Wie nun weiter? Ich steige aus, renne zum Gasthof, dessen vordere Mauer abgerissen ist. Gelbe Gartenstühle, von der holprigen Straße aus zu erkennen, sind im Tanzsaal gestapelt – als wäre die Zeit stehengeblieben. An der Kellertreppe pfeife ich zweimal, Weste taucht auf. „Es geht los“, flüstere ich und laufe zum Auto zurück. „Sie müssen mir helfen, bitte. Die Bücherkiste ist soo schwer.“
„Gut, gut.“ Der dicke Mann folgt mir. Im Tanzsaal zeige ich zur Kellertreppe. Ahnungslos stampft er sie nach unten. Ich bleibe dicht hinter ihm.
Der Keller wird von einer Taschenlampe spärlich erhellt. Der Direktor bläst die Backen auf, schüttelt den Kopf. „Wollt ihr mich verklapsen?“
Ich halte die Luft an, der Dicke kreiselt herum. „Ist ja unerhört.“
Oben wird ein Zaunfeld vor den Kellereingang gewuchtet. Bums! Das ist ja unheimlich. Ich lehne mich an die kühle, aus großen Steinen gefügte Kellerwand. Die Taschenlampe verlischt, ich höre nur Atemgeräusche. Ein Feuerzeug flammt auf, der Direktor massiert sein Schienbein, schiebt mit einem Ruck aus dem Schultern heraus ein Regal zur Seite, ragt wie ein Fels auf. Ich angle nach der Taschenlampe, knipse sie an. Jule hat ihre schriftlichen Notizen zu einer Papierrolle gewurstelt und sitzt wie ein verängstigtes Vögelchen in der Ecke. Weste hat sich hinter einen windschiefen Schrank am Eingang verkrochen. Und der dünne Tim, dessen abstehende Ohren mir ausgerechnet jetzt auffallen, kauert in der anderen Ecke, neben einem Haufen Kartoffeln, die fürchterlich stinken. Ab und zu fummelt er an seiner Nase herum. Der Direktor kommt auf mich zu, sieht mich böse an, hebt den Arm und …, will er mir eine kleben?
Weste greift nach der Taschenlampe und schwenkt sie hin und her. Wie ein Lehrer beginnt er laut und deutlich zu reden. „Alles wird kaputt gemacht, alles. Wir wollen mit Ihnen, Herr Direktor, eine Aussprache führen.“ Weste schnieft. „Sie müssen was unternehmen.“
Bei der Anrede „Direktor“ hat der Direktor angefangen, schallend zu lachen. Da kenne sich einer aus. Er wippt und prustet, der oberste Knopf seines Hemdes springt auf. „Ich – Direktor?“ Der Dicke gluckst, fährt sich durch seine Haare, dreht sich um und blickt forschend – dabei immer noch eine Spur belustigt – die Kellertreppe aufwärts. Jonas wird sichtbar, grinst dämlich. Mensch, weshalb grinst die Lusche, der Direktor wird ausrasten.
Und wirklich: der Mann spurtet überraschend flink nach oben, drückt das Zaunfeld zur Seite, schnappt sich Jonas und schleift ihn in den Keller.
„Klartext, ihr Rasselbande, ich bin kein Direktor, sondern der Fahrer des Direktors.“ Er mustert uns der Reihe nach. Lea knetet ihre Hände, Tim zerquetscht eine faule Kartoffel, Jule bosselt an ihrer Papierrolle herum. Wird Weste, der mit offenem Mund zu diesem Fahrer des Direktors starrt, die Situation retten können? Er klappt seinen Mund zu und wieder auf und will etwas sagen. Der Dicke lässt ihn nicht zu Wort kommen. „Hummelsprung ist mein Name, Bruno Hummelsprung. Wo brennt es denn?“
Wir waren auf etwas anderes gefasst und sind von der Rolle. Will uns der Mann austricksen? In die gruselige Stille hinein redet Weste von der Siedlung, in der wir uns echt wohlfühlen, und dass es jetzt soweit sei – Vertreibung, Abriss. Bruno Hummelsprung reibt über seinen linken Ärmel. Auf einmal federt Lea empor. „Die alte Frau Warsönke ist fertig, fix und fertig. Herr Hummel, äh, Herr Hummelsprung, können Sie das verstehen? Die Emma Warsönke gehört nach Billerbach Und jetzt wird sie aus ihrem Haus mit dem großen Garten vertrieben.“ Lea beißt sich auf die Lippen. Bruno Hummelsprung ist ganz erschrocken.
Weste geht einen Schritt auf Hummelsprung zu. „Der Direktor muss Billerbach retten.“
„Wie stellt ihr euch das vor? Als ob mein Chef das allein entscheiden kann.“ Hummelsprung knöpft an seinem Hemd.
Plötzlich klingelt es, klingelt es in Hummelsprungs Gesäßtasche. Der Fahrer zieht ein Handy hervor. „Ja, in Ordnung, Herr Direktor, ich beeile mich“, spricht er in das Gerät.
Oh, der richtige Direktor hat sich gemeldet. Was wird dieser Hummelsprung machen? Er presst das Handy an sich, holt tief Luft, schaut auf seine Armbanduhr und... Grußlos verlässt er den Keller.
Uns hat eine Art Lähmung befallen. Erst nach Minuten trotten wir zu den Fahrrädern, die an dem Gerippe des Feuerwehrturms stehen. Ich setze mich mit gespreizten Beinen auf Tims Gepäckträger. Im Ort kommt uns Frau Müchelschmitt entgegen. Sie führt den „Schluckspecht“, das ist die Getränkeverkaufsstelle im Flachbau hinterm Frühlingsplatz. Frau Müchelschmitt stoppt, drückt ihre Einkaufstasche wie ein Schutzschild an den Bauch und stiert zu vier Männern, die vor dem Bürgermeisteramt ein dreibeiniges Messgerät aufstellen. Eilig läuft sie weiter.
„Für heute reicht es“, sagt Tim. Er verlangsamt, und ich hechte vom Fahrrad herunter. Fühle mich total mies.
VOR MONATEN, AN EINEM ZIEMLICH SAUIGEN MÄRZTAG MIT REGENSCHAUERN UND MATSCH, kam es mir so vor, als würde die Luft knistern. Erwachsene standen in Grüppchen zusammen und tuschelten, oder sie klammerten sich an die Einkaufswagen vor dem Supermarkt, schüttelten die Köpfe, zeigten sich gegenseitig einen Vogel, unser Nachbar säbelte mit seinem eingerollten Regenschirm herum. So ein kurzhaariger Kerl mit Ring im Ohr tönte: „Hier geht das Licht aus, ich mache den Abflug, habe mir schon in München eine Arbeitsstelle ausgeguckt.“
Diese unterirdische Stimmung hielt sich in Billerbach. Onkel Helmut war ungenießbar, und das Lachen von Frau Müchelschmitt, die so gern lacht, war dünner und seltener geworden. Eines Tages flatterte meinen Eltern eine Einladung zu einer Einwohnerversammlung ins Haus, unterschrieben vom Bürgermeister. Mutter hielt sich am Tisch fest: „Jetzt wird es ernst.“
Vater lachte verlegen auf. Und als er plötzlich von seinem Opa redete, vermutete ich ein Ablenkungsmanöver. Sein Opa hätte gesagt, man darf sich nicht alles gefallen lassen. Vater ballte die Faust und ließ sie krachend auf den Tisch sausen. Mutter knallte sich vor den Fernseher und stellte auf laut.
Meine Eltern waren ziemlich geschlaucht von der Einwohnerversammlung im Café Sorgenfrei wiedergekommen. „Keine Einigkeit“, schimpfte Vater, „zwei Meinungen sind aufeinandergeprallt. Erstens: der Tagebau muss noch größer gemacht werden, größer, größer, damit genügend Kohle gefördert wird, und zweitens ...“ Vater fuhr mit beiden Händen durch seine Haare. „Zweitens, das Werk wird dicht gemacht und wir sollen doch froh sein, wenn wir dann diese Dreckschleuder nicht mehr vor der Nase haben.“
Mutter fuhr mit einem Wischtuch unsinnig am Kühlschrank herum. Vater brezelte sich auf die Eckbank und zog an den Fingern, dass es krachte. „Die im Schlips und weißen Hemd haben geredet und geredet, dass einem der Kopf rauchte. Es lebe die Kohle, haben sie gesagt. Aber einer, ich kenne ihn vom Sehen, ein Ingenieur aus der Forschungsabteilung, der schlug ganz andere Töne an. Vorsicht, hat er gewarnt, Vorsicht, es gibt Umweltprobleme.“
Mutter hob die Augenbrauen. „Der kleine Herr Lobock aus dem Amselweg hat gefragt: Was habe ich bloß verbrochen, dass ich hier raus soll? Und unser lieber Bürgermeister hat rumgeeiert, wollte es jedem recht machen.“ Mutters Stimme klang piepsig.
Vater fing an, Zeitung zu lesen. Jedenfalls tat er so. Mutter faltete das Wischtuch ganz ordentlich zusammen und flüsterte: „Ich habe richtige Angst – Zukunftsangst.“
Ich trabte in mein Zimmer und blickte auf den kleinen Tisch, genau auf das Smartphone. Auf einmal flimmerte dort der Opa heran. Selbstbewusst strich er über seinen Schnurrbart. „Nichts gefallen lassen, Leute.“
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