(32) Sie aber verstanden das Wort nicht, und sie fürchteten sich, ihn zu fragen .
(33) Und sie kamen nach Kapernaum, und als er im Haus war, fragte er sie: »Worüber habt ihr auf dem Weg gestritten? « (34) Sie aber schwiegen. Miteinander hatten sie nämlich auf dem Weg überlegt, wer der größte sei .
(35) Und er setzte sich und rief die Zwölf und sagt ihnen: »Wenn jemand erster sein will, soll er letzter von allen und der Diener von allen sein.« (36) Und er nahm ein Kind und stellte es in ihre Mitte, umarmte es und sagte ihnen: (37) »Wer eines von diesen Kindern in meinem Namen aufnimmt, nimmt mich auf. Und wer mich aufnimmt, nimmt nicht mich auf, sondern den, der mich gesandt hat.«
(38) Es sagte zu ihm Johannes: »Lehrer, wir sahen jemanden in deinem Namen Dämonen austreiben und wir haben ihn daran gehindert, weil er uns nicht nachfolgte.« (39) Jesus aber sprach: »Hindert ihn nicht! Denn es gibt keinen, der in meinem Namen ein Wunder tun wird und bald darauf schlecht über mich reden kann. (40) Wer nämlich nicht gegen uns ist, ist für uns. (41) Wer nämlich euch einen Becher Wasser zu trinken gibt im Namen, daß ihr zu Christus gehört, amen, ich sage euch, er wird seinen Lohn nicht einbüßen.«
Redaktion
V. 30-32: Die Leidens- und Auferstehungsvoraussage entspricht 8,31. Das Motiv der Geheimhaltung findet sich auch 5,43. Das Jüngerunverständnis erscheint bereits 8,32 (vgl. 10,32).
V. 33-34 sind mk Einleitung der folgenden Szene.
V. 35: Mk hat die Zwölf in den Text eingetragen.
V. 36-37: Mk hat V. 36 unter Einwirkung von 10,16 fingiert. V. 37 »gibt eine Regel für die Zeit, wo Jesus nicht mehr selber auf Erden weilt, sondern nur vertretungsweise Beweise der Liebe empfangen kann, da sein Name unter seinen Anhängern fortlebt« (Wellhausen, 396).
V. 38-40 ist ein Traditionsstück, das Mk hier anfügte, um den Gedanken vom unverständigen Jünger weiter einzuschärfen. Gleichzeitig mag der Stichwortanschluß »in deinem Namen« (V. 38) an »in meinem Namen« (V. 37) eine Rolle gespielt haben. Das Erscheinen des Johannes in V. 38 dürfte aus 10,35-45 zu erklären sein, wo Johannes (samt seinem Bruder Jakobus) ebenfalls mit einem Anliegen an Jesus herantritt.
Tradition
V. 35b und V. 37: Mk fand beide Sprüche schon in einer sekundären, paränetisch ausgerichteten Fassung vor (zu V. 37 vgl. Lk 10,16/Mt 10,40; Joh 13,20).
V. 38-40: Die Jüngerschaft tritt als eigene Gruppe auf. V. 38 ist ein singulärer Beleg für die Aussage, daß jemand anders den Jüngern nicht nachfolgt. Also geht es um ein Problem der Gemeinde. V. 39-40: Eine profane Parallele zu V. 40 findet sich bei Cicero, Reden 41: »Für uns sind alle Gegner, außer denen, die mit uns sind, für Cäsar sind alle die Seinen, soweit sie nicht gegen ihn sind.«
V. 41 knüpft an V. 37 an und bildete mit ihm vielleicht traditionell eine Einheit.
Historisches
V. 35b und V. 37a: In beiden Sprüchen wird zuweilen der Geist Jesu wiederentdeckt. »Gibt das erste einen Blick frei auf den Geist, der in der Jüngerschaft herrschen soll, so deutet das zweite nur noch die Stellung Jesu zu den sozial schwachen Kindern an« (Gnilka, Mk I, 57). Doch muß das unbefriedigend bleiben.
V. 38-40: Die Episode ist unhistorisch, da eine Gemeindesituation zugrunde liegt. Außerdem erscheint es als ausgeschlossen, daß bereits zu Lebzeiten Jesu Menschen außerhalb seiner Jünger sich auf seinen wundersamen Namen berufen haben könnten. In V. 40 handelt sich überdies um einen Spruch, der nachträglich christianisiert worden ist. Man vgl. als Analogie das Jesus in den Mund gelegte Wort »Geben ist seliger als nehmen« (Apg 20,35), das als persischer Grundsatz bei Thukydides II 97,4 erscheint.
V. 41: Die Zugehörigkeit zu Christus weist auf die Gemeinde und nicht auf das Leben Jesu. Das Wort ist daher unecht.
Mk 9,42-43.45.47-50: Von der Verführung zur Sünde. Sprüche vom Salz
(42) »Und wer einem dieser Kleinen, die glauben, Ärgernis gibt, es wäre besser für ihn, wenn ein Mühlstein um seinen Hals gelegt wird und er ins Meer geworfen würde.
(43) Und wenn dir deine Hand Ärgernis gibt, haue sie ab! Es wäre besser für dich, verstümmelt in das Leben einzugehenals zwei Hände zu haben und in die Gehenna, in das unauslöschliche Feuer, wegzugehen.
(45) Und wenn dir dein Fuß Ärgernis gibt, haue ihn ab! Es wäre besser für dich, lahm in das Leben einzugehen,als mit zwei Füßen in die Gehenna geworfen zu werden.
(47) Und wenn dein Auge dir Ärgernis gibt, reiß es aus! Es wäre besser für dich, einäugig in das Reich Gottes einzugehen, als mit zwei Augen in die Gehenna geworfen zu werden, (48) wo ihr Wurm nicht verendet und das Feuer nicht erlischt.
(49) Denn jeder wird mit Feuer gesalzen werden . (50) Gut ist das Salz . Wenn aber das Salz schal geworden ist, womit würzt ihr es? Habt Salz in euch und bewahrt Frieden untereinander! «
Textkritische Vorbemerkung: V. 44 und V. 46 gehören nicht zum ursprünglichen Text.
Redaktion
V. 42-48: Mk setzt mit dieser aus der Überlieferung geschöpften Spruchfolge die mit V. 33 beginnende Belehrung der Jünger fort. V. 42: »Kleine(n)« nimmt »Kind(er)« in V. 36-37 auf. V. 48 schließt die Einheit mit einem Zitat aus Jes 66,24 ab.
V. 49 ist mk Überleitung zum nächsten Vers.
V. 50: Mit der Aufforderung zum Frieden lenkt Mk zum Ausgangspunkt des Jüngerstreites in V. 33-34 zurück und formuliert den Ertrag des eingeschobenen Traditionsstückes, nämlich Frieden miteinander zu bewahren.
Tradition
»Das Geröll isolierter und paradoxer Aussprüche Jesu in 9,33-50, die sich da ausnehmen wie unverdaute Brocken, ist höchst charakteristisch und ohne allen Zweifel das literarisch Primäre. Wie hätte Mc dazu kommen sollen, dieselben aus dem Zusammenhange zu reißen und dadurch unverständlich zu machen?« (Wellhausen, 397). Zu V. 43 und V. 47 finden sich unabhängig von Mk Parallelen in Mt 5,30 und 5,29.
V. 42-48 dürften Teil eines in 9,33-50 eingeflossenen vormk Gemeindekatechismus sein. V. 42 greift (zusammen mit V. 41) in formaler Hinsicht auf V. 37 zurück. Auf das Stichwort »Ärgernis geben« (V. 42), das hier immer die Verführung zum Abfall vom Christentum bedeutet, folgen in V. 43.45.47f drei parallel gebaute Sätze. Es fällt auf, daß im Nachsatz das Eingehen in das Leben (V. 43.45) bzw. in das Reich Gottes (V. 47) jeweils mit dem Geworfen-Werden in die Gehenna kontrastiert wird. (Die Gehenna ist eine Talschlucht südlich von Jerusalem, in der nach jüdischem Volksglauben das Endgericht stattfinden soll.) Zuvor spricht Jesus in radikaler Weise jeweils die Aufforderung aus, im Falle eines Ärgernisses die dieses verursachenden Körperteile zu zerstören.
Offene Fragen: a) Wie verhält sich »Leben« zu »Reich Gottes«? b) Wie ist die Metaphorik zu deuten? Ich setze voraus, daß die Zerstörung der Ärgernis erregenden Gliedmaßen nicht wörtlich zu nehmen ist. Gehört das zur mk Gemeinde, in der auch andere metaphorische Interpretationen festzustellen sind? S. nur 8,14-21. Vgl. zur Metaphorik noch die Ausführungen zu Mt 5,29-30.
Daß allgemein eine Gemeindesituation zugrunde liegt, belegt eindeutig V. 42, der in technischer Terminologie von den Kleinen, die glauben, spricht.
V. 50: Vgl.Mt 5,13/Lk 14,34f. Die dort vorliegende Q-Fassung des Salzwortes ist traditionsgeschichtlich älter.
Historisches
V. 42-48: Auch der Grundbestand dieser Worte geht nicht auf Jesus zurück. Denn für alle ist eine Gemeindesituation vorauszusetzen. Zur Unechtheit der Worte Jesu in V. 43 und V. 47 vgl. die Ausführungen zu Mt 5,29-30.
Читать дальше