eintrat, machte ich den Versuch, das Geschehene einzuordnen. Ich stellte fest, dass mir die Hände gebunden waren und ich der DDR Stasi-Diktatur voll ausgeliefert war.
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