Nach Triest der wichtigste Handelshafen Österreich-Ungarns: die Hafenmole von Fiume. Photochromdruck, um 1890.
Inspiriert von einem Vortrag Noes über die Bucht des Quarnero, greift Schüler daher dessen Idee begeistert auf und entwickelt sein eigenes Konzept: Hier, wo jetzt nur Fischerhütten stehen und grüne Lorbeerwälder, soll für die Reichen der Monarchie eine neue Attraktion aus dem Boden gestampft werden, ein „Brighton im Sommer und ein Cannes im Winter“, wie es Noe formuliert. Nach dem Vorbild der großen Eisenbahnhotels am Semmering und in Toblach soll nun auch an der Adria ein neues Tourismuszentrum entstehen, die „Gesellschaftlichen Hotels“ am Quarnero sollen Kristallisationspunkte für den wachsenden Trend zum Meer werden und entsprechend Geld in die Kassen spülen. Der notwendige Bahnanschluss ist bereits vorhanden: 1873 hat die Südbahn die Strecke von St. Peter in der Krain (Pivka) nach Fiume fertiggestellt; von der Station Mattuglie sind es noch sieben Kilometer mit dem Pferdefuhrwerk nach Abbazia, das so von Wien aus direkt und bequem „über Nacht“ erreicht werden kann.
Verwitterte Erinnerung: das Denkmal für Südbahn-Generaldirektor Friedrich Julius Schüler im Angiolina-Park.
Abbazia wird zum „maritimen Vorort der Metropole“ Wien: Die 1873 fertig gestellte Südbahn knüpft die entscheidende Verbindung. Aus: Heinrich Noe, Österreichische Südbahn. Von der Donau zur Adria (Zürich o. J.).
Das Vorhaben des umtriebigen Südbahnmanagers, der 1884 die österreichische Staatsbürgerschaft annimmt, ist komplex, gilt es doch einerseits die Finanzierung der geplanten Großhotels in einer Umgebung ohne entsprechende Infrastruktur auf die Beine zu stellen, andererseits aber auch das Projekt mit Leben zu erfüllen und die richtigen Männer – „Promotoren“ – dafür zu finden. Erstes Ziel ist es jedoch, das Areal mit der Villa Angiolina zu erwerben, und man muss sich beeilen, denn inzwischen ist bereits eine andere Interessensgruppe, „sogenannter Gründer“, an den Grafen Chorinsky mit einem Kaufangebot herangetreten. Schüler beauftragt den ortskundigen Heinrich Noe mit der Führung der Gespräche und tatsächlich gelingt es dem enthusiastischen Bayern, Chorinsky vom Angebot der Südbahngesellschaft zu überzeugen, und das obwohl er nicht der Bestbieter ist – der Graf zieht jedoch das Angebot der Südbahn vor, von „deren Verwaltung er sicher sein konnte, dass sie mit ihren auf die Hebung des Verkehrs und auf den allgemeinen Nutzen gerichteten Bestrebungen bei ihren technischen und anderen Mitteln, bei dem Einflusse, welcher ihr zur Verfügung stand, aus seinem unvergesslichen Besitz am Südmeer etwas anderes zu machen wissen werde, als eine Gruppe von Spekulanten, deren nächste Absichten nur die einer rücksichtslosen Ausbeutung sein konnten“. Am 18. Juli 1882 wird der Kaufvertrag unterzeichnet – für 100.000 Gulden geht das „Object“ an die Südbahn; ein angemessener Preis, wenn man bedenkt, dass 1910 die Villa Angiolina zusammen mit dem Park um stolze 2,5 Millionen Kronen verkauft werden wird.
Friedrich Julius Schüler
Sofort danach beginnen die Bauarbeiten, die Pläne dazu hat man bereits fertig in der Schublade. Auch an die Versorgung der zu erwartenden Gäste mit frischem Obst und Gemüse wird gedacht: In dem kleinen Dorf Ika, zwischen Abbazia und Lovrana gelegen, erwirbt die Südbahngesellschaft einen der größten Landwirtschaftsbetriebe der Gegend, die „Campagna Colona“, zu der damals auch noch Weingärten gehörten.
Nicht ganz einfach ist es, das für den Hotelbetrieb notwendige weibliche Dienstpersonal zu finden. Wichtigster Arbeitgeber der Region für junge Frauen ist die Zigarrenfabrik in Fiume, bekannt für ihre Virginias. Etwa 2.000 Arbeiterinnen sind hier bei relativ gutem Lohn beschäftigt, ein Wechsel ins Hotelgewerbe daher für sie uninteressant. So ist man gezwungen, Köchinnen und „Kammerzofen“ aus Böhmen und Ungarn anzuwerben; die Kellner kommen aus Wien.
Für den Posten des Chef-Kurarztes hat Schüler einen aufstrebenden Wiener Mediziner im Visier, der sich auf Balneologie spezialisiert hat und inzwischen in Rohitsch-Sauerbrunn (heute: Rogaška Slatina ) als „landschaftlicher Brunnenarzt“ praktiziert und an der Universität Graz Hydrotherapie und Balneotherapie lehrt: Dr. Julius Glax (1846 – 1922), den Sohn des Historikers Heinrich Glax. Durch erste wissenschaftliche Arbeiten hat sich Glax den Ruf eines Reformers und kompetenten Kritikers erworben, eines Mannes, der modern und zukunftsorientiert denkt. Die Diskussion um Abbazia kann diesem engagierten Arzt nicht verborgen bleiben: Angeregt durch die begeisterten Schilderungen Schweiger-Lerchenfelds (siehe unten), reist Glax, der sich 1876 in Graz habilitiert hat und 1880 vom Kaiser zum k. k. Universitätsprofessor ernannt worden ist, zum ersten Mal im September 1883 nach Abbazia und begibt sich dann nach Wien, wo er zunächst dem Wirtschaftsfachmann Wilhelm Freiherrn von Schwarz-Senborn seine Eindrücke schildert, und dieser vermittelt ihm schließlich eine Unterredung mit Schüler.
Lenkt als Vorsteher der Kurkommission jahrzehntelang die Geschicke des Seebads: Dr. Julius Glax.
Glax erkundigt sich dabei ausführlich nach den Plänen der Südbahn: Wolle man nur eine Hotelanlage errichten oder tatsächlich einen Kurort gründen? Falls man Letzteres anstrebe, müsse die Gesellschaft auch die Schaffung „entsprechender Einrichtungen wie Wasserleitung, Kanalisation, Bäder, hydropathische Anstalt, Milchwirtschaft“ im Auge haben, weiters sieht das sehr fortschrittliche „Hygienekonzept“ des ambitionierten Balneologen die „einwandfreie Beseitigung der Abfallstoffe, geeignete Isolierrräume für infektiöse Kranke, Desinfektion und Desinfektionsräume, Leichenkammern, entsprechende Einrichtungen für Krankenpflege, Krankentransport, Rettungswesen und Feuerwehr, Überwachung der Kurmittel und ihrer Verabreichung“ und auch eine „Überwachung der Lebensmittel“ vor, daneben müsse aber auch die „Ruhe im Kurort“ gewährleistet sein. Als sich Schüler mit diesen zum Teil sehr kostenintensiven Forderungen konfrontiert sieht, gibt er offen zu, dass man sich noch nicht endgültigfestgelegt habe, lädt aber Glax zu einem längeren Aufenthalt in Abbazia ein, was dieser ab dem Oktober 1885 auch wahrnimmt. Da sich zu dieser Zeit auch der angesehene Müchner Laryngologe Max Joseph Oertel (1835 – 1897) und der berühmte Chirurg Theodor Billroth (1829 – 1894) in Abbazia aufhalten, bittet Schüler die drei Mediziner zu einem Consilium über die Zukunft Abbazias – auf Anraten der drei Gelehrten entscheidet sich Schüler endgültig für eine Zukunft Abbazias als Kurort. So vertritt der celebre Münchner Mediziner, der sich auch noch in den 1890er-Jahren am Quarnero aufhalten wird, die Meinung, dass sich Abbazia wegen seines hohen Luftdrucks – 760 Millimeter im Mittel – und seiner „staub- und keimfreien Seeluft“ vor allem als Kurort für Herzkranke eigne und als solcher in die „vorderste Linie“ zu stellen sei.
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